Trau dich, Trauernde auszuhalten

Dr. Verena Schlarb
Impuls
„Neulich hast Du mich gefragt, wie’s mir geht, obwohl Du wusstest, dass meine Mutter gestorben ist.“, sagt eine Bekannte zu mir. „Ich hab Dich gefragt, weil sie gestorben ist“, antworte ich. Sie: „Das hat mich berührt. Es gibt Leute, die wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen. Kaum jemand hält aus, wenn ich erzähle, wie’s mir geht.“
Was meine Bekannte mir erzählt hat, das höre ich so oder so ähnlich immer wieder. Wer trauert, der hat mit den merkwürdigsten Reaktionen zu tun. Da tun Leute, die man schon ein Leben lang kennt, so, als sei nichts passiert. Oder jemand erwartet nach drei Wochen, dass alles wieder ist wie immer.
„Wie immer“ wird es aber nicht mehr. Das ist ja das Schlimme. Deshalb sind wir oft unsicher im Umgang mit Trauernden. Ich kenne das auch: Ganz leicht komme ich dabei nämlich mit eigenen schwierigen Gefühlen in Kontakt. Ich fühle mich hilflos und weiß vielleicht nicht, was ich sagen soll. Mir helfen dabei zwei scheinbar gegensätzliche Einsichten aus der Trauerforschung: Die eine: Trauer ist normal. Die andere: Trauer ist verrückt.
Zum einen: Trauer ist eine normale Reaktion auf einen bedeutenden Verlust. Wer trauert, ist nicht krank. Er hat jemanden verloren, der ihm wichtig war. Er muss sich an eine neue Situation anpassen und oft auch eine neue Identität entwickeln. Das tut weh. Aber es ist angemessen, notwendig und in diesem Sinne normal. Also am besten auch „normal“ damit umgehen: Jemanden einmal fest in den Arm zu nehmen, das hilft oft mehr als viele Worte.
Manchmal, da kann man nach einem Todesfall aber auch den Eindruck gewinnen: „Das ist doch verrückt!“ Nicht nur Tränen und Traurigkeit gehören dazu – sondern auch Gefühle, die gesellschaftlich viel weniger gut gelitten sind: Da wird jemand vergesslich oder hyperaktiv oder ärgerlich. Wenn die Welt außen verrücktspielt, verrückt auch innerlich etwas. Nie werde ich die alte Frau vergessen, die nach dem Tod ihres Mannes weder geweint hat noch zum Grab gegangen ist. Alle haben sich gewundert. Erst später wurde deutlich, was mit ihr los war: Sie war stockwütend auf ihren Mann, weil der sie alleingelassen hatte! Ihre Welt war verrückt geworden – nicht sie.
Wenn jemand trauert, dann tun Menschen gut, die diese Achterbahnfahrt der Gefühle mit aushalten. Die anrufen, statt zu sagen „du kannst dich jederzeit melden“. Es tut auch gut, wenn jemand bereit ist, sich wieder und wieder die gleichen Geschichten anzuhören. Und ganz wunderbar ist es, wenn einer vorbeikommt und einen Topf mit Essen bringt – als wäre es die normalste Sache der Welt. (14.11.2025)