Mehrgenerationendorf Hirschlanden: Gemeinsam stark für Jung und Alt

Mediatheks-Tag Hirschlanden: Kinder mit Spielzeug-Dinos

Ländlich gelegen, eingebettet zwischen Hügeln und umgeben von Feldern und Wiesen. Das ist Hirschlanden, ein kleiner Ort im nordbadischen Odenwald. Schon seit einigen Jahren arbeiten die rund 400 Einwohner*innen daran, ihr Dorf für Jung und Alt lebenswert zu gestalten. Als „Mehrgenerationendorf“ wurde Hirschlanden mehrfach ausgezeichnet. Wie es dazu kam, was Hirschlanden so besonders macht und was die Kirche damit zu tun hat, erfahren wir von Ortsvorsteher Martin Herrmann. 

„Mit dem Kindergarten fing es an“, erzählt Martin Herrmann. „Wir hatten 2010 ein riesiges Problem, weil die politische Gemeinde Rosenberg damit drohte, den evangelischen Kindergarten nicht weiter mitzufinanzieren, wenn die Anzahl der Kindergartenkinder unter 10 fiele. Und das wäre für unser Dorf wirklich eine Katastrophe gewesen. Es waren ohnehin schon viele junge Familien abgewandert.“  
Kindergartenkinder mit Ziege
Spaß haben und Verantwortung lernen: Kindergartenkinder mit ihrer Ziege. 

Quelle: Martin Herrmann / Hirschlanden

Herrmann setzte sich mit dem damaligen Dekan und Pfarrer, Rüdiger Krauth, zusammen, um ein neues Konzept für den Kindergarten zu erarbeiten. Es sollte einen tier-therapeutischen Ansatz verfolgen und auch Kindern mit besonderem Förderbedarf offenstehen. Zwergziegen wurden angeschafft, ein Stall gebaut und einer Erzieherin konnte eine entsprechende Zusatzqualifikation finanziert werden. Ein Konzept, das zukunftsfähig ist. Inzwischen gibt es Wartelisten für die Aufnahme in den Kindergarten „Unterm Regenbogen“. Dort versorgen die Kindergartenkinder ihre Ziegen unter Anleitung von Erzieher*innen selbstständig. Füttern und Ausmisten der Tiere gehört schon für die Kleinsten zum Kindergartenalltag. In den Ferien übernehmen Ehrenamtliche aus der Dorfgemeinschaft die Aufgaben der Kinder.  
 
Der Erfolg dieses Projekts spornte Ortsvorsteher und Pfarrer an, die Zusammenarbeit zu vertiefen. „Die Idee war, dass wir möglichst viele Projekte von Ortschafts-Verwaltung und Kirchengemeinde verzahnen, um sämtliche Kräfte im Dorf zu bündeln und Synergieeffekte zu nutzen. Zum Beispiel beim Bau von Gebäuden zu überlegen, welche man gemeinsam nutzen und damit auch gemeinsam planen und finanzieren kann“ erinnert sich Martin Herrmann.  
 
Von Anfang an stand für beide fest, dass alle Einwohner*innen bei den Entscheidungen miteinbezogen werden sollen. Denn nur dann konnte die Idee, ein Dorf für alle Generationen aufzubauen, Erfolg haben. Eine ausführliche Bürgerbefragung mit Hilfe von Fragebögen und einer Bürgerversammlung, zeigte, dass es gerade im Sozialbereich erhebliche Bedarfe gab, die vorher niemand wahrgenommen hatte.  
 
„Wir haben schnell gemerkt, dass wir sowohl alte als auch junge Menschen bestmöglich unterstützen sollten und wir wollten möglichst viele Menschen dazu bringen, mitzuarbeiten. Wir haben schließlich Arbeitsgruppen gebildet, um die Wünsche und Bedarfe in Pläne umzusetzen. Wir sind zielgerichtet vorgegangen und haben in den Arbeitsgruppen überlegt, was notwendig ist, wie man es erreichen kann und zu welchem Zeitpunkt. Resultat war der Mehrgenerationenplan mit kurz-mittel- und langfristiger Planung für alle Bereiche des Dorfes.“  
 
Seniorinnen, Senioren und Kinder beim Mittagessen
Gemeinsam schmeckt es besser:  Senior*innen und Kinder beim Mittagstisch

Quelle: Martin Herrmann / Hirschlanden

Im Laufe der Jahre wurden so eine ganze Reihe von Projekten verwirklicht. Dazu gehört u.a. der Kisteneinkaufsservice, der Mittagstisch für Senioren, die Kaffeetafel, der Fahrdienst und die Dorf-Mediathek. Bei allen Projekten wird das soziale Miteinander großgeschrieben. Etwa beim Mittagstisch für Senior*innen, der einmal pro Monat angeboten wird. Die Organisation übernimmt die dörfliche Koordinationskraft. Sie bestellt beim Metzger im Nachbardorf Fleisch oder das vegetarische Hauptgericht. Die Beilagen bereiten Frauen aus dem Dorf zu, ehrenamtlich. Einmal im Vierteljahr sind die Kindergartenkinder dazu eingeladen und essen gemeinsam mit den Senior*innen. Das verbinde alle Beteiligten und mache sowohl den Kindern wie auch den älteren Menschen viel Freude, so Hermann. Ein kostenloses Angebot, das die Dorfgemeinschaft fördert.  
 
Doch bevor der Mittagstisch Wirklichkeit werden konnte, musste erst einmal für eine Küche und entsprechende Räumlichkeiten gesorgt werden. Auch hier verständigten sich Ortschafts-Gemeindeverwaltung und Kirchengemeinde auf ein gemeinsames Vorhaben: Das stark renovierungsbedürftige evangelische Gemeindehaus wurde generalsaniert und ausgebaut mit Zuschüssen vom Land und der Evangelischen Landeskirche in Baden.  
Das neue Gebäude beherbergt seither nicht nur Gemeinschaftsräume und eine Küche, sondern auch die Dorf-Mediathek. Sie ist ein zentraler Anlaufpunkt für die Bewohner*innen von Hirschlanden, aber auch für die Kindergärten und die Grundschulen in der Umgebung. Die Dorf-Mediathek versorgt diese Einrichtungen mit Büchern und anderen Medien. Einmal im Monat kommen die Kindergartenkinder in die Mediathek. Dann dreht sich alles um das Thema Buch. Vorlesen und Spielen stehen auf dem dreistündigen Programm, das von freiwilligen Helfer*innen aus dem Dorf mitgestaltet wird.  
 
Ein weiteres Projekt der Einwohner*innen von Hirschladen ist das „Hirschbräu“, eine kleine Brauerei mit angegliederter Gaststätte. Sie ist jeden Samstag geöffnet und geselliger Treffpunkt für alle Generationen. Für den Betrieb, für Essen und Getränke sorgen auch hier Ehrenamtliche.  
 
Auf diese Weise sind sehr viele der 400 Einwohner*innen eingebunden. Jede und
ehrenamtliche Helfer bauen einen neuen Spielplatz
Viele Hände packen mit an beim Bau eines neuen Spielplatzes

Quelle: Martin Herrmann / Hirschlanden

 jeder kann sich je nach Zeitbudget und Interesse engagieren, zum Beispiel einige Fahrten für den Fahrdienst übernehmen oder bei der Organisation des Dorffestes helfen.  
 
Ehrenamtliches Engagement fällt nicht vom Himmel, weiß Ortsvorsteher Martin Hermann. Der Erfolg des Mehrgenerationendorfes liegt für ihn in gelebter Basisdemokratie: „Man muss einfach schauen, was die Menschen im Dorf brauchen und wollen. Jede Stimme zählt gleich, jede und jeder, der mitarbeitet, entscheidet, egal, ob Kind oder erwachsen, egal, ob fünf oder fünfzig Jahre alt. Das Konzept, das jeder wertgeschätzt wird, ist unser Erfolgsrezept.“ 
 
Für das lebendige Dorfleben hat Hirschlanden schon viele Preise erhalten. So wurde der Kindergarten 2023 als Leuchtturm-Projekt des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. 2015 wurde Hirschlanden Landessieger beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“. Ministerpräsident Winfried Kretschmann lobte den Ort als „Vorbilddorf für ganz Baden-Württemberg“.  
(08.01.2025)