Fülle, Flucht und Verantwortung - Erntedank in Zeiten des Klimawandels

große trockene Fläche mit einem einzelnen Baum darin

Glaube & Spiritualität

Bunt geschmückte Altäre, volle Körbe mit Obst und Gemüse werden am kommenden Sonntag in vielen unserer Kirchen zu finden sein. Doch wer kann an dieser Fülle überhaupt teilhaben? Diese Frage beschäftigt Sigrid Zweygart-Pérez. Sie ist Pfarrerin und seit 1. September auch Landeskirchliche Beauftragte für Flucht, Migration und Integration. 
Im Gespräch erzählt sie von den Sorgen und Hoffnungen geflüchteter Menschen, von den Spuren des Klimawandels in unseren Lebensmitteln – und davon, warum jedes noch so kleine Handeln zählt. 

Sigrid, was ist Erntedank für dich? An was denkst du zuerst?
Ich denke tatsächlich an schön geschmückte Altäre in der Kirche. Ich war ja lange Dorfpfarrerin, da war der Altarraum immer voll mit Erntegaben, besonders von den Bauersfamilien. In der Stadt ist das anders: auf dem Altar liegen oft verpackte Dinge, die Menschen im Supermarkt gekauft haben. Aber das sind trotzdem die Dinge, für die sie dankbar sind. Ich habe den Eindruck, die Menschen handeln nach dem Motto:  
„Ich weiß, dass es mir gut geht und ich versuche, etwas davon weiterzugeben.“ Was sie geben, soll dann auch gut verwendet werden. Deshalb sammelt bei uns der Diakonieladen „Brot und Salz“ im Anschluss an das Erntedankfest alle Erntedankgaben ein und gibt sie an bedürftige Menschen weiter.
 
Vor allem Wetterextreme führen uns den Klimawandel vor Augen. Findest du, dass uns wieder bewusster ist, wie sehr unser Leben doch vom Klima abhängig ist? 
Wenn wir ehrlich sind, haben wir das ganze Jahr über alles vor Augen, wenn wir in den Supermarkt gehen. Ich glaube, das ist für uns alle eher schwierig, uns vorzustellen, dass das nicht selbstverständlich ist. Wir haben eben immer noch die Möglichkeit, das, was bei uns nicht wächst, von irgendwo anders günstig zu kaufen.  
Anfang des Jahres war ich ein paar Monate in Marokko. Inzwischen ist in Deutschlands Supermärkten viel Obst und Gemüse zu finden, das in Marokko angebaut wurde. Marokko leidet aber genauso unter dem Klimawandel wie wir. In den letzten Jahren gab es auch dort Dürre einerseits und ungewöhnliche Regenmassen andererseits. Der Raubbau, der jetzt dort betrieben wird, wird sich irgendwann auch bei uns niederschlagen. Aber im Moment sehe ich das Bewusstsein dafür noch nicht.
 
Wir können hier aus dem Vollen schöpfen. An Erntedank bedanken wir uns auch für die Fülle. Du hast als neue Beauftragte für Flucht, Migration und Integration auch die Menschen im Blick, denen diese Fülle aus verschiedensten Gründen nichts zuteilwird bzw. die nicht daran teilhaben können. Mit welchen Sorgen, Nöten und Schwierigkeiten sind die Menschen konfrontiert?
Das Thema Essen spielt natürlich auch für die Menschen, die zu uns kommen, eine ganz große und zentrale Rolle. Viele wissen den Wert von einem schönen Mahl, einem gemeinsamen Essen, glaube ich, mehr zu schätzen, als es bei uns oft der Fall ist. Wenn sie die Möglichkeit haben, wird in das Kochen, deutlich mehr Zeit investiert als das so bei uns üblich ist.
Die Gründe, warum Menschen fliehen, sind ja wirklich sehr, sehr vielfältig und nicht bei allen spielt das Thema Mangel an Lebensmitteln eine Rolle. Die meisten Menschen, die vor Hunger fliehen, die kommen gar nicht bis zu uns, weil sie weder die Mittel noch die Kraft haben, bis nach Europa zu fliehen.
Aber in Afghanistan spielt das Thema Hunger inzwischen leider eine große Rolle. Durch die wirtschaftliche Situation und die Sanktionen ist die Lage dramatisch. 
 
Von welchen anderen Fluchtursachen erzählen die Menschen, mit denen du im Ankunftszentrum in Heidelberg zu tun hast?
Das ist nach wie vor der Bürgerkrieg in Syrien, der zwar formal beendet ist, aber für die Menschen vor Ort ist er es eben nicht. Gerade sind wieder vermehrt Christen aus Syrien gekommen, weil sich ihre Situation deutlich verschärft hat, Kirchen zerstört werden und die Menschen sich noch unsicherer fühlen als vorher. Kurdinnen und Kurden fliehen vor den politischen Repressalien aus der Türkei. Von politischen Gründen erzählen auch die Menschen aus den Westafrikaländern: durch jahrzehntelange Diktaturen ist die politische Situation unhaltbar. Neu ist, dass aktuell auch viele Menschen aus China kommen. Auch da sind es politische Gründe, warum die Menschen fliehen.
 
Wie können wir Geflüchteten helfen?
Meiner Erfahrung nach braucht eigentlich jede und jeder neu Ankommende, selbst wenn das Asylverfahren verhältnismäßig gut läuft, Begleitung: beim Deutschlernen und -sprechen, bei Behördengängen und der Wohnungssuche. Diese klassische Form von: Ich bin für dich da. Ich unterstütze dich bei dem, was du brauchst.
Im Hinblick auf die Herkunftsländer ist unser Einfluss nicht so groß, dass wir deren Politik ändern. Aber ich finde wichtig, dass wir uns informieren, dass wir zumindest ein bisschen Bescheid wissen, über die Länder, aus denen die Menschen kommen: Was ist denn nicht in Ordnung in diesen Ländern?
Natürlich geht es auch um die große Frage des fairen Welthandels: Wie gehen wir mit den Ressourcen insgesamt um? Wir wissen alle, dass wir auf Kosten des globalen Südens leben und konsumieren. Da zu schauen, was kann ich an meinem eigenen persönlichen Konsumverhalten ändern? Welchen Initiativen kann ich mich vielleicht anschließen, die versuchen, was zu ändern, das ist eine bleibende Aufgabe. Es ist unsere Verantwortung, dass wir darauf achten: Wie wird etwas produziert? Von wem wird produziert? Wie sind da die Bedingungen? Ich finde, das gehört auch in das Thema „Erntedank“ mit hinein. Wir leben eben nicht nur von Brot allein, sondern von vielem mehr und da müssen wir schon überall sehr genau hinschauen. Und auch wenn es nicht die ganz großen Veränderungen sind, will ich nicht unterschätzen, was ich durch mein eigenes Verhalten ändern kann. (02.10.2025)
  

Sigrid Zweygart-Perez

Landeskirchliche Beauftragte für Flucht, Migration und Integration