Schon bereit fürs Fest?

Nahaufnahme Weihnachtsbaum mit Kugeln

Wibke Klomp

Impuls

Eines meiner Lieblingslieder im Advent ist der Choral „Wie soll ich dich empfangen und wie begeg‘n ich dir?“ Er gehört nicht zu den jubelnden Festliedern und dürfte nur selten auf einem Weihnachtsmarkt in diesen Tagen zu hören sein. Der Text stammt von Paul Gerhardt, der zum Beispiel auch das Sommerlied „Geh‘ aus, mein Herz, und suche Freud‘“ geschrieben hat. Mir gefällt Paul Gerhardts Adventslied, weil es mich dazu einlädt, darüber nachzudenken, wie ich das Weihnachtsfest angehen möchte. Dabei geht es mir nicht um das Drumherum und den Festabend, um die Deko und Geschenke, sondern allein um mich und meine innere Haltung.
 
Meine Großmutter hat das Innere noch mit dem Äußeren verbunden. Vor dem Weihnachtsfest fiel sie in einen regelrechten Putz- und Aufräumwahn. Mit der Begründung: „Wenn Jesus kommt, dann muss das Haus sauber sein!“ Das hat mich als Kind gewundert. Jesus wurde doch in einem Stall geboren, und dort war sicher nicht alles blitzblank. Erst später habe ich verstanden: Das Aufräumen war für meine Großmutter mehr als Möbelrücken, es war ihre eigene persönliche Vorbereitung auf das Fest. Sie hat nicht nur ihre Wohnung, sondern auch ihr Herz und ihre Seele in Ordnung gebracht:  Nicht nur der Staub auf den Schränken, sondern der Ärger, der Frust, die Sorgen – all das, was sich übers Jahr in ihr angesammelt hatte, sollte nicht länger darin bleiben.
 
Und so hat sie sich Zeit genommen, um in ihrem Inneren zurechtzurücken, was zwischen ihr und ihrem Umfeld aus dem Lot geraten war: Zeit für einen Anruf beim ältesten Sohn, von dem sie lange nichts gehört hatte, für einen Brief an die Tochter in Amerika. Eine Botschaft an die Enkelin: Du bist alt genug, Dein Zimmer auch einmal selbst aufzuräumen. Das muss nun wirklich nicht mehr deine Mutter tun.
 
Heute frage ich mich, was ich vielleicht noch vor dem Weihnachtsfest angehen muss, damit ich dann auch gut feiern kann. Wo braucht es noch etwas Ordnung? Wo sollte ich wirklich noch mal aufräumen, damit es ein echtes, nicht nur ein oberflächliches Fest für mich wird? “Wie soll ich dich empfangen und wie begeg‘n ich dir?“  Vielleicht fange ich morgen früh gleich einmal mit der Küche an.
 
  

Wibke Klomp

Dekanin im Kirchenbezirk Wertheim