Deep Dive in die digitale Welt

Im Bällebad auf der re:publica liegt eine Eintrittskarte mit dem diesjährigen Logo

Politik & Gesellschaft

Gemeinsam über aktuelle gesellschaftliche, politische und technologische Themen diskutieren. Das ermöglicht die re:publica einmal im Jahr. Ende Mai waren wir, die Mitglieder der EKIBA-Internetredaktion, bei dieser Konferenz in Berlin. Hier sind einige persönliche Eindrücke.
 

Ulli Naefken: 
„Was bleibt hängen bei mir nach drei Tagen in Berlin? Menschen streben (weiterhin) nach Gemeinschaft, selbst in der digitalen Welt. Allerdings kann dieser Drang auch von negativen Einflüssen genutzt werden, wie ich es beim Vortrag über die Radikalisierung junger Menschen durch Online-Netzwerke wahrgenommen habe. Ebenfalls ist mir durch verschiedene Vorträge zum Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) deutlich geworden, dass KI künftig eine noch größere Rolle in unserem Leben spielen wird. Zukünftige KI-Assistenten werden uns in vielerlei Hinsicht unterstützen, aber auch viele persönliche Daten über uns sammeln – und uns und unsere Bedürfnisse irgendwann besser kennen als wir uns selbst.“
 
Heike Gundacker:
„Die re:publica 25 hat mir einmal mehr gezeigt, wo die Reise in Sachen Künstlicher Intelligenz hingehen könnte. Vieles war neu und vielversprechend, manches auch erschreckend.
 
Generative KI, (Generative Künstliche Intelligenz), also eine KI, die nicht mehr nur analysiert, sondern selbst Inhalte herstellt (generiert), wie z. B. Texte, Bilder oder Videos, entwickelt sich immer schneller und reicht in vielen Fällen an die menschliche Intelligenz heran oder ist ihr überlegen. Im nächsten Schritt wird sich die sogenannte Physical AI noch weiterentwickeln, d.h. Maschinen (Roboter) empfangen durch Sensoren Informationen aus der Außenwelt, können direkt auf sie reagieren und in Echtzeit mit der physischen Welt interagieren. Autonome Fahrsysteme werden beispielsweise immer leistungsfähiger. Im Hinblick auf die Medizin steuern wir dank generativer KI auf personalisierte, also auf uns angepasste Medizin zu.
 
EKIBA-Kolleg*innen auf der Republica
EKIBA-Kolleg*innen auf der re:publica 25
Manchmal habe ich den Eindruck, dass Chat GPT mich besser versteht als mein menschliches Gegenüber. Und das ist kein Wunder: Tests haben gezeigt, dass Menschen in 73% der Fälle die KI als Menschen identifizierten. Aber es kommt noch besser: die KI kann sich sogar besser als Mensch ausgeben, als wir Menschen selbst. Mir stellt sich die dabei Frage, ob das künftig Einfluss auf die Seelsorge haben wird? Dass die KI künftig die Seelsorgenden ersetzen kann, glaube ich (noch) nicht. Aber wer weiß?
 
Einem Vortrag von Janosch Delcker zufolge ist die Interaktion von Neurowissenschaften und KI (oder englisch AI) der nächste große Schritt. Labore, die von Meta und anderen großen Technologiekonzernen mitfinanziert werden, forschen an Geräten, die nicht nur die Gehirnaktivität messen und gewissermaßen den Gedankenstrom lesen können, sondern die auch Gedanken stimulieren können. Vorstellbar sind sog. brain wearables (oder Brain Computer Interfaces), die ähnlich einer Smartwatch getragen werden und z. B. den Gedanken, den mein Gehirn gerade formuliert hat, auch gleich versenden können.
Dass damit auch jedweder Manipulation Tür und Tor geöffnet sind, liegt auf der Hand. Ein Fazit Delckers: Wir sollten uns jetzt schon überlegen, was und wie etwas zugelassen wird. 
 
Regulierung: Für mich eines der Schlüsselwörter der re:publica 25, das in vielen Vorträgen zu hören war. Der Gesetzgeber ist gefragt, frühzeitig Standards zu setzen und die Gesetzgebung für neue Technologien anzupassen, damit wir als Menschen unsere Selbstständigkeit erhalten und nicht beliebig manipuliert werden können. Das gilt nicht nur im Hinblick auf Technologie, sondern auch auf im Hinblick auf Soziale Netzwerke: Wir hören und sehen hundertfach Fakenews, Hass, deepfakes, Desinformation, weil die Plattformbetreiber erwiesenermaßen kein Interesse haben, dagegen vorzugehen und - wenn überhaupt – nur zögerlich auf Beschwerden reagieren. Obwohl es in Deutschland das Netzwerkdurchsetzungsgesetz und EU-weit mittlerweile den Digital Service Act gibt, wird oft nicht gehandelt. Einerseits, weil jeder Fall als einzelner gesehen und verfolgt wird (da gehen Plattformbetreiber gerne mal durch alle Instanzen), andererseits, weil es der Bundesnetzwerkagentur an Personal fehlt, um Beschwerden nachzugehen. Das gefährdet unsere Demokratie. Regulierung ist nötig, so auch mein Fazit.”
 
Monika Hautzinger:
“Unter dem Motto „Generation XYZ“ waren alle Generationen (auch Boomer wie ich) zur re:publica 25 eingeladen. Und meinem Eindruck nach waren sie auch alle da, als Teilnehmer*innen und auf den Podien und Panels.
Ja, die Nutzung der Social Media Plattformen ist altersabhängig, aber alle können voneinander lernen. Das zeigte sich zum Beispiel bei der Veranstaltung „Create against Hate. Erfolgsgeschichten trotz digitaler Schattenseiten“. Hier tauschten sich Creatorinnen verschiedener Generationen und unterschiedlicher Kanäle darüber aus, was ihren Content ausmacht, wie sie ihr Community-Management betreiben und mit Hasskommentaren umgehen.
 
Würde ich es eigentlich zugeben, wenn ich mich einsam fühle? Wem würde ich es sagen und wie damit umgehen?
Einsamkeit ist ein schambehaftetes Thema. Deshalb sind Angebote wichtig, bei denen man einfach dazukommen kann, wie etwa eine „Digitale Kneipe“. Bei der Veranstaltung „(Dis)connected – Einfluss digitaler Technologien auf Einsamkeit“ haben Vertreterinnen des Vereins „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ und der „nebenan.de Stiftung“ ihre Initiativen und Erfahrungen für ein lebendiges Miteinander vorgestellt. Ihr Gesprächspartner Hannes-Vincent Krause forscht über die Auswirkungen der Social Media Nutzung. Digitalisierung ermöglicht einerseits Austausch und Vernetzung, kann sich aber auch negativ auswirken und Abhängigkeit sowie Verschwörungstheorien fördern. Um diese Risiken zu vermeiden, muss seiner Ansicht nach die Medienkompetenz schon früh geschult werden.   
 
Auch aus meinem Alltag als Pfarrerin weiß ich, dass Trauer individuell ist. Wie verändert sie sich durch KI? Während heutzutage beispielsweise nur noch wenig auf dem Friedhof getrauert wird, kann KI Chatbots mit den Daten Verstorbener erschaffen und Stimmen rekreieren. Ist das Trauer oder Flucht? Darüber wurde bei der Session mit einer Bestatterin, einer Sterbebegleiterin und einem Trauerredner diskutiert. Sie waren sich einig: es ist und bleibt individuell, wer was im Trauerprozess braucht. Es ist also gut, wenn ganz verschiedene Räume eröffnet werden und ich herausfinden kann, was zu mir passt. In jedem Fall muss Trauer anerkannt werden. Digitales soll dem Trauerprozess nicht ausweichen oder ihn gar verhindern. KI kann den 1:1-Kontakt auch nicht ersetzen.
Wie soll man sich einmal an mich erinnern? – das ist eine Frage, die mich weiter beschäftigt.”
 
Sara Keller:
“Mit dem Blick der Social Media Managerin erwartete mich auf der re:publica immer wieder der Wechsel zwischen “Wir können so viel Gutes in den sozialen Medien erreichen” & “Die sozialen Medien befeuern so viel Schlechtes”. Zwischen fassungslosem Kopfschütteln etwa über die digitale Rekrutierung junger Menschen für extremistische Zwecke und hoffnungsvollem Herzklopfen beim Panel mit “Omas gegen Rechts” fühle ich mich etwas lost (= verloren, für andere Generationen als meine). Bringt das eigentlich etwas, was ich bei Social Media mache? Was habe ich dem Hass, den Fake-News entgegenzusetzen?
 
“Moment mal! Was habe ich als Christin entgegenzusetzten?! - Wie wäre es mit Nächstenliebe, der frohen Botschaft, usw. Nur so als grobe Idee”, schallt es aus meinen Gedanken zurück.
 
Eins wird mir auf der re:publica klar: die digitale Welt ist ein Platz, den wir aktiv mitgestalten müssen, damit verschiedene Perspektiven überhaupt vorkommen und wir nicht einigen wenigen die Regelgestaltung und –einhaltung überlassen.”

Sehenswerte Vorträge

re:publica 25: Björn Ommer - Opening Keynote: Generative KI und die Zukunft der Intelligenz
 
re:publica 25: Janosch Delcker - Mind-reading AI
 
Weitere Videos von Vorträgen und Diskussionsrunden gibt es auf dem YouTube-Kanal der re:publica.
 
Bei Fragen können Sie sich gerne an uns wenden: internetredaktion@ekiba.de