Durchhalten! (… oder auch nicht)

Glaube & Spiritualität
Seit Aschermittwoch fasten wieder mehrere Millionen Menschen in Deutschland. Manchen geht es dabei in erster Linie darum, ihrem Körper etwas Gutes zu tun, indem sie ihm eine Pause von Alkohol oder Süßigkeiten gönnen. Die Beliebtheit christlicher Fastenaktionen zeigt, dass viele Menschen die Zeit vor Ostern auch aus ihrem christlichen Glauben heraus bewusst gestalten wollen. Aber was, wenn ich kurz davor bin, mein Fastenvorhaben abzubrechen? Antonia Rumpf hat sich damit intensiv auseinandergesetzt:
Fastest Du auch? Wenn die Antwort bisher „nein“ lautet, ist das kein Problem: Du kannst auch jetzt noch problemlos einsteigen! Denn fürs Fasten gibt es in der evangelischen Kirche kein festgeschriebenes Regelwerk. Stattdessen geht es darum, dass Du ein Vorhaben findest, das für Dich persönlich bedeutsam ist und mit dem Du dich in den vierzig Tagen der Passionszeit auseinandersetzen möchtest. Wie genau das aussieht, ist Dir überlassen.
Vielleicht denkst Du beim Fasten zuerst an Verzicht, und tatsächlich sind Alkohol, Süßigkeiten und Fleisch seit über zehn Jahren die Spitzenreiter der Fastenvorhaben.[1] Dabei machen viele die Erfahrung, dass sie trotz anfänglicher Sorge, wie sie wohl ohne ihr bewährtes Stress-Ausgleich-Nahrungsmittel oder das langjährige Lieblings-Feierabendgetränk über die Runden kommen werden, das bewusste Weglassen sehr schätzen: Es weitet die Perspektive für andere Wege, mit Stress umzugehen oder den Feierabend einzuläuten – und natürlich ist auch die Vorfreude auf das Fastenbrechen zu Ostern nicht zu unterschätzen.
Seit einigen Jahren spielt auch Nachhaltigkeit für viele Menschen beim Fasten eine Rolle. Sie versuchen zum Beispiel, in der Fastenzeit ohne das Auto auszukommen oder nichts zu kaufen, was Plastik enthält oder darin verpackt ist. Die Aktion Klimafasten stellt den Klimaschutz ins Zentrum der Fastenzeit.
Die Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ bietet neben wöchentlichen Fastenmails auch lokale Fastengruppen, in denen Menschen sich regelmäßig treffen und über ihr Fastenvorhaben austauschen. Denn die Fastenzeit nicht ganz für sich, sondern gemeinsam in einer Gruppe zu erleben, empfinden viele als sehr hilfreich, besonders wenn das Durchhalten einmal schwierig ist – ob durch ganz praktische Tipps oder das Gebet zusammen und füreinander.
Bei der Initiative „7 Wochen anders leben“ stärken Dich wöchentliche Fastenbriefe beim Dranbleiben. Bei dieser Aktion entscheiden alle Teilnehmenden selbst, wie genau sie fasten wollen. Vielleicht ist in der Fastenzeit auch was anderes dran als Verzicht: Zum Beispiel die tägliche Bibellektüre oder die tiefere Beschäftigung mit einem Buch oder einer Geschichte der Bibel, Zeit für Gebet, Stille und Versenkung oder die Auseinandersetzung mit einem persönlichen Glaubens- oder Lebensthema.
Bei all dem steht nicht der Erfolg im Zentrum. Es geht beim Fasten nicht darum, das gewählte Vorhaben um jeden Preis tadellos durchzuziehen. Kleine Pausen sind sogar vorgesehen: Die Sonntage gelten als Feiertage, sozusagen als ein kleiner Vorgeschmack auf den Ostersonntag. Deswegen werden sie nicht in die vierzig Tage der Passionszeit hineingerechnet und sind vom Fasten ausgenommen. Du musst also nicht durchhalten. Vielmehr ist gerade das Spüren der eigenen Grenzen ein zentraler Aspekt des Fastens, von dem wir viel für unseren Alltag mitnehmen können: Dass wir nicht alles umsetzen können, was wir eigentlich gut und richtig finden, tun wollen und vielleicht auch tun könnten, ist eine zentrale menschliche und spirituelle Erfahrung. Unser Durchhaltevermögen, unsere Willenskraft und unsere Handlungsmöglichkeiten sind nicht unbegrenzt. In der Fastenzeit können wir uns darin üben, das anzuerkennen – und im Kleinen an unserem jeweiligen Fastenvorhaben den Umgang damit ausprobieren.
Dabei können wir viel über uns selbst lernen: Wenn wir an einem Vorhaben immer wieder scheitern, muss nicht immer der bekannte innere Schweinehund schuld sein – vielleicht ist das Vorhaben im Moment auch einfach nicht stimmig für uns. Dann können wir nachjustieren und überlegen, wie wir den Wunsch dahinter (zum Beispiel den Einsatz für Nachhaltigkeit, ein tieferes Glaubensleben oder die Fürsorge für die eigene Gesundheit) auf eine andere Weise in unser Leben einbauen können. Und wenn wir merken, dass wir an einem Vorhaben auch nach kleinen Rückschlägen oder Aussetzern immer wieder mit neuer Motivation dabei sind, spüren wir, wann sich ein Durchhalten für uns lohnt, auch wenn es mal schwierig wird.
Die alte Tradition des Fastens ist also ein echtes Geschenk: Mit verschiedensten Spielarten von Heilfastenkuren über Schokoladen-Verzicht bis hin zum Plastikfasten können wir uns im bewussten Verzicht üben und lernen, wo er uns neue Perspektiven eröffnet. Wir können uns im bewussten Umgang mit unseren eigenen Grenzen und Begrenztheiten üben und herausfinden, was uns wirklich wichtig ist. Dabei können wir darauf vertrauen, dass G*tt uns mit all unserer Fehlbarkeit und Unvollkommenheit, mit all unseren Grenzen immer schon geliebt hat. Das erinnern und feiern wir an Ostern, und mit Blick darauf können wir zuversichtlich durch die Fastenzeit gehen – ob wir durchhalten oder nicht.
(26.03.2025)