Hoffnung – ein Weltverhältnis

Mann auf Felsen im Wald, Lichtstrahl von oben

Glaube & Spiritualität

Auszüge aus einem Gespräch von Martina Steinbrecher mit Jonas Grethlein

Martina Steinbrecher: Angeblich stirbt sie zuletzt: Die Hoffnung. Wie zähes Unkraut wurzelt sie noch in den allerkleinsten Zwischenräumen. Vielfach niedergetrampelt, steht sie doch immer wieder auf. Ein Phänomen! Der Heidelberger Altphilologe Jonas Grethlein hat der Hoffnung sein neuestes Buch gewidmet und eine Geschichte der Zuversicht geschrieben (Jonas Grethlein: Hoffnung. Eine Geschichte der Zuversicht von Homer bis zum Klimawandel, München 2024). Sie reicht vom antiken Dichter Homer bis zu den Herausforderungen des heutigen Klimawandels. Ist der Mensch hoffnungslos infiziert von Hoffnung?  
 
Jonas Grethlein: Also, ich bezweifle, dass es viele Menschen gibt, die überhaupt keine Hoffnung haben. Ich glaube, dass die Hoffnung wirklich ganz tief in uns verwurzelt ist, dass sie etwas zutiefst Menschliches ist und dass schon sehr viel passieren muss, um den Menschen die Hoffnung auszutreiben. 
 
Martina Steinbrecher: Mir gefällt diese Vorstellung, dass jeder Mensch als Grundausstattung neben einem Urvertrauen auch eine ordentliche Portion Hoffnung mitbekommen hat. Sie bezeichnen diese Anlage zur Hoffnung als ein Weltverhältnis. Da gibt es die Möglichkeit von etwas Gutem in der Zukunft. Klingt verlockend. Aber es gibt ja nicht nur optimistisch veranlagte Menschen. Ich jedenfalls kenne eine ganze Menge Pessimisten. Die sehen die Zukunft rabenschwarz. Von offener Zukunft, der Möglichkeit von etwas Gutem und von Hoffnung keine Spur. 
 
Jonas Grethlein: Also der Optimismus geht davon aus, dass die Zukunft etwas Gutes bringt. Die Hoffnung erwartet die Möglichkeit von etwas Gutem, ist sich aber nicht sicher, ob das Gute wirklich kommt. Das heißt, da sind Sicherheit und Verfügbarkeit der Unterschied. Ich würde mich selber als pessimistisch beschreiben, bin aber auch ein ausgesprochen hoffnungsvoller Mensch. Also gerade, wenn man eher das Schlechte erwartet, kann man ganz starke Hoffnungen auf die Zukunft entwickeln. 
 
Martina Steinbrecher: Konkret: Ich kann auf schönes Wetter hoffen, weil das nicht in meiner Macht steht. Aber ich kann nicht auf ein leckeres Abendessen hoffen, wenn ich nichts dafür eingekauft habe. Auch die Hoffnung selbst ist unverfügbar. Sie steht mir nicht auf Knopfdruck zur Verfügung. Das hat sie mit ihren großen Geschwistern gemeinsam, dem Glauben und der Liebe. Diese drei theologischen Tugenden beziehen ihre Stärke daraus, dass sie sich dem menschlichen Zugriff entziehen.  
 
Jonas Grethlein: Es sind Geschenke Gottes an uns Menschen, die können wir nicht aus eigener Kraft herbeizwingen. Wir hoffen auf etwas, was uns nicht verfügbar ist. Wir wissen nicht, ob wir das erlangen können und erlangen werden, worauf wir hoffen.
 
Martina Steinbrecher: Damit nähern wir uns dem größten Hoffnungsfest im Kirchenkalender. An Ostern feiern Christen, dass Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Und damit den größtmöglichen Hoffnungshorizont aufgerissen hat, der überhaupt vorstellbar ist: Er verheißt ein ewiges Leben nach dem Tod für alle im Reich Gottes. Sie beschreiben Ostern als eine prägnante Zäsur in der Geschichte der Hoffnung. 
 
Jonas Grethlein: Davor hat Hoffnung auch eine ganz große Rolle gespielt. Aber Hoffnung ist meistens auf das Leben im Diesseits bezogen, und wir haben dann am Ende des Alten Testaments in den ganz späten Büchern Erwartungen an ein Leben nach dem Tod. Aber dass Hoffnung sich ganz dezidiert auf das Leben nach dem Tod richtet, das haben wir dann erst mit Paulus. 
 
Martina Steinbrecher: Der biblische Apostel Paulus beschreibt im ersten Korintherbrief die Auferstehung Jesu von den Toten als Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens. Drastisch formuliert er: „Wenn Christus nicht auferweckt wurde, dann hat unsere Verkündigung keinen Sinn. Auch unser Glaube ist dann sinnlos. Ja, wenn die Toten nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ 
Angenommen, mit dem Tod wäre tatsächlich nicht alles zu Ende, es käme tatsächlich noch etwas: Wie sähe es denn aus, dieses ewige Leben? Worauf könnte ich da hoffen? 
 
Jonas Grethlein: Ich glaube, dass das Leben nach dem Tod, die Auferstehung sich unserer Vorstellungskraft entzieht. Das können wir in unseren begrifflichen Kategorien gar nicht fassen, auch wenn wir uns einer metaphorischen Sprache bedienen. Wir haben aber diese tiefe Sehnsucht in uns, dass das nicht alles war, dass es danach noch etwas gibt. Und ich glaube, dass diese Hoffnung was ganz Wichtiges menschliches Leben ist, dass da etwas ist, was uns auch Kraft im Diesseits geben kann. 
 
Martina Steinbrecher: Die unterschiedliche Einschätzung des Phänomens Hoffnung zieht sich wie ein roter Faden durch die komplette Geschichte der Hoffnung. … Sie sagen, dass auch die radikalsten Kritiker der Hoffnung am Ende nicht ganz ohne Hoffnung auskommen.   
 
Jonas Grethlein: Also ich finde ganz interessant, dass viele Aktivistinnen und Aktivisten, die der Hoffnung jegliche Geltung in der Gegenwart absprechen, trotzdem Hoffnung haben, dass auf der einen Seite Hoffnung abgelehnt wird, auf der anderen Seite der Aktivismus aber natürlich nur durch die Hoffnung möglich ist und gerade von dieser Hoffnung gespeist wird, dass man doch noch etwas verändern kann. Ohne Hoffnung wäre auch kein Aktivismus möglich. Diese Hoffnung ist dann nicht die positiv aufgeladene Utopie, sondern die ist eher der Wunsch, dass sich das Schlimme noch einmal abwenden lässt. 
 
Martina Steinbrecher: Das könnte ein schönes Schlusswort sein. Aber es gibt ein noch schöneres: Ihre Osterbotschaft:   
 
Jonas Grethlein: Mein Wunsch ist der, dass alle Menschen, die gerade hoffnungslos sind, die sich in tiefer Not befinden, dass die wieder Hoffnung schöpfen und irgendwie Gottes Gnade spüren können, sei es durch ein freundliches Wort, durch einen netten Blick oder auch nur durch einen Sonnenstrahl. Darin kommt zum Ausdruck, dass Ostern wirklich das Fest der Hoffnung ist, dass Ostern uns die Hoffnung auf eine Auferstehung und auf ein ewiges Leben gibt und dass mit dieser großen Hoffnung verbunden auch viele kleine Hoffnungen sind. Kleine Hoffnungen für die Menschheit im Diesseits, kleine Hoffnungen für uns in unseren Familien, unseren Freundeskreisen, kleine Hoffnungen für uns als Individuen. (16.04.2025)
 
 
Zur Person: Jonas Grethlein ist Professor für Klassische Philologie an der Universität Heidelberg. 2024 erschien seine Monographie: Hoffnung. Eine Geschichte der Zuversicht von Homer bis zum Klimawandel. 
 
Das gesamte Gespräch zwischen Martina Steinbrecher und Jonas Grethlein ist am Ostermontag, 21.04.2025, um 7.50 Uhr auf SWR Kultur zu hören.