An einem Tisch

Landesbischöfin Heike Springhart
Impuls zum 3. Oktober 2025
Ich sehe den Raum in dem Jugendheim irgendwo in der Lausitz noch genau vor mir. Ich war damals Studentin und war mit einer Gruppe Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Leipzig unterwegs. Fast 30 Jahre ist es her. Ich war unterwegs mit Mandy und Thomas, Lukas und Selina, Patrick und Marvin. Jugendliche auf der Suche nach dem, was im Leben trägt und wer sie sind.
Wir haben für jeden und jede ein leeres Plakat an die Wand gehängt. Auf jedem Plakat stand ein Name. Sie sollten einander ihre Wahrnehmung schreiben. Was sie am anderen gut finden oder einfach mal sagen wollen. Auch von mir hing ein leeres Plakat an der Wand. Als ich zu meinem Plakat gegangen bin, bin ich an einem Satz auf meinem Plakat hängengeblieben: „Für einen Wessi bist du ganz schön nett.“ Das hat mich gefreut und überrascht. In den Tagen hatten wir nie darüber gesprochen, dass ich aus dem Westen kam.
Heute sind es 35 Jahre, dass Ostdeutschland und Westdeutschland wieder ein geeintes Land sind. Am 3. Oktober wurde aus einem geteilten Land wieder ein Land ohne Mauer. Dass es dazu einmal kommen würde, das war noch ein Jahr vorher kaum vorstellbar gewesen. Seitdem die Mauer von mutigen Menschen aus der DDR im Herbst 1989 zum Einstürzen gebracht worden war, hatte sich das Bild geändert. In beiden Teilen Deutschlands. In den Städten Westdeutschlands tauchten plötzlich Trabis auf, Menschen standen Schlange für das Begrüßungsgeld, plötzlich hörte man auch auf dem Heidelberger Markplatz sächsischen Dialekt. Auf der grünen Wiese in Ostdeutschland schossen Gebrauchtautohändler wie Pilze aus dem Boden, bald auch Einkaufszentren.
Aber auch das gehörte dazu: Manch einer der Eltern aus der Leipziger Konfirmandengruppe hatte erlebt, wie ihnen allerlei Versicherungen verkauft wurden – von denen längst nicht alle sinnvoll oder gar nötig waren. Von einem Tag auf den anderen haben sie in einem anderen Land gelebt. Ein Satz aus der Bibel passt für mich zu diesem Tag. Jesus sagt im Matthäusevangelium: „Viele werden kommen von Osten und Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen.“
Das Bild vom gemeinsamen Tisch spricht mich an. Da sitzen Menschen zusammen. Aus allen Himmelsrichtungen. Sie erzählen ihre Geschichten. Sie hören einander zu. Sie teilen, was sie haben.
Wenn ich auf die deutsche Einheit schaue, spüre ich beides. Dankbarkeit und Freude. Aber auch Brüche und offene Fragen. Denn leicht war es nicht. Viele Menschen im Osten haben erlebt, wie Arbeitsplätze verschwunden sind. Wie Lebenswege abgebrochen wurden. Viele im Westen haben gespürt, dass Sicherheiten verloren gingen. Bis heute gibt es Unterschiede. Manchmal auch Missverständnisse und Vorurteile.
Und trotzdem: Ich sehe so vieles, was gelungen ist. Freundschaften sind entstanden. Familien sind zusammengewachsen. Es gibt Projekte, die ohne die Einheit nie möglich gewesen wären. Wir haben voneinander gelernt. Wir haben uns verändert – alle miteinander. Bis heute bin ich dankbar, dass ich so kurz nach der Wiedervereinigung den Umbruch in Leipzig erleben konnte.
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Leipzig, mit denen ich 9 Jahre nach der Wiedervereinigung zusammen war, sind noch vor der Wende geboren. Heute arbeiten sie in Ost und West oder sonst wo auf der Welt.
Einheit ist nicht Einheitlichkeit – nicht in Deutschland und auch sonst nicht. Die Grenzen sind gefallen und wir können einander frei begegnen und erleben: wir gehören zusammen. Mit unseren Unterschieden, mit den unterschiedlichen Lebensgeschichten.
„Sie werden kommen von Osten und Westen“ – das ist eine Zusage aus der Bibel, die weiter reicht als Politik. Sie erzählt von Gottes großem Tisch. An diesem Tisch ist Platz für alle. An diesem Tisch sitzen sie alle – die aus dem Osten und Westen Deutschlands und Europas, aus dem globalen Süden und dem Norden.
Gott fragt nicht zuerst: Woher kommst du? Sondern: Bist du bereit, dich einzulassen auf die Gemeinschaft? Sind deine Ohren und dein Herz offen für die Geschichte des anderen?
35 Jahre nach der Einheit brauchen wir Mut. Damals haben Menschen mit Kerzen in der Hand gesagt: Wir wollen frei sein. Wir wollen, dass das Leben gelingt – für alle. Ohne Gewalt. Mit Vertrauen, dass Gott uns begleitet.
Heute brauchen wir diesen Mut wieder. Vielleicht auf andere Weise. Mut, Spannungen auszuhalten. Mut, Brücken zu bauen. Mut, Frieden zu suchen in einer unsicheren Welt.
Der 3. Oktober erinnert mich daran: Einheit ist mehr als ein politischer Akt. Sie ist eine Haltung. Sie wächst da, wo Menschen zusammenkommen. Von Osten und Westen, von Norden und Süden.
Darum feiere ich diesen Tag mit Dankbarkeit. Mit offenen Augen für das, was gelungen ist. Mit offenen Ohren für das, was noch zu tun bleibt. Und mit offenem Herzen für das, was Gott uns verheißt: dass wir eines Tages alle miteinander an seinem Tisch sitzen werden. „Viele werden kommen von Osten und Westen …“ – das ist ein Wort der Hoffnung. Für unser Land. Für die Welt. Und für uns alle. (03.10.2025)