Glocken im Wandel der Zeit: Geschichte, Klang und Bedeutung
Gottesdienst & Kirchenmusik
Vom kleinen Glöckchen am Saum des Hohen Priesters bis zum mächtigen Geläut im Kirchturm - seit Jahrhunderten rufen Glocken zum Gebet, klingen bei Taufen, Hochzeiten und an Festtagen. Dabei hat sich ihre Form, ihr Klang und ihre Bedeutung über die Jahrhunderte gewandelt. Wie dieses klingende Kulturerbe entstand, welche ältesten Schätze in Baden existieren und wie Initiativen das Läuten neu ins Bewusstsein rücken, erläutert Prof. Dr. Michael Kaufmann vom Orgel- und Glockenprüfungsamt der badischen Landeskirche im Interview.
Was macht eine Glocke grundsätzlich aus?
Michael Kaufmann: Glocken haben eine bestimmte Form, die über Jahrhunderte hin so entwickelt worden ist, dass sie den Ton möglichst füllig und wohlklingend bilden können. Zunächst sah die Form wie ein Bienenkorb aus, dann zog man sie etwas länger, so dass sie die Gestalt eines Zuckerhuts bekam. Was heute einen Glockenton ausmacht, ist ein fester Anschlag mit vollem Ton und langem Ausklingen.
Kinder im Westfälischen Glockenmuseum Gescher
Seit wann gibt es denn Glocken im christlichen Kontext?
Michael Kaufmann: Schon im Jerusalemer Tempel haben kleine Glöckchen am Saum des Hohen Priesters gehangen. Wenn dieser durch die Halle geschritten ist, hat es dazu geschellt. Nach Europa kamen Glocken im Zuge der Christianisierung durch irisch-schottische Mönche, die von Dorf zu Dorf zogen und Menschen mit Glocken zusammengerufen haben. So hat sich das Läuten etabliert, das Christen einlädt, Gottesdienst zu feiern. Als Kapellen oder Kirchen entstanden, bekamen diese einen Dachreiter mit Glöckchen oder einen Turm mit Glocken.
Haben sich die Anlässe für das Glockenläuten in der Kirche im Laufe der Zeit gewandelt?
Michael Kaufmann: Ursprünglich wurden Glocken geläutet, um in den Klöstern die Gebetszeiten zu signalisieren. Davon leitet sich unsere Tradition ab, meistens morgens um 6 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr zum Gebet zu läuten. Bis ins 19. Jahrhundert gab es ja kaum Uhren, Menschen richteten ihren Tageslauf nach dem Läuten. Die Welt war damals auch noch nicht so laut, so dass Glocken als Signal weit hörbar waren.
Allmählich haben sich daraus auch unsere Läuteordnungen entwickelt, die das Läuten zu verschiedenen Anlässen regeln. Es wurden Taufglocke und Sterbeglocke definiert, die zusammen das Hochzeitsläuten bildeten. Und in Gemeinden mit vier, fünf oder mehr Glocken gibt es das große Geläut an Festtagen wie Ostern und Weihnachten.
Wie alt ist die älteste noch funktionsfähige Glocke in Baden?
"Zuckerhutglocke" der Bergkirche Büsingen
Michael Kaufmann: In Büsingen hängt im Chorraum der Bergkirche eine Glocke aus dem Hochmittelalter, vermutlich ist sie auch die älteste Glocke in den etwa 700 Geläuten mit etwa 2.500 Glocken der badischen Landeskirche: 12. Jahrhundert. Sie musste allerdings vom Turm genommen und darf derzeit wegen einer Beschädigung an der Krone nicht geläutet werden.
Wie kann das Glockenläuten den Menschen wieder mehr ins Bewusstsein rücken?
Michael Kaufmann: Dazu wurden bereits einige Initiativen gestartet, beispielsweise eine Kampagne zum Gebetsläuten oder das Projekt „Create Soundscape“, das Kinder- und Jugend-Gruppen auf Glockentürme führt, damit diese das Kulturerbe wahrnehmen und auf einer interaktiven Landkarte sammeln. Dass Glockenguss und Glockenmusik nun in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurden, trägt auch dazu bei. (13.08.2025)