Lindenbaumträume

Blüten und Blätter einer Linde

Wibke Klomp

Impuls

Vor dem Rathaus unserer Stadt steht eine uralte, riesige Linde. Jetzt im Juni duften ihre Blüten. Ich mag diesen besonderen Duft, sauge ihn in mich auf, denn er erinnert mich an mein Elternhaus, vor dem auch ein Lindenbaum wuchs. Gerne bleibe ich darum auch einmal ein paar Minuten stehen, betrachte den Baum und atme den Duft meiner Kindheit ein.
 
Fest verwurzelt ragt der Baum dem Himmel entgegen, gewiss zwanzig, dreißig Meter dürfte er in die Höhe ragen. Der Stamm ist knorrig, sein Umfang so groß, dass es mindestens drei erwachsene Menschen braucht, die sich an den Händen fassen, um ihn zu umarmen. 200 Jahre erzählt man, sei dieser Baum alt. Unglaublich! Was er mir wohl alles erzählen könnte, was unter seinen Zweigen passiert ist. Von Menschen, die in den Krieg gezogen sind, die sich unter ihm das erste Mal geküsst haben, Initialen in ihn geritzt haben.
 
Auch der Baum selbst steckt voller Leben! Große und kleine Vögel haben in seinen Zweigen Nester gebaut, Käfer krabbeln auf dem Stamm, manchmal ist der Baum in ein lautes Brummen und Surren der Bienen gehüllt, im Herbst habe ich schon Eichhörnchen durch die Zweige springen sehen - im Sommer spendet er herrlichen Schatten für Groß und Klein.
 
„Ich träumt in seinem Schatten gar manchen süßen Traum“, heißt es ja auch in dem alten Volkslied „Am Brunnen vor dem Tore“ über einen anderen Lindenbaum. Ich summe das Lied vor mich hin und gönne mir den einen oder anderen Tagtraum.
 
Schon in der Bibel gilt der Baum als Symbol für das Leben. „Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.“ (Psalm 1,3) heißt es da. Ich wünsche mir, dass ich so feste Wurzeln wie dieser Baum hätte. Dass mich kein Lebenssturm so schnell umkippt, und ich weiß, wofür mein Herz schlägt. Von seiner Großzügigkeit möchte ich lernen: Mein Leben mit anderen zu teilen, offene Türen für die zu haben, die meine Nähe suchen. Und vielleicht meine Angst vor Veränderungen ablegen, weil immer wieder Neues wächst - auch wenn es erst einmal nicht danach scheint.
 
  

Wibke Klomp

Dekanin im Kirchenbezirk Wertheim