Wenn Jesus Wahlplakate machen würde

Traugott Schächtele
Impuls
Fast das halbe Dorf hat damals am Platz bei der Winzergenossenschaft gewartet. Lange, für mich als Zweitklässler auf jeden Fall viel zu lange. Dann kam endlich die große schwarze Limousine. Und der, dem die große Erwartung gegolten hatte, bestieg das Rednerpult. Wir Kinder haben emsig mit den Fähnchen gewunken, die man uns vorher in die Hand gedrückt hatte. „Wohlstand für alle“ stand da drauf. Ich konnte mir wenig darunter vorstellen. Was der prominente Gast seiner Kurzansprache gesagt hat, weiß ich auch nicht mehr. Nach wenigen Minuten war er schon wieder weg. Aber mir bleibt bis heute die Erinnerung an diesen ersten Bundestagswahlkampf, den ich bewusst wahrgenommen habe. Der im Sommer 1965 so sehnlichst erwartete Gast war der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard. Die stressige Tour über die Dörfer bleibt den fürs Kanzleramt oder andere Spitzenpositionen Kandidierenden heute erspart. Heute erwarten sie ihre Anhängerinnen und Anhänger in großen Hallen. Dazu gibt es alle paar Tage ein Aufeinandertreffen in Runden unterschiedlicher Zusammensetzung im Fernsehen. Und es gibt unzählige Plakate, die ich nicht übersehen kann – ob ich will oder nicht.
Ich stelle mir vor, die Parteien würden zehn Prozent ihrer Plakatflächen den Kirchen und der Diakonie zur Verfügung stellen. Um ihre Kernbotschaft unter die Leute zu bringen. Nein, „Nahe bei den Menschen“ – das wäre mir zu wenig. Das würde jede Partei von sich auch behaupten. Wenn ich die Sätze aussuchen dürfte, würde ich auch nicht gleich keine Agentur beauftragen. Ich würde erst einmal die Bibel zu Rate ziehen. Die Brisanz und die Wirkung ihrer Sätze – mitten unter den Werbesätzen der Parteien platziert – wäre unglaublich. „Sehet, welch ein Mensch!“ könnte auf einem Plakat stehen. Und dazu wären neben dem Gesicht dessen, auf den sich der Satz bezieht, eine Vielzahl der Gesichter von Menschen zu sehen, die hier bei uns leben. „Liebet eure Feinde!“ stünde groß auf einem anderen Plakat. Und klein daneben ein Gebet um Klarheit, wie das wirklich gehen könnte. Nein, leicht ist dieses Gebot Jesu ja wahrhaftig nicht mit Leben zu füllen - wie auch seine andere Aufforderung: „Eure Rede sei ja, ja, nein, nein – jedes andere Wort ist böse!“ – großflächig unterlegt vom achten Gebot, das uns „falsch Zeugnis“ und Fake News untersagt. Vielleicht hätte ein weiterer Satz Jesu ein eigenes Plakat verdient: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!“ – ergänzt mit Diagrammen aus dem Bereich der Ökonomie, die die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich abbilden. Dazwischen aber eine goldene Himmelskurve quer über alle anderen gezogen. Die Ideen in meinem Kopf machen mich fast schwindlig. „Bebauen und Bewahren“ wäre auf einem Plakat zu lesen. Mit einer Großaufnahme der Erde aus dem Weltraum. „Tragt einander eure Lasten!“ ergäbe eine weitere Plakatidee. Oder: „Brich den Hungrigen dein Brot!“ Auf einem Plakat könnte auch der Satz stehen: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen! In meiner Stadt gibt es leider viel zu wenige davon.“ Natürlich dürfte deshalb auch die prophetische Ermahnung nicht fehlen: „Wie Wasser ströme das Recht!“ Ein weiteres Plakat nähme schließlich noch einmal einen Satz Jesu auf: „Kommt alle her zu mir! Ich will euch erquicken!“
In meinem Kopf will sich das biblische Werbekarussell einfach weiterdrehen, aber ich habe ja nur zehn Prozent der Plakatflächen für meine Ideen zur Verfügung. Vielleicht starten Sie gedanklich gleich Ihre eigene Plakataktion. Für die Kirche und den Glauben an den, der die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes verkörpert und gelebt hat, kann man sich ja nicht nur am Wahlsonntag entscheiden. Sondern jeden Tag. Aber als Kommentar zu den anderen Plakaten wären die biblischen Plakate aber schon richtig hilfreich.
Ich habe großen Respekt vor denen, die auf den anderen neunzig Prozent der Fläche werben. Und die politischen Herausforderungen – weltweit und bei uns – sind viel komplexer, als dass die Lösung in einem einzigen Satz liegen könnte. Zudem ist eine Wahl ein Recht, das sich aus einer weltanschaulich neutralen Verfassung ableitet. Trotzdem muss, ja darf ich meinen Gottesglauben nicht einfach außen vorlassen, wenn es um Entscheidungen von großer Tragweite geht. Gerade auch für die, die nach uns leben. Von dem, was die Parteien erreicht haben, die in der Bundestagswahl meiner Kindheit zur Wahl gestanden haben, profitieren wir bis heute. Aber als Christinnen und Christen kommt uns noch weit mehr zugute, was Menschen uns seit den ersten Tagen unseres Gottesglaubens vorgelebt und als Erbe überlassen haben. Das macht mir Mut und lässt mich hoffen – weit über den 23. Februar hinaus. (21.02.2025)