„I’m still alive“

Klaus Nagorni
Impuls zum Osterfest
Bei dieser Reise, so hatte ich es mir vorgenommen, wollte ich endlich das Museum zu besuchen, das als Geheimtipp in meinem Reiseführer verzeichnet war. Es liegt im Norden Mallorcas und ist, wie sich herausstellt, nicht leicht zu finden. Über eine schmale, mauerngesäumte Straße geht meine Fahrt, und immer bin ich kurz davor umzukehren, weil ich das Gefühl habe, mein Weg endet im Nirgendwo.
Dann aber stehe ich plötzlich vor einem imposanten, eiserneren Tor. Es öffnet sich wie von Zauberhand. Ich stelle das Auto ab und gehe durch den Park über eine weitläufige Wiese auf das in Weiß gehaltene Museumsgebäude zu. In einiger Entfernung sehe ich etwas, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es sieht aus wie ein Grabstein. Beim Näherkommen stelle ich fest: es ist tatsächlich einer! Darauf steht in großen Buchstaben zu lesen: „I‘m still alive.“
Ein Grabstein mit einer paradoxen Botschaft. Offensichtlich ein Kunstobjekt. Denn begraben ist hier niemand. Was der Künstler sagen will, könnte vielleicht so lauten: „Du, der du vorübergehst, mache dir klar, dass du am Leben bist! Und was es heißt, am Leben zu sein!“

Quelle: Klaus Nagorni
Das ungläubige Staunen und die erschrockenen Blicke der Frauen. Da sind zwei Männer in leuchtenden Gewändern. Deren Frage: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier. Jesus ist auferstanden.“ Die Frauen begreifen, kein Grab kann ihn festhalten. Um ihn zu finden, gilt es, die Blickrichtung zu ändern. Er ist dort, wo das Leben pulsiert. Von vorne kommt er auf uns zu.
Der Grabstein im Park, das Kunstobjekt eines mir unbekannten Künstlers, enthält für mich diese österliche Botschaft. Er erinnert mich daran, wie verletzlich mein Leben ist und wie begrenzt. Aber er lässt mich auch die Kostbarkeit des Augenblicks spüren. Als wolle er sagen: Wie schön, dass du da bist, lebst, atmest!
Der Grabstein als Denkmal: Denk mal dran, wenigstens für ein paar Minuten am Tag, wie kostbar es ist, am Leben zu sein. Öffne deine Sinne für das, was dir heute geschieht. Auch für das, was dir vielleicht zugemutet wird.
Zuweilen brauche ich die Erinnerung daran. Wenn mir aus Unachtsamkeit das kostbare Geschenk des Lebens wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt. Wenn ich Gefahr laufe, das Staunen zu verlernen. Dann ist so ein österlicher Impuls gut: „I‘m still alive“. Ich bin am Leben. Das Grab ist leer. Welch eine Geschenk, dass ich mit jedem Atemzug die Kraft spüren kann, die mich ins Leben gebracht hat und am Leben erhält.
Meine Fahrt auf verschlungenen Wegen, von der ich dachte, sie endet im Nirgendwo, hat mich auf diese Wiese mit dem Grabstein geführt. Mit der aufblühenden Botschaft: Er ist nicht hier, er ist auferstanden.
Damit kann ich leben. „I‘m still alive“.