Licht. Auch am Tag

Antonia Klumbies
Impuls
Wir waren gerade auf dem Weg in die Schweizer Alpen. Endlich hatte ich zwei Tage freigeschaufelt und Platz gemacht für ein bisschen frische Schweizer Bergluft. Die Fahrt dauerte etwa drei Stunden. Zum Glück war ich nur Beifahrerin und konnte die immer schöner werdende Landschaft in mich aufsaugen. Natürlich hab ich auch die ganzen Autobahnschilder gelesen und gedacht: „Den Ort kenne ich; ach ja, da war ich schon mal als Kind.“ Und alle paar Kilometer tauchte ein riesiges digitales Schild auf mit der Aufschrift: „Licht. Auch am Tag.“ Die gesetzliche Vorschrift in der Schweiz verlangt, das Licht am Auto auch tagsüber angeschaltet zu lassen.
Licht auch am Tag. Das bräuchte ich manchmal auch jenseits der Autobahn. Nämlich dann, wenn sich Finsternis in mein Leben schleicht und ausbreitet. Als ich neulich schon wieder umgezogen bin – zum fünften Mal in sechs Jahren - ging es mir tage-, ja wochenlang so. Nachts konnte ich kaum schlafen. Stattdessen habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, warum ich das bloß gemacht hab. Und tagsüber bin ich durch die Straßen gelaufen, in denen ich mich fremd gefühlt hab. Es gibt diese Tage, an denen auch die schönste Maisonne nicht hell genug leuchtet. Dann herrscht Dunkelheit. Auch am Tag. Was hilft?
Im 18. Jahrhundert gab es eine ganze Generation, die sich verpflichtet sah, Dunkelheit aufzudecken. In der Aufklärung sollte Wissen für alle zugänglich werden und das Licht der Vernunft die selbst verschuldete Dunkelheit vertreiben. Nicht umsonst heißt Aufklärung auf Englisch enlightenment: Erleuchtung. Das Erbe dieser Generation von Lichterkindern prägt uns bis heute in unserem Menschenbild, unseren politischen Systemen und vielem mehr. Im Christentum liegt der Grund für das Erleuchtet-Sein nicht in uns selbst. In der Bibel bezeichnet sich Jesus als Licht der Welt. Wer ihm nachfolgt, wird nicht in der Finsternis bleiben, heißt es dort. Gott bringt Licht ins Dunkel. Auch am Tag.
Das Schweizer Autobahnschild hab ich mittlerweile oft gesehen. Inzwischen muss ich schmunzeln, wenn ich es lese. Fast kommt es mir wie eine Bestärkung meines Glaubens vor. Auf jeden Fall ist es ein schöner Augenblick der Vergewisserung im Vorbeifahren: Jesus Christus. Licht. Auch am Tag.