Glauben in der Klimakrise

Glaube & Spiritualität
„Der Glaube kann helfen, zu entdecken wie es auch anders gehen könnte,“ sagt Prof. Dr. Katrin Bederna. Sie ist Professorin für Katholische Theologie/Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Einer ihrer Schwerpunkte ist die „Ökotheologie“, eine ökologische Theologie, die den christlichen Glauben im Kontext der ökologischen Situation neu reflektiert.
Frau Bederna, was motiviert Sie persönlich, sich mit dem Thema Klimaschutz aus theologischer Sicht zu beschäftigen?
Klimawandel, Artensterben, Landnutzungswandel, Flusssterben, insgesamt die ökologische Situation ist das zentrale Problem unserer Zeit, weil sie auf lange Sicht sehr viele Opfer unter allen Lebendigen fordert. Wie kann man sich da nicht engagieren? Und dann ist es ganz einfach: Jeder muss das tun, was er oder sie kann. Und dass Theologie, also auch ich als Theologin, hier einiges zu tun hat, scheint mir offensichtlich. Obwohl ich manchmal lieber Psychologin oder Biologin oder eine gute Politikerin wäre, um noch mehr erreichen zu können.
Was kann ökologische Theologie bewirken?
Theologie deutet den Glauben im Kontext ihrer Zeit. Es gibt zwei basale Aussagen christlicher Schöpfungstheologie. Die erste Aussage ist, dass es auf die Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?“ eine Antwort gebe. Diese Antwortet lautet christlich „Gott“. Gott ist Bedingung der Möglichkeit der Existenz und des Fortbestehens alles dessen, was ist, der Erde und all ihrer Bewohner, des Universums – oder auch aller Universen.
Die zweite schöpfungstheologische Aussage ist, dass Gott der oder die ist, die Macht hat, die kann, und die deshalb auch retten kann.
Beide Überzeugungen können das umweltethische Verantwortungsgefühl stärken. Die erste, weil sie die Dankbarkeit für alles, was ist, noch einmal erhöht, weil sie allem einen zusätzlichen Sinn gibt, da schöpfungstheologisch auf alles, was ist, der göttliche Glanz fällt, alles irgendwie Bild Gottes sein kann. Die zweite, weil sie Hoffnung gibt, dass der Einsatz gegen die Zerstörung der Mitwelt keine Sisyphos-Arbeit ist, sondern, theologisch gesprochen: Mitarbeit am Reich Gottes.

Prof. Dr. Katrin Bederna
Quelle: Bederna/privat
Artensterben und Klimawandel. Ohne die ökologische Basis unseres Lebens ist alles andere nichts.
Worin sehen Sie die Verantwortung von Christ*innen? Sind wir besonders gefordert?
Alle Menschen sind gefordert. Jeder und jede, der oder die besonders viel tun kann, um die Situation zu ändern, ist besonders gefordert. Man muss zwar kein Christ sein, um hier Verantwortung zu übernehmen, aber man kann vielleicht doch sagen, dass Gläubige (nicht nur Christinnen und Christen, sondern auch Muslime und Juden und Jüdinnen) umweltethisch eine besondere Verantwortung haben, weil Ihnen zugesagt ist: „Du kannst etwas an der Situation ändern, denn Gott hilft dir. Du bist nicht allein.“ Diese Logik finden Sie schon in den prophetischen Büchern, beispielsweise bei Amos: Das Volk Israel ist hier besonders gefordert, gerecht zu handeln, weil Gott mit ihm einen Bund geschlossen hat. Die Logik ist: Du sollst, weil du kannst!
Warum fällt es uns so schwer, die Klimakrise wirklich ernst zu nehmen und mehr für den Klimaschutz zu tun? Warum handeln wir nicht, obwohl wir doch wissen, was zu tun wäre?
Der sogenannte Mind-behaviour gap, den Sie ansprechen, also die Kluft zwischen Wissen und Tun, ist in der Tat ein großes umweltethisches Problem. Es gibt psychologische Gründe für diese Kluft: Wir müssten anerkennen, dass der bisherige Lebensstil falsch war und müssten einen neuen erfinden. Das kostet Kraft und Wille und Mut. Dazu kommt, dass das Problem, auf das wir ökologisch reagieren müssen, die Hauptverantwortlichen noch nicht in aller Schärfe betrifft, also noch nicht ganz da ist – und wenn es da ist, ist es zu spät. Das ist ein bisschen wie bei dem Raucher, der weiß, dass Rauchen die Gefahr erhöht, vor der Zeit an Lungenkrebs zu sterben, und der trotzdem nicht aufhört und der vor allem trotzdem seine Kinder im Auto dem Zigarettenrauch aussetzt.
Ein anderer Grund für diese Kluft ist ganz schlicht böser Wille: Warum leugnet der amerikanische Präsident den Klimawandel, lässt Langzeitmessungen zu Klimaveränderungen löschen, streicht Gelder für Klimaforschung und hat als Devise „drill baby drill“? Aus Gier? Aus Geltungssucht?
Zweitens klingt es natürlich gut, wenn Sie sagen, dass wir doch „wissen, was zu tun wäre“. Aber wissen wir wirklich, wie eine Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren kann, wie ganze Gesellschaften sich selbst von neuen Vorstellungen des Wohlstands, neuen Ideen des guten Lebens überzeugen können? Da müssen wir uns vortasten, ausprobieren.
Drittens müssen wir, wenn wir überhaupt etwas bewirken sollen, positiv denken. Lassen Sie uns also nicht auf die starren, die vor der Kluft stehen bleiben und nicht springen, also nicht die lebensnotwendigen Veränderungen angehen, sondern auf alle, die springen: Beispielsweise darauf, dass es die Paris-Vereinbarung auf die Obergrenze von 1,5 °C Erhitzung gibt oder dass so viele in For Future Gruppen aktiv sind. Es gibt eben doch sehr viele Menschen, die wissen und handeln.
Gibt es besondere Rituale oder spirituelle Praktiken im Kontext von Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein? Welche Rolle können sie spielen?
Da müssen Kirchengemeinden erfinderisch sein und sind es natürlich bereits: Fastenzeiten sind eine gute Gelegenheit, einen neuen Lebensstil auszuprobieren.
Buße und Bußgottesdienste halte ich für besonders wichtig, denn es geht hier um Anerkennung, dass wir als Gesellschaft und Stadt und Familie und als Einzelne etwas falsch gemacht haben. Wir brauchen Vergebung. Allerdings sind die meisten Opfer unserer Handlungen, also die, die uns vergeben müssten, noch nicht geboren. Hier hilft also nur das Gebet: Gott hilf, dass uns vergeben wird. Hilf uns, umzukehren.
Mein Kollege Markus Vogt spricht auch immer wieder davon, dass Trauerbegleitung hier eine Rolle spielt. Es tut weh, Abschied von altbekannten Landschaften zu nehmen. Es tut weh, Flüsse sterben zu sehen. Ich denke da an Beispiele wie das ökumenische Requiem für den Zugspitzgletscher, bei dem der schwindende Gletscher gesegnet wurde. In solchen Zeremonien geht es zudem nicht in erster Linie um uns Menschen und unsere Trauer, sondern um die Anerkennung eines Flusses als kollektives Lebewesen, das sterben kann und um das wir – nicht um unseretwillen, sondern um des Flusses willen – trauern. (25.09.2025)
Mehr darüber, wie die Evangelische Landeskirche in Baden Verantwortung für die Schöpfung wahrnimmt, erfährst du unter klima-baden. Hier findest auch regionale Beispiele.