Wenn Glaube über Grenzen geht

Gruppe von Menschen mit erhobenen Händen

Glaube & Spiritualität

Glaube ist vielfältig. Es gibt nicht nur eine Meinung und nicht nur einen Weg. Glaube soll dich in den Herausforderungen des Lebens stärken. Doch nicht alle Menschen erleben das so. Wo andere für dich entscheiden, wie du leben sollst und was du denken darfst, kann Glaube verunsichern, im schlimmsten Fall auch krank machen. Stefanie Fischer-Steinbach ist Klinikseelsorgerin. Immer wieder begegnet sie Menschen, die geistlichen Missbrauch erlebt haben. Davon erzählt sie im Interview. 

Frau Fischer-Steinbach, Sie haben als Klinikseelsorgerin auch mit psychiatrisch erkrankten Patient*innen zu tun. Darunter sind Menschen, die geistlichen Missbrauch erlebt haben. Was ist für Sie geistlicher Missbrauch? Welche Merkmale gibt es?
 
Stefanie Fischer-Steinbach: Ich würde sagen, wenn eine Gemeinschaft so eine Art inneren Zirkel hat, der sich als Gott besonders nahe empfindet, der Lebensregeln gibt, die man unbedingt zu befolgen hat. Wenn Aussagen kommen wie: „Ich weiß den Plan Gottes für dich“ oder „Ich sag dir, was richtig ist, was du darfst, was du nicht darfst, welche Musik du hören darfst und welche nicht, wie deine Kleidung zu sein hat“ und solche Dinge. Wenn man auf diese Weise direkten Einfluss auf die Lebensführung von den Menschen nimmt, dann fängt meiner Ansicht nach Machtmissbrauch an.  
 
Von welchen Erfahrungen erzählen Ihnen die Menschen? 
 
Porträtbild Stefanie Fischer-Steinbach
Klinikseelsorgerin Stefanie Fischer-Steinbach

Quelle: privat

Stefanie Fischer-Steinbach: Wenn die Menschen hier in der Psychiatrie sind, wenden sie sich manchmal an mich, um eine andere Sicht der Dinge kennenzulernen. Sie fragen mich als Fachfrau: „Was meinen Sie denn dazu?“ oder „Ist es richtig, dass…?“ Bei Menschen, die geistliche Missbrauchserfahrungen gemacht haben, da merke ich, dass sie sehr verunsichert und von ihrer Autonomie wenig überzeugt sind. Sie haben dann zum Beispiel Zweifel, dass sie selbst beten können oder dass sie auch ohne Vermittlung von einem geistigen Führer zu Gott Verbindung aufnehmen können.
 
Wie kann es so weit kommen? 
 
Stefanie Fischer-Steinbach: Oft ist es so, dass diese Patienten oder Patientinnen eine große Sehnsucht danach haben, angenommen und aufgenommen sein. Was sie sich wünschen, bekommen sie in Freikirchen: Eine sehr enge Bindung, überschüttet mit Zuwendung und Aufmerksamkeit, auch ins Private hinein. Man vermittelt zum Beispiel eine Wohnung, man kümmert sich und hilft einander. Sie fühlen sich da sehr wohl.
 
Und wann wird es problematisch?
 
Stefanie Fischer-Steinbach: In dem Moment, wo sie etwas hinterfragen, wird es schwierig. 
 
Ist das eine Art „Muster“? 
 
Stefanie Fischer-Steinbach: Ich denke schon. Es handelt sich um Menschen, die einen Mangel an einer stabilen Beziehung empfinden oder das Gefühl haben, nicht glücklich zu sein im Leben. Auch nach Schicksalsschlägen, wenn zum Beispiel jemand verstorben ist und sich das Gefühl einstellt: Ich hätte gern jemand, der mich begleitet und für mich da ist, mich überhaupt sieht. Da tut so eine überbordende Zuwendung gut. Zu heftigen Konflikten kann es führen, wenn man Regelungen hinterfragt oder eine andere Meinung hat als in der Gemeinschaft üblich.  
 
Wie erklären Sie sich, dass Freikirchen und andere religiöse Gemeinschaften trotzdem großen Zulauf haben? 
 
Stefanie Fischer-Steinbach: Ich habe den Eindruck, dass viele Leute allein sind. Sie vermissen einfach auch einen Raum, in dem man andere Menschen treffen oder überhaupt in Kontakt kommen kann. Ich merke es als Klinikseelsorgerin, wenn ich einen aufsuchenden Besuch mache und einfach nur da bin. Es ist manchmal unfassbar, was mir Leute dann in einer Viertelstunde erzählen, auch sehr persönliche Dinge. Oder wie dankbar sie sind, dass überhaupt jemand da ist, der zuhört. Ich glaube, das passiert nicht so häufig im Alltag vieler Menschen. Ältere, aber auch Menschen, die vielleicht irgendwo frisch zugezogen sind, die Anschluss suchen und dann genau das so unglaublich beglückend finden, wenn sie eine Gemeinschaft finden, die sich erstmal sehr, sehr kümmert.
 
Wie können Sie als Klinikseelsorgerin helfen?
 
Stefanie Fischer-Steinbach: Ich habe das Gefühl, ich kann punktuell einen anderen Gesichtspunkt anbieten. Aber ich weiß nicht, ob es dazu führt, dass man nächstes Mal vorsichtiger ist im Umgang mit einer religiösen Gemeinschaft.

Was raten Sie Angehörigen?
 
Stefanie Fischer-Steinbach: Ich rate dazu sehr, sehr tolerant ein Stück weit mitzugehen und zu versuchen herauszufinden, was eigentlich das Bedürfnis ist, das dahintersteckt, sich so intensiv an eine Gemeinschaft zu binden. Und dann: Unbedingt den Kontakt halten, also dass dieses Familiäre, das nicht Teil dieser Gemeinschaft ist, erhalten bleibt. (02.04.2025)
 
Bei Fragen zu religiösen Gemeinschaften kannst du dich an die Fachstelle für Weltanschauungsfragen wenden. 
 
Die Auswirkungen von religiösem Fundamentalismus auf junge Menschen zeigt der Film GOTTESKINDER. Die Evangelische Akademie Baden lädt am 11.04.2025 um 19.00 Uhr zur Filmvorführung im Karlsruher Kino Kinemathek ein. Der Film zeigt die innere Zerrissenheit der Protagonisten zwischen familiären Erwartungen, den strengen Regeln ihrer Gemeinschaft und ihren eigenen Gefühlen. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, mit Sandra Kemp, der Beauftragten der Evangelischen Landeskirche in Baden für Weltanschauungsfragen, über den Film ins Gespräch zu kommen. Tickets gibt es über die Kinemathek. 
Wichtig: Die Gemeinde im Film ist eine fiktive Gemeinde. Der Blick in diese Gemeinde zeigt eine mögliche Facette von Glaubensleben und Alltagsgestaltung. Diese Form des Glaubens und der Lebensgestaltung gilt keinesfalls für alle Gemeinden im weiten und heterogenen Feld der Freikirchen.