„Sehnsucht ist die wilde Schwester der Hoffnung“

Dr. Urte Bejick
Impuls
Momentan muss ich mich von Büchern trennen. Ich bekomme sie einfach nicht mehr alle unter und sehe sie durch. Dieses habe ich doch mit 20 so gern gelesen … Und hier: Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“. Da habe ich tatsächlich – süß – Stellen unterstrichen. Aber das kann in den öffentlichen Bücherschrank. Denn ja, meine Hoffnung ist inzwischen fadenscheinig geworden.
„Wenn ich da mal ein Wörtchen mitreden darf!“ Wer meldet sich da? Meine Sehnsucht? „Ich will nicht, dass deine Hoffnung fadenscheinig ist.“ Ja, meine Hoffnung – auf Frieden, fröhliche Rücksichtnahme, um den Klimawandel zu mildern, auf eine menschenfreundliche Politik und Trost in persönlichen Nöten – schwächelt mitunter, wird dünner. Aber desto größer werden die Sehnsucht, das Verlangen, mein Zorn und meine Wut. Sollen Selbstzerstörung und Gleichgültigkeit das letzte Wort haben? Soll politische, zwischenmenschliche Hässlichkeit in Worten und Taten weiter grassieren?
Sehnsucht ist die wilde Schwester der Hoffnung: wo die eine schwach wird, hilft die andere ihr auf. Und wer sagt denn, dass Hoffnung nicht weh tun darf? Sie beschwichtigt nicht, dass alles nicht so schlimm wird. Sie geht das Risiko des Sehnen und Erwartens ein. Wo Sehnsucht wütend gegen die Mauern der Realität tritt, wagt Hoffnung den Blick über die Mauer, wo Frieden, Wohlwollen, Großmut, Vergebung als Möglichkeit und Verheißung blühen.
Hoffnung hat eine krächzende Stimme wie der dicke Rabe, den ich seit Monaten beobachte. Im Frühjahr trägt er unbeirrt als Rabenvater Futter ins Nest. Hoffnung geht gebückt wie die alte Frau, die immer noch das Grab ihres verstorbenen Kindes schmückt. Der Hoffnung zittern die Hände, wenn sie als junge Frau aufgeregt ihre Kleider zur Kleidertauschparty trägt. Und sie ist rot und verschwitzt so wie ich, wenn ich wieder mal im viel zu vollen und verspäteten Zug stehe, weil das Auto nun mal keine Hoffnung befördert.
„Kleinkram. Nutzt doch nichts,“ sagt die Resignation und kratzt sich den Bauch. Ja, es ist klein – und weil klein und klein und klein sich verbünden will, um sich in die ganz große Hoffnung zu stürzen, brauchen wir einander, brauchen wir, was wir im guten Sinn „Kirche“ nennen, als Schutzraum der Sehnsucht und Hoffnung: dass Frieden möglich sei und Versöhnung, dass Genügsamkeit und Schonung wachse, dass der Mensch den Menschen und Mitgeschöpfen ein Mensch sei, dass die Toten nicht ins Nichts fallen, auch nicht die Lebenden.
„Prinzip Hoffnung“ – du kommst ganz oben ins Regal. Oder besser noch aufgeschlagen auf den Nachttisch. (24.01.2025)