Leichtigkeit zeigen

Gruppe junger Menschen, die ein Konzert beim Kirchentrag besuchen

Landeskirche & Ökumene & Religionen

Sie hat ein spannendes Jahr hinter sich: eine neue berufliche Aufgabe, ein neuer Lebensort. 
Den Mut-Geschichten in der Bibel fühlt sie sich auch deshalb sehr verbunden. Wenn Anfang Mai der nächste Kirchentag in Hannover stattfindet, ist die badische Pfarrerin Dr. Anne Helene Kratzert als Kirchentagspastorin zu erleben. Was der Kirchentag zu bieten hat und worauf sie sich persönlich freut, erzählt sie im Gespräch. 

Momentan pendelt sie zwischen Karlsruhe, Fulda und Hannover. In Fulda ist Anne Helene Kratzert auch, als wir online zum Gespräch verabredet sind. Im Hintergrund ihres Bildschirms prangt groß das Motto des nächsten Kirchentags: Mutig, stark, beherzt. Für die neue Kirchentagspastorin passt es perfekt in diese Zeit. Sie gesteht aber auch: „Am Anfang habe ich ein bisschen gefremdelt mit dieser Losung, weil ich sie zu massiv fand. Aber es ist ja die Frage, wie man sie auslegt und wie man mit ihr umgeht. Dass ich eine Stärke besitze, mutig und beherzt für meinen Standpunkt eintreten kann, weil ich von einer starken Hand gehalten bin, weil ich weiß: ich bin in der Liebe geborgen - das ist etwas, was man Menschen in diesen Tagen sehr gut erzählen kann, ja erzählen muss.“
 
Seit Mai 2024 ist Anne Helene Kratzert Kirchentagspastorin und Fachreferentin für das geistlich liturgische Programm beim Kirchentag. Kern dieses Programms sind auch die geistlich liturgischen Zentren. „Wir haben zum Beispiel ein Zentrum ‚Kirche zwischen Abbruch und Innovation‘. Da geht es natürlich um die Zukunft der Kirche. Kirche wird ehrenamtlicher. Was bedeutet das?  Ein weiteres Zentrum heißt: Glaube im Gespräch. Hier stehen Glaubensthemen im Mittelpunkt, z.B. unsere Vorstellungen von Gott heute oder auch die digitale Kirche.“
 
Porträtfoto Anne Helene Kratzert
Kirchentagspastorin Anne Helene Kratzert

Quelle: jodo-foto / Jörg Donecker

Zu den Aufgaben von Anne Helene Kratzert als Kirchentagspastorin gehört auch die Vorbereitung der Großgottesdienste. „Es wird zwei Eröffnungsgottesdienste geben, einen auf dem Platz der Menschenrechte und einen auf dem Opernplatz. Und einen großen Schlussgottesdienst.“  Sie betont: „Alle Veranstaltungen sind Teamwork und sind gemeinsam mit Ehrenamtlichen auf die Beine gestellt. Das gilt auch für die Großgottesdienste.“ Und wie läuft diese Vorbereitung? „Zunächst schauen wir danach, wie ein Gottesdienst geprägt sein soll. Welches Bild von Kirche wollen wir zeigen? Damit setzt man einen Stil und kann entscheiden, welche Menschen man zur Mitarbeit einlädt. Zum Beispiel wird der Schlussgottesdienst eine moderne musikalische Prägung haben. Wir hatten fünf Sitzungen und das ist schon ein irres Unterfangen, aus einer Projektgruppe mit 12 bis 18 Personen ein gemeinsames Bild für einen Gottesdienst zu erarbeiten. Da muss man viel aushandeln, viel diskutieren. Da ist ganz viel Kommunikations- und Verständigungsarbeit nötig. Am Ende kommt idealerweise ein toller Gottesdienst dabei raus, und ich glaube ganz fest dran, dass es so wird.“
 
Anne Helene Kratzert tut viel dafür, dass auch beim Kirchentag deutlich wird, „dass Glaube eine unheimlich schöne und auch leichte Angelegenheit ist. Wir wollen Leichtigkeit zeigen. Keine Leichtigkeit, die die schweren Themen des Lebens umschifft, sondern eine Leichtigkeit, die durch das Schwere durchgeht und trotzdem leicht bleibt oder wieder leicht wird. Wir wollen also nicht den Menschen sagen, wie das Leben geht, was sie zu denken oder zu glauben haben, sondern einfach zeigen, dass der Glaube in eine große Freiheit und in eine große Leichtigkeit führt, wenn wir uns einfach von Gott lieben lassen.“

Wohl bewusst ist ihr, dass Glaube nicht immer diese befreiende und stärkende Wirkung hat. Auch das hat Raum beim Kirchentag: „In der ‚Fuckup-Night. Wenn Glaubenssätze scheitern‘ erzählen Menschen von Glaubenserfahrungen und Glaubenssätzen, die sie loslassen mussten, die sich so für sie nicht bewährt haben, die sie eingeengt haben, die sie dekonstruieren mussten, um einen neuen Zugang zum Glauben zu finden.“
 
Kirchentag ist für Anne Helene Kratzert „ein großes, lebendiges, Musik-reiches Festival des Glaubens.“ Sie schätzt ihn aber auch als innovativen Pool und Thinktank, um Dinge neu zu denken und Formate auch einfach mal auszuprobieren. „Wir müssen genau hinschauen und fragen: Was braucht es heute?“ Und was braucht es ihrer Meinung nach? „Es braucht auf jeden Fall weiterhin starken Glauben. Ich bin ja großer Fan unserer Bibel. Ich glaube, dass da so unglaublich viel Gültiges drinsteht und zu finden ist. Wir müssen zeigen, dass Menschsein mit allen Facetten, den auch schwierigen und disparaten, vulnerablen und schönen, von unserem Gott gesegnet ist. Das haben wir, finde ich, so ein bisschen verlernt zu erzählen.“
    
Dazu gehören für die Kirchentagspastorin auch die Mut-Geschichten in der Bibel. „Ich liebe die Abrahams-Geschichten. Abraham, der auf Gottes Verheißung hin, mit allen Rückschlägen, die er erleidet, nicht aufhört, darauf zu vertrauen, dass diese Verheißung, die Gott ihm zugesagt hat, dass da was dran ist. Dieses Gehen in ein fremdes Land, das hat mich jetzt auch noch mal ganz persönlich berührt: ich bin von Karlsruhe partiell nach Fulda gezogen. Ich bin auch in ein ganz schön fremdes Land aufgebrochen. Ich liebe diese Erfahrungsgeschichte: Geh, nimm deine Sachen, ich werde dir ein Land zeigen, das voller Verheißungen ist. Oder die Frauen am Kreuz, die bei Jesus geblieben sind, die sich aus der Ferne diese Kreuzigung angeschaut haben, dieses schreckliche Ereignis an jemandem, den sie geliebt haben. Sie haben die Kraft besessen, durch alle Angst und alles Grauen hindurch, an sein Grab zu gehen, um die Salbung zu vollziehen. Weil ihre Liebe ihnen das aufgetragen hat. Sich da nicht in die Knie zwingen zu lassen und einfach nur wegzulaufen vor diesem schrecklichen Ereignis, das ist für mich eine ganz stille, sehr sanfte und schöne Mut-Geschichte.“
 
Am 30. April 2025 beginnt der 39. Deutsche Evangelische Kirchentag in Hannover. Auf die beiden Großgottesdienste zur Eröffnung folgt der Abend der Begegnung. „Das wird ein großes, schönes Straßenfest für alle im Herzen Hannovers.“ In den Endspurt der Vorbereitungen kann Anne Helene Kratzert beruhigt gehen: „Der Stand der Vorbereitungen ist sehr gut. Wir sind total im Zeitplan. Jetzt setzt so eine kribbelige Aufregung ein, dass es losgehen kann. Wir freuen uns alle wirklich sehr auf Hannover.“
 
Und was kommt nach dem Schlussgottesdienst? „Am Sonntagabend feiern wir und ab Montag räumen wir auf. Alles, was nach Hannover an die verschiedenen Veranstaltungsorte gebracht wurde, muss ja auch wieder weg. Daran beteilige ich mich. Ich sehe mich irgendwo in einem Lager Stifte sortieren. Auch darauf freue mich, weil es mich bestimmt gut runterkommen lässt.“   
 
Mehr zum Kirchentag in Hannover unter www.kirchentag.de