Vielfalt leben in der Kirche

Lebensfragen & Lebensformen
G*tt1 zeigt sich in Vielfalt. Vielfalt zu leben, ist trotzdem nicht immer einfach. Auch die Kirche muss noch diversitäts- und diskriminierungssensibler werden. Dafür setzt sich Claudia Baumann ein. Sie ist die landeskirchliche Beauftragte für Gleichstellung und Diversity und leitet die gleichnamige Stabsstelle. Über ihre Arbeit und die aktuellen Herausforderungen spricht sie im Interview.
Claudia Baumann, was meint Gleichstellung und was bedeutet Diversity?
Menschen in all ihrer Vielfalt/Diversität sind unsere Gemeindemitglieder und bringen sich ehren- oder hauptamtlich in unserer Landeskirche ein. Wir arbeiten als Stabsstelle daran, unsere Kirche gemeinsam noch inklusiver, vielfältiger und möglichst barrierefrei zu gestalten. Alle Menschen sollen an unseren Angeboten teilhaben, ihre Perspektiven und Kompetenzen einbringen und ihren Glauben teilen können.
Gleichstellung bezieht sich auf die Gleichwertigkeit aller Menschen. Deshalb fragen wir danach, wo Menschen noch diskriminiert – also benachteiligt, ausgeschlossen oder abgewertet werden. Wir arbeiten daran, die Chancengleichheit aller zu verbessern. Wir setzen uns für eine volle und gleichberechtigte Teilhabe von allen Menschen in Kirche und Gesellschaft ein.
Der Begriff Diversity nimmt dabei ganz verschiedene Vielfaltsdimensionen in den Blick. Sie betreffen unser Menschsein, beispielsweise Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, Herkunft oder Behinderung.
Warum braucht die Evangelische Landeskirche in Baden eine Beauftragte für Gleichstellung und Diversity?
Leider erfahren Menschen nach wie vor auch im kirchlichen Raum persönlich durch Menschen oder strukturell Diskriminierung aufgrund unterschiedlicher Vielfaltsmerkmale. Sie werden gewollt oder ungewollt benachteiligt oder ausgeschlossen.
Wir wollen uns nicht damit abfinden, sondern an uns und unserer Kirche arbeiten. Dazu braucht es ein gegenseitiges Sensibilisieren, konkretes Handeln im Einzelfall, das Arbeiten an Strukturen und vor allem an unserer Haltung und Kultur.
Darüber hinaus nutzen wir als Kirche an vielen Stellen noch nicht das Potential, das darin liegt, vielfältige Perspektiven, Hintergründe oder Kompetenzen in unsere kirchliche Arbeit einzubringen. Für alle Gremien, Arbeitskreise, Leitungsebenen gilt: Je vielfältiger wir gemeinsam unterwegs sind, desto kreativer, effektiver und zukunftsfähiger handeln wir als Kirche. Ein wichtiger Aspekt, der gerade in Zeiten des Umbruchs und der Transformation in den Blick genommen werden muss.
Mit welchen Anliegen können sich Menschen an dich wenden?
Menschen, die konkret Diskriminierung erfahren, können sich an mich wenden. Ebenso Gemeinden oder Gremien, die an einer diversitäts- und diskriminierungssensiblen, wie beispielsweise an einer queer-freundlicheren und rassismuskritischen Kirche arbeiten wollen.
Grundsätzlich ist es meine Aufgabe, die genannten Themen auf allen Ebenen von Kirche also auch auf oberster kirchenleitender Ebene wachzuhalten und die notwendigen Perspektiven in alle Felder kirchlichen Handelns einzutragen. Daneben frage ich auch nach der Verantwortung von Kirche für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und das gerade in Zeiten, in denen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und damit die Abwertung von Menschen aufgrund von Vorurteilen und Stereotypen zunimmt.
Im Frühjahr 2024 hat die Landessynode ein explizites Diskriminierungsverbot verabschiedet. Was bedeutet das? Warum gehen wir als Kirche diesen Schritt?
Das war in der Tat ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte unserer Landeskirche – auch deshalb, weil dieses Diskriminierungsverbot einstimmig von der Landessynode verabschiedet und damit in unsere Kirchenverfassung aufgenommen wurde. Wichtig: Implizit hat dieses Verbot in Art. 2 (1) unserer Grundordnung immer schon bestanden. Dort heißt es: „In der Gemeinschaft der Getauften, deren Haupt Jesus Christus ist, haben alle Unterschiede der Menschen ihre trennende Bedeutung verloren. Die Evangelische Landeskirche in Baden achtet in ihren Ordnungen und in ihrem Handeln die Würde jedes einzelnen Menschen als Ebenbild Gottes.“ Da es aber leider nach wie vor Erfahrungen von Ausgrenzung und Benachteiligung in unserer Kirche gibt, hat die Landessynode beschlossen, das Diskriminierungsverbot auch noch einmal explizit zu formulieren. Im Blick war neben innerkirchlichen Entwicklungen dabei auch die gesamtgesellschaftliche Zunahme gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. In Art. 2 (2) GO heißt es jetzt: „Eine diskriminierende Behandlung etwa aufgrund des Geschlechtes, des Lebensalters, der sexuellen Orientierung, der Geschlechtsidentität, einer Behinderung, einer rassistischen Zuschreibung oder ethnischer Herkunft ist unzulässig. Eine Ungleichbehandlung aus sachgebotenen Gründen bleibt unberührt.“ Sachgebotene Gründe, ungleich zu behandeln, sind etwa Regelungen zum Mutterschutz. Die Landessynode versteht den Diskriminierungsbegriff hier als „Benachteiligung, Abwertung, Beschämung und Ausgrenzung“ von Menschen. Wenn das Handeln etwa von Pfarrer*innen, Diakon*innen oder Kirchenältesten bewirkt, dass Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden, so ist dies laut Grundordnung, auf die sie per Amt verpflichtet sind, seit 1. August nicht mehr zulässig. Ich freue mich über diese klare Botschaft und Positionierung unserer Landeskirche.
Was macht dir momentan die größten Sorgen?
Aktuell sehe ich mit großer Sorge auf gesellschaftspolitische Entwicklungen insbesondere auf den Zulauf, den rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien erhalten – auch aus kirchlichen Milieus. Sehr deutlich ist mittlerweile nicht nur ein Roll-Back, sondern ein expliziter und über Grenzen hinweg politisch organisierter Push-Back feststellbar. Gleichstellungspolitik wird dabei gezielt torpediert. Rechte, die in mühsamen Kämpfen für Frauen und queere Menschen errungen wurden, werden wieder infrage gestellt. Es gibt gezielte Desinformationskampagnen. „Gender“-Themen werden instrumentalisiert, um Ängste zu schüren und Bedrohungsszenarien zu entwickeln. Viele Narrative, die hier herangezogen werden, verwenden biblische Motive. Hier haben wir als Kirche eine ganz besondere Verantwortung dafür, uns in aller Deutlichkeit und klar positioniert menschenfeindlichen Positionen und der Torpedierung von Gleichstellungspolitik im Namen der Bibel entgegenzustellen.
Welche biblischen Motive sind dir für deine Arbeit besonders wichtig?
Ein großer Schatz ist für mich das Buch der Psalmen. In den Psalmen spiegeln sich existentielle Erfahrungen von Menschen wider, die mir täglich in meiner Arbeit begegnen. So vieles wird hier zur Sprache gebracht: Erfahrungen von Gewalt, Leid, Wut, Trauer, Verfolgung, Trauma – aber auch von Widerstand, Stärke, Hilfe, Dankbarkeit, Trost, Befreiung, neuer Hoffnung und neuen Wegen. Die Psalmen bezeugen über Jahrtausende hinweg: Menschen erleben G*ttes Schalom/Frieden in Körper, Seele und Geist – immer wieder, schon heute in kostbaren Momenten – trotz allem, was sie erleiden und erdulden müssen. Sie erleben Befreiung und G*ttes Schalom in ihrer kostbaren Vielfältigkeit und auf vielfältigsten Wegen.
Dein Arbeitsbereich berührt viele wichtige gesellschaftliche Themen. Es sind aber auch anstrengende, langwierige, schwierige Themen. Wie bewahrst du dir die Hoffnung und den Elan?
Ich erhalte viele Rückmeldungen, die mir Kraft geben. Von Menschen, die sich vielleicht zum ersten Mal wirklich gehört und gesehen fühlen und die mit mir ihre Dankbarkeit dafür teilen, wie heilsam es ist, als die leben und lieben zu dürfen, die sie eigentlich sind. Die ankommen, Frieden finden, Segen erfahren und ihren Glauben an G*ttes Liebe, die weiter und größer ist als alles, was wir uns vorstellen können, mit mir und anderen teilen. (29.01.2025)
1So wie die hebräische Schreibweise des Gottesnamens JHWH die Unverfügbarkeit des Göttlichen betont, so verweist auch diese Schreibweise darauf, dass G*tt immer größer ist als das, was wir sprachlich zum Ausdruck zu bringen vermögen.
Claudia Baumann
Landeskirchliche Beauftragte für Gleichstellung und Diversity, Leitung der Stabsstelle
Telefon: +49 721 9175-107
Die Fragen stellte Monika Hautzinger.