"Wir erinnern uns nicht anstandshalber"

Heike Springhart
Morgenandacht bei der Herbsttagung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden am 22.10.2025
Sie waren eine ganz normale Karlsruher Familie. Der Vater Richter am Landgericht, die zwei Töchter Hanna und Susanne, die zwischen Schule und Sonntagsausflügen zum Schloss und auf den Karlsruher Turmberg fröhlich aufwuchsen. Hanna Meyer-Moses erinnert sich an den heutigen Tag vor 85 Jahren. Ein Morgen in Karlsruhe: „Am Morgen des 22. Oktober 1940, ca. acht Uhr in der Früh, läutete es an unserer Wohnungstüre. Als meine Mutter öffnete, standen zwei Männer in Zivil vor ihr, die sich als Gestapo-Angehörige auswiesen und fragten, ob Familienangehörige zu Hause seien […]. Nachdem meine Mutter bejaht hatte, teilten ihr die Gestapo-Männer mit, es dürfe von nun an niemand mehr die Wohnung verlassen, wir sollten uns reisefertig machen, sie kämen in ca. einer Stunde wieder. Meine Mutter weckte uns beiden Mädchen (ich war drei Wochen zuvor gerade 13 Jahre alt geworden, meine Schwester Susanne war elf), forderte uns auf, etwas Wärmeres als üblich anzuziehen, und fing an zu packen.“
Wie über 6500 andere jüdische Menschen aus Baden und der Saarpfalz wurden sie zum Bahnhof getrieben, spätabends in Züge verladen und quer durch Frankreich transportiert. Drei Nächte und zwei Tage später mussten sie in der Bahnstation Oloron-Sainte-Marie am Nordrand der Pyrenäen aussteigen und wurden in das Lager Gurs gebracht.
85 Jahre ist das her – das ist ein ganzes Menschenleben. 85 Jahre ist es her, dass die badischen Jüdinnen und Juden erst nach Gurs und bis auf wenige Überlebende später weiter nach Auschwitz und in die anderen Vernichtungslager deportiert wurden und in den sicheren Tod.
Zahlen und geschichtliche Eckdaten können kaum erfassen, wie da Menschen aus unserer Mitte gerissen wurden. Sichtbar wird es an den Spuren ihres Lebens. Hörbar in den Briefen, die sie aus dem Lager geschrieben haben.
Am Montag hat Rolf Meyer, der Sohn von Hanna Meyer-Moses, uns in Gurs die Postkarte gezeigt, die seine Großmutter den Töchtern Hanna und Susanne hastig als letzten Gruß vor dem Abtransport nach Auschwitz geschrieben hat. Ein letztes Lebewohl und ein kostbares Zeugnis der Erinnerung.
In den Briefen sind die Ängste und die Tränen derer, die die Briefe erhalten haben, aufgehoben. Sie sind Zeugnisse von abgebrochenen Leben. Wie die Berge von Koffern, Brillen und Schuhen in Auschwitz. Jeder gehörte zu einem Menschen.
Dem kleinen Mädchen, das an der Hand der Mutter die Angst spürte und dessen Kinderleben brutal abgebrochen wurde. Dem Arzt, der seine Patienten bis zuletzt liebevoll versorgt hatte und dessen Koffer mit den letzten Habseligkeiten ihm wie sein Leben entrissen wurde.
Auch wenn ich die Menschen nicht persönlich kenne – durch diese Gegenstände werden sie von der Zahl in der Statistik zu Bruder und Schwester.
Manche von denjenigen, die das Grauen überlebt haben, haben sich nach vielen Jahrzehnten dazu überwunden ihre Geschichte zu erzählen, als Zeitzeugen – wie Hanna Meyer-Moses. Inzwischen erzählen die Kinder der Überlebenden ihre Geschichte. Was für ein Schritt muss das für die Zeitzeugen gewesen sein, wieder in das Land zurückzukehren, in dem sie einst der Vernichtung preisgegeben werden sollten. Für mich sind sie heute ein hoffnungsvolles Beispiel dafür, dass es nach vielen Jahren gelingen kann, selbst nach so viel Demütigung die Hände zur Begegnung auszustrecken.
Wir erinnern uns heute an die Menschen, die aus unseren Dörfern und Städten in Baden abgeholt wurden. Herausgerissen bei Nacht und Nebel. Aus der Nachbarschaft und der Gemeinschaft, zu der sie immer gehört hatten.
Heute Mittag wird am Pforzheimer Güterbahnhof ein Gedenkstein eingeweiht zum Gedenken an die, die von dort deportiert wurden. Mit den Namen all derer, die Pforzheim verloren gegangen sind. In Gottes Gedächtnis sind sie nicht verloren.
In der Erinnerung liegt Kraft. Sie schafft eine Gemeinschaft über die Zeiten hinweg. Erinnerung geschieht hier und heute. Das, was in der Vergangenheit geschehen ist, hat eine Bedeutung für heute. Wir erinnern uns nicht anstandshalber oder aus Routine. Die abgebrochenen und ermordeten Leben haben eine Bedeutung für heute, das Schweigen hinter den Vorhängen der Nachbarn, die nur zugesehen, aber nicht hingesehen haben.
Hinsehen und nicht nur zusehen – darum geht es auch heute. Wenn die Synagogen bei uns mit Panzerglas ausgestattet werden, damit sie nicht durch Schüsse gefährdet werden können. Wenn die erfolgreiche Anwältin ihren Davidstern an der Halskette nicht offen trägt, damit sie nicht angefeindet wird. Wenn Antisemitismus sich wieder breit macht und Hassreden salonfähig werden.
Mit den Jüdinnen und Juden eint uns die Kraft der Erinnerung an Gottes Befreiungstaten. Und die Sehnsucht danach, dass alle Menschen in Frieden und ohne Angst leben können. Hier bei uns – und auch im Heiligen Land.
Wenn wir uns heute erinnern, dann lassen wir den Schmerz über das Leid und den Tod, der in den erschöpften und angsterfüllten Gesichtern in den Zügen in die Lager zu sehen war, an uns herankommen.
Wir denken an die vielen Briefe, die nie geschrieben wurden. Weil die, die sie hätten schreiben können, von Gurs nach Auschwitz und in den Tod gejagt wurden. Ihre Stimmen mahnen uns dazu, alles für den Frieden zu tun.
Unser Gedenken bezeugt, dass kein Mensch bei Gott verloren ist. Wir erinnern uns an das, was vor 85 Jahren geschah – und halten die Hoffnung und die Verantwortung dafür wach, dass nie wieder in unserem Land Menschen in Vernichtungslager vor den Toren unserer Dörfer und Städte gebracht werden dürfen. Ja, dass nirgends auf der Welt Menschen zu Nummern gemacht werden dürfen und in Lagern und Ghettos zusammengetrieben.
Amen. (22.10.2025)