Esperanto

Menschen verschiedener Hautfarbe bilden Kreis, strecken ihre Arme aus, Hände berühren sich

Dr. Ute Niethammer

Impuls

„Doktor Esperanto“ - also Doktor der Hoffenden – war sein Pseudonym. Eigentlich hieß er Ludwik Zamenhof und hat als Augenarzt in Städten des heutigen Litauen und Polen gearbeitet. Als säkularer Jude hat er in seinen Jugendjahren immer wieder Anfeindungen, ja Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung erlebt. Für ihn war klar: Absondern hilft nicht. Im Gegenteil: Je mehr Menschen miteinander im Kontakt sind und dabei Gemeinsamkeiten entdecken, desto besser leben sie zusammen. Selber mit Jiddisch, Russisch, Polnisch, Deutsch und Französisch aufgewachsen, hat Zamenhof deshalb lange Zeit an einer Plansprache getüftelt. Sein Ziel: eine einfache Sprache, in der sich möglichst viele ohne großen Lernaufwand verständigen können.
 
Das Pseudonym ist zum Namen der Sprache geworden, und heute gibt es eine weltweite Esperanto-Community von Finnland bis Chile, von Hongkong bis Neuseeland. Die Lust an der gemeinsamen Sprache hat dazu geführt, dass es einen weltweiten kulturellen Austausch gibt. Kochrezepte, traditionelle Tänze, Kunstwerke: über alle Grenzen hinweg feiert die Esperanto-Community die Vielfalt als Gemeinschaft.
 
Esperanto als Sprache für alle, das erinnert mich an die biblische Pfingstgeschichte. Also an die Erzählung, wie Menschen durch den Heiligen Geist sich plötzlich verstehen konnten, obwohl sie völlig andere Muttersprachen hatten. Und wenn die Sprache kein Problem mehr ist, wird mehr möglich. Zum Beispiel Verständigung auf unterschiedliche Werte in unterschiedlichen Sprachen: Eine Art Werte-Esperanto – das wäre für unsere Religionen doch auch eine gute Idee. Zusammenbringen, was uns eint, das gemeinsam durchdeklinieren und dann so miteinander leben.
 
Der katholische Theologe Hans Küng hat das vor etlichen Jahren schon mal probiert. Aus seinem Projekt Weltethos ist inzwischen eine Stiftung geworden, die sich für universale ethische Prinzipien einsetzt. Denn Küng hat herausgefunden: Wenn es darum geht, wie wir menschlich miteinander umgehen, dann gibt es kaum Unterschiede zwischen dem, was Hinduismus, Christentum, Islam, Buddhismus, Judentum, Bahai oder Taoismus dazu sagen.
 
Das finde ich ermutigend! Ob Esperanto oder Projekt Weltethos – bei all den Spaltungen und Ausgrenzungen in unserer Zeit gibt es auch Gruppen, die zeigen: es geht auch anders! Nämlich gemeinsam!
 
Am 26.07. ist Esperanto-Tag. Ein guter Tag, um mal wieder die Hoffnung stark zu machen, dass wir als Menschen alle zusammengehören und uns viele Werte verbinden.
Genau diesen Satz probier‘ ich mal auf Esperanto: kiel homoj, ni ĉiuj apartenas kune kaj ni dividas multajn valorojn. (25.07.2025)
 
  

Dr. Ute Niethammer

Landeskirchliche Beauftragte für den Prädikantendienst