Bilanz zum Jahresbeginn

Frau sitzt mit Decke und Tasse am Fenster und schaut hinaus

Thomas Weiß

„Das alte Jahr vergangen ist …“ (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 59) – na, dann will ich mal Bilanz ziehen:
Ein Rüpel mit orangefarbener Mähne ist gewählt worden (gegen meinen Willen übrigens, aber danach fragt ja keiner); drei Kurzhaarträger konnten sich aufs Bundespolitische nicht mehr einigen (warum wir am Anfang des Jahres mitten im Wahlkampf sind, auch nicht schön). Wir hatten kein Inflatiönchen, sondern eine kräftige, kostspielige Inflation (das Brot ist teurer geworden und die Möhrchen auch, Kunst und Kultur nicht minder. Gab’s eigentlich bei den Sonntagskollekten einen Inflationsausgleich?). Eine Klimakonferenz ist voraussehbar gescheitert, wir sind (da waren irgendjemandes Hände im Spiel) nicht Europameister geworden, bei Olympia war der Fluss dreckig und der Medaillenspiegel nicht wunschgemäß. Mehr Kirchenmitglieder sind’s nicht geworden und der „Tatort“ war auch schon besser … Ach ja! Und wenn ich nur Ihr Persönliches und mein Persönliches dazulege – wird das verwichene Jahr wohl auch nicht glanzvoller.
 
Da dreh ich mich schnell um und sehe: „Das neue Jahr geht an …“ (Evangelisches  Gesangbuch, Nr. 61) – na, dann will ich mal Bilanz ziehen:
Wie jetzt: Bilanz? Es ist doch noch gar nichts passiert! Das neue Jahr ist jung und die Jahre haben sich, seit es sie gibt, angewöhnt, uns nicht zu erzählen, was sie mit uns vorhaben. Sie schweigen sich aus und lassen es geschehen – und „wir müssens nur leiden“ (So steht’s im mahnenden „Schnitterlied“, das ich nur mit viel Ernst in der Stimme singen kann …). Was kommt, morgen oder übermorgen, nach der Bundestagswahl, meinem Geburtstag, nach Ostern oder Erntedank; was draus wird, aus diesem Jahr, für die Menschen in der Ukraine, die Heimatlosen im eigenen Land, für antisemitisch verfolgte Juden und antiislamisch verfolgte Muslime, für Queer-Personen und misshandelte Frauen, Kinder, Männer – kein Mensch weiß es. Und mir macht das große Sorgen. Sehr große Sorgen!
 
Darum, genau darum, ist es gut Bilanz zu ziehen! Eine andere Art von Bilanz. Ich führe mir vor Augen, was wir mit hinein nehmen in das neue Jahr, was jedem und jeder zugesagt ist und was für eine Welt nah am friedenspolitischen und klimakatastrophalen Abgrund genauso gilt: Seit alters ist uns versprochen, dass Frieden werden soll, dass die Welt geheilt wird, dass die Seelen Ruhe finden, dass Menschen lernen, versöhnt zu leben miteinander, in all ihrer Verschiedenheit. Wie das geschieht, wann das geschieht (Zeit wär’s ja!) – ich weiß es nicht.
Aber ich will mich darauf verlassen – auch gegen den Augenschein. Es ist Gott selbst, der uns das zusagt, der sich uns zusagt. Und er hat – darauf vertraue ich – nicht vor, uns zu enttäuschen, weil er in seiner Liebe nicht von uns, von den Elenden und Gepeinigten, von der seufzenden Schöpfung lässt.
 
„Von guten Mächten wunderbar geborgen …“ (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 65) – ja, das singt sich leichter, als dass es geglaubt werden kann. Noch „will das alte unsre Herzen quälen“ und das neue verrät noch nichts; aber wir nehmen einen großen Rucksack voller Zusagen, voller Liebesgeständnisse Gottes mit in die Zeit.