Von Krise zu Krise

Lebensfragen & Lebensformen
Eine schlechte Nachricht jagt die andere. Immer schwerer wird das Leben. Daniel Paulus kennt sich aus mit Krisen. Er ist Notfallseelsorger. Wir haben ihn gefragt, was in schweren Zeiten hilft.
Wir bewegen uns nur noch von Krise zu Krise. Teilst du dieses Gefühl? Und woher kommt es?
Ich kann den Eindruck bestätigen, dass dieses Gefühl gerade viele Menschen bewegt und sie sich sorgen. Und es ist ja tatsächlich so, dass es so viele Krisen gibt, die uns herausfordern: Die Klimakrise. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Die letzten Anschläge in Deutschland. Die Verhärtung der politischen Fronten in unserem Land. Das alles ist in den Medien sehr präsent und prägt unser Lebensgefühl. Daher verstehe ich dieses allgemeine Empfinden von Verunsicherung.Ich teile dieses Empfinden allerdings eher weniger, da ich mit einer anderen Perspektive auf all diese Krisen schaue. Krisen sind in der Menschheitsgeschichte nicht neu. Realistisch betrachtet ist es eine Geschichte voller Krisen. Nun kommen diese Krisen gefühlt wieder näher. Sie waren jedoch immer da. Eben nur woanders. Das ist ja auch einer der Gründe, warum viele Menschen auf der Flucht nach Deutschland sind.Seit langem erleben wir die verschiedenen Krisen mal wieder direkt vor unserer Haustür. Der Ukrainekrieg ist recht nah. Extreme Wetterereignisse erreichen nun auch verstärkt uns. Die Welt zeigt sich uns einfach, wie sie schon lange für große Teile der Menschheit ist. Man muss sich vor Augen halten: So wie wir Menschen hier in den letzten Jahrzehnten gelebt haben, so wie meine Elterngeneration und auch meine eigene Generation aufgewachsen ist, ist die absolute Ausnahme auf dieser Welt. Ein Großteil der Menschheit lebt nicht in dem Wohlstand, den wir haben. Seit Ende des zweiten Weltkriegs leben wir in Deutschland in Frieden. Das ist nicht selbstverständlich! Ich verstehe den Wunsch und die Sehnsucht nach Sicherheit und Wohlstand. Allerdings ist dies eben nicht „normal“ für einen Großteil der Menschheit.
Wie hilft dir dein Glaube?
Als Christinnen und Christen sind wir in diese Welt gestellt und sind dennoch „nicht von dieser Welt“. Damit meine ich nicht eine Weltflucht und Weltfremdheit, im Gegenteil. Die christliche Perspektive auf diese Welt ist auch durchaus realistisch. Aber sie geht darüber hinaus. Es ist eine Perspektive der Hoffnung: Dass wir im Tiefsten gehalten sind von Gott. Egal was passiert. Dass Gott ein gutes Ziel hat mit seiner Schöpfung. Dass wir als Christinnen und Christen in unserem Alltag einen Unterschied machen können und diese Perspektive hoffnungsvoll teilen mit den Menschen, mit denen wir leben. Dass wir beherzt handeln und zupacken, wo wir aus dieser Perspektive heraus auch einen Unterschied machen können. Dass wir Güte, Freundlichkeit, Barmherzigkeit in unserem Umfeld teilen. Dass wir aber auch klar sind und Ungerechtigkeit beim Namen nennen und uns für Gerechtigkeit einsetzen.Das ist alles nicht neu. Ich wundere mich aber manchmal, wie schnell wir uns als Christinnen und Christen da verunsichern lassen und uns entweder in diese Welt oder aus dieser Welt heraus flüchten. Wir können in der Bibel durchgehend von Menschen lesen, die in Krisen gestellt sind und gerade anhand dieser Krisen ihren Glauben entdecken, bewähren und weiterentwickeln. Sie machen die Erfahrung: Gott ist da! Auch inmitten von Krisen. Oder gerade da. Das ist die Perspektive, die den Unterschied macht.
Du bist auch Notfallseelsorger und hast mit noch mehr Krisen zu tun als die meisten von uns. Wie kannst du es aushalten, ständig mit Krisen zu tun zu haben?
Als leitender Notfallseelsorger in Karlsruhe bekomme täglich die verschiedensten Schicksalsschläge mit. Ich weiß daher, dass sich das Leben für jeden von uns vom einen auf den anderen Moment völlig ändern kann. Mir ist auch bewusst, dass das Leid dabei auch vor meiner eigenen Haustür nicht automatisch Halt macht. Diese Perspektive aufs Leben lehrt mich jeden Tag neu, die richtigen Prioritäten zu setzen. Was ist wirklich wichtig? Wo rege ich vielleicht mich unnötig auf, gebe unbedeutenden Dingen zu vielen Aufmerksamkeit? Ich frage mich oft: Wenn ich am Ende meines Lebens zurückblicke: Wie müsste ich heute meine Entscheidungen getroffen haben, damit ich mit ihnen im Reinen bin? Das hilft mir sehr zu erkennen, was wirklich zählt. Es gibt ein Gebet in Psalm 90, Vers 12: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Da geht es darum, in der Endlichkeit des Lebens genau diese Weisheit zu erlangen. Daher bin ich vor allem unendlich dankbar für so vieles Gute in meinem Leben. Ich bin ein sehr zufriedener Mensch.
Wie sorgst du für deine Seele und was würdest du anderen raten, die sich zwischen den Krisen gefangen fühlen?
Ich glaube es beginnt mit einer Umkehr, dieser neuen Perspektive auf das Leben. Es gibt ein kurzes Gebet, das sinngemäß heißt: „Heute bin ich aufgewacht. Ich atme. Ich lebe“. Dieses Gebet kann jeder Mensch beten. Es ist aus einer Perspektive der Dankbarkeit heraus geformt. Ich kann dieses Gebet auch angesichts von Krankheit oder persönlichem Leid beten. Für diesen Blickwinkel auf mein Leben kann ich mich jeden Tag neu entscheiden. Als Christ lebe ich mein Leben im Angesicht Gottes. „Ich bin der geliebte Mensch“ (Henri Nouwen). Das macht mein Leben unendlich frei. Ich kann es gestalten. Ich habe Hoffnung. Ich persönlich bin auch ein Mensch, der sich gut um seine Bedürfnisse kümmern und für sich sorgen kann. Ich genieße das Leben in vollen Zügen, mag gutes Essen und Trinken. Ich reise gerne, lese viel, nehme dabei andere Perspektiven ein. Ich mache regelmäßig Sport. Ich engagiere mich als Feuerwehrmann ehrenamtlich und ich teile mein Leben mit lieben Menschen - dazu gehört besonders auch meine Familie.
Wenn mich die Krisen oder die Nachrichten darüber gerade wieder nicht loslassen – Welche drei "Erste-Hilfe-Tipps für die Seele" hast du?
- Perspektivwechsel! Das Leben ist (auch) gut und schön!
- Horizonterweiterung! Du bist im Letzen gehalten von Gott. Vertrau darauf!
- Keine Live-Ticker! Bleibe informiert, aber drossel deinen Nachrichtenkonsum. In meinem Leben gibt es weniges, was tatsächlich meine unmittelbare Aufmerksamkeit braucht. Mein Handy ist zum Beispiel immer im „Nicht stören“-Modus, so dass ich aktiv meine Kommunikation gestalte. Ich habe einen Pager von meiner Feuerwehr. Wenn es mal wirklich dringend und wichtig ist, dann piepst es unüberhörbar. (12.03.2025)