„Hast du Angst, bald in einer Diktatur aufzuwachen?“

Blick von oben durch Glaskuppel auf leere Sitze im Bundestag

Politik & Gesellschaft

Sie macht sich Sorgen um Werte, Meinungsfreiheit und Demokratie. Magdalene Leytz ist Referentin für Demokratiebildung und sieht Desinformation derzeit als eine der größten Bedrohungen. Was man dagegen tun kann und welche Verantwortung Christ*innen haben, beschreibt sie hier. 

Neulich wurde ich gefragt, ob ich Angst habe, bald in einer Diktatur aufzuwachen. Diese Frage hat mich erschreckt. Und trotz aller Sorgen, die ich mir aktuell um unsere gesellschaftspolitische Entwicklung mache, ist meine Antwort (noch): Nein. Es sind eher diffuse Sorgen: dass Werte, die mir wichtig sind in unserer Gesellschaft weniger relevant werden könnten. Zum Beispiel die Wertschätzung von Vielfalt und die Anerkennung von Wissenschaftlichkeit. Dass sich meine Freundin aus Mexiko, die hier als Architektin arbeitet, bald nicht mehr wohlfühlen könnte, weil sie Hetze in den Sozialen Medien erfährt. Dass mir als Frau vielleicht bald nahegelegt wird, doch lieber zu Hause zu kochen als arbeiten zu gehen. Dass mir Entscheidungsfreiheiten genommen werden könnten. Ja, ich mache mir Sorgen um unsere Demokratie.  
 
Desinformation stellt meines Erachtens aktuell eine der größten Bedrohungen für moderne Demokratien dar. Insbesondere wenn sie mit antifeministischen und rassistischen Erzählungen verwoben und strategisch eingesetzt werden. In einer Welt, in der Informationen in Sekundenschnelle verbreitet werden, wird dies zunehmend zur Herausforderung. Falschinformationen, Deep Fakes oder Verschwörungserzählungen, die gezielt oder aus Unwissenheit verbreitet werden, manipulieren Meinungen und schwächen das Vertrauen in demokratische Prozesse. Wenn Bürger*innen nicht mehr unterscheiden können, was faktisch richtig und was manipulativ ist, wird die Grundlage demokratischer Entscheidungsfindung erschüttert.
  
Desinformation ist kein neues Phänomen, doch durch digitale Medien hat sie eine neue Dimension erreicht. Manipulierte Inhalte, Bilder und Stimmen können gezielt eingesetzt werden, um Verwirrung zu stiften, Misstrauen zu säen oder politische und gesellschaftliche Stimmungen zu beeinflussen. In Krisenzeiten – seien es Pandemien, Kriege oder der Klimawandel – verbreiten sich Falschinformationen besonders schnell und können erheblichen Schaden anrichten. Die Konsequenzen sind schon zu beobachten: Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die alle zwei Jahre erhoben wird, hat gezeigt, dass immer mehr Menschen das Vertrauen in Medien und Institutionen verlieren.
 
Natürlich hat die Digitalisierung nicht nur negative Auswirkungen auf die Demokratie. Sie schafft auch neue Möglichkeiten der politischen Beteiligung, wie etwa digitale Petitionen oder Online-Diskussionen, und erleichtert den Zugang zu Informationen weltweit. Menschen können sich mit ihren Erfahrungen global austauschen.
Die technische Revolution hat uns beides gebracht: Segen und Fluch. Algorithmen fördern oft Filterblasen, in denen sich Nutzer*innen nur noch mit gleichgesinnten Meinungen konfrontiert sehen, und soziale Medien geben Diskriminierung jeglicher Art eine globale Plattform. 
 
Um Desinformation entgegenzuwirken, braucht es Aufklärung und kritische Medienkompetenz – sowohl in der Gesellschaft, im Bildungssystem und der Familie. Und es braucht eine kritische Kirche – denn auch christliche Narrative oder Bibelstellen werden gezielt genutzt, um zu polarisieren und rechte Ideologie zu stützen. Beispielsweise wird eine sogenannte ‘christlich-abendländische Kultur’ betont, die durch Migration (besonders aus muslimisch geprägten Ländern) bedroht sei.
 
Die Bibel wird hier oft selektiv interpretiert, um eine Abwehrhaltung gegenüber anderen Religionen zu begründen. Ebenso wird das Bild einer traditionellen Familie mit einer klaren Rollenaufteilung, bei der der Mann das Oberhaupt der Familie sei und die Mutter die Kinder versorge, häufig als ‘göttliche Ordnung’ dargestellt. Bibelstellen wie Genesis 1,27-28 (“Seid fruchtbar und mehret euch”) oder Epheser 5,22 (“Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn”) werden hier aufgeführt. So wird gegen feministische und queere Bewegungen argumentiert und andere Lebensentwürfe abgewertet.
 
Autoritäre Regierungsformen werden ebenfalls häufig biblisch begründet, eine kontextualisierte Bibelauslegung wird nicht berücksichtigt. Natürlich dürfen progressive und konservative christliche Ansichten nebeneinanderstehen oder auch diskutiert werden. Wichtig ist jedoch die Einordnung, dass diese genannten Narrative oftmals nicht originär christlich, sondern Ausdruck einer selektiven Bibelauslegung sind, die eine politische Ideologie stärken soll, die zu Abgrenzung und Exklusion führt.   
 
Die Jahreslosung könnte nicht passender sein: “Prüft alles und behaltet das Gute" (1. Thessalonicher 5,21). Als Christinnen und Christen sind wir dazu aufgerufen, wachsam zu sein und sorgfältig zu prüfen, was wir glauben und weiterverbreiten. Die Jahreslosung gibt uns eine wertvolle Leitlinie im Umgang mit Informationen: Wir sollen mit Bedacht und Verantwortungsbewusstsein prüfen, was wahr und gut ist. 
 
Die Prüfung von Informationen ist oftmals mühsam, erfordert Zeit und Sorgfalt – doch sie ist notwendig, um das Richtige von dem Einfachen zu unterscheiden. Die Jahreslosung ruft uns zur Wahrhaftigkeit und zum verantwortungsvollen Handeln auf. Wer Informationen teilt, trägt Mitverantwortung für deren Auswirkungen. 

Wie entlarve ich Desinformation? – Eine Checkliste 

Um Falschinformationen zu erkennen und Fakten zu überprüfen, helfen folgende Fragen: 
Quelle prüfen:
Wer verbreitet die Information? Handelt es sich um eine vertrauenswürdige Quelle mit journalistischen Standards? Stammt die Meldung aus einer seriösen Nachrichtenquelle oder nur aus einer anonymen Internetseite? 
Datum checken:
Ist die Information aktuell oder wurde sie aus dem Zusammenhang gerissen? 
Emotionaler Ton:
Ist der Text sehr reißerisch, emotional oder hetzerisch formuliert? Manipulative Sprache ist oft ein Hinweis auf Desinformation. 
Faktencheck durchführen:
Gibt es bereits eine Überprüfung durch etablierte Faktencheck-Plattformen? Hier werden Stories geprüft, die im Internet oder auf Messenger bereits viral gehen: ARD Faktenfinder, Correctiv, Mimikama.org  
Quellen vergleichen:
Wird die Information auch von anderen seriösen Medien berichtet oder nur von fragwürdigen Seiten? 
Bilder und Videos verifizieren:
Die häufigsten Fakes in Deutschland sind Bilder-Fakes. Daher checken: Ist das gezeigte Bild wirklich aktuell oder wurde es aus einem anderen Kontext verwendet? Bildrückwärtssuche kann helfen! Verschiedene Suchmaschinen liefern alle Seiten, auf denen das fragliche Foto auftaucht, oft mit Datumsangabe, zum Beispiel: images.google.com, tineye.com, youtube data viewer (für Videos).  
Eigenes Wissen hinterfragen:
Bestätigt die Meldung nur die eigene Meinung oder regt sie zu einer sachlichen Auseinandersetzung an? 
Üben:
Wer üben will Fakenews und DeepFakes zu erkennen, kann dies zum Beispiel hier tun: SWR Fakefinder, Deepfake-Quiz: Erkennen Sie alle KI-Videos und Audios
 
Veranstaltungen, um sich zu informieren und zu diskutieren, bieten auch die Evangelische Erwachsenenbildung und die Evangelische Akademie Baden, zum Beispiel über Fundamentalistische Christfluencer*innen, (Mo. 10.03.2025, 19:30-21:00) oder KI – Simulation und Desinformation statt Echtheit. Folgen für Weltwahrnehmung, Vertrauen und die Demokratie, (Do. 10.04.2025, 19:00-20:30). 
 
(12.02.2025)
 
  

Magdalene Leytz

Referentin für Demokratiebildung und Grundbildung