Jahreswechsel – gut abschließen und neu anfangen

Der Jahreswechsel ist mehr als ein Datum im Kalender. Er bietet Zeit für Rückblick und Ausblick. Im Interview spricht Silke-Luca Obenauer darüber, welche Rituale helfen können, ein Jahr gut zu beschließen: von kleinen Leuchtmomenten bis zur Frage, was wir wirklich brauchen, um neu anzufangen.
Silke-Luca, was verbindest du mit dem Jahreswechsel?
Ich finde den Jahreswechsel eine spannende Zeit. Es ist eine Schwellensituation und ich habe den Eindruck, dass das fast urmenschlich auch ein Anlass ist, aufs Leben zu schauen. Da wird besonders viel von Hoffnung oder Sehnsucht nach gelingendem Leben wach. Ich habe auch das Gefühl, dass das in den letzten Jahren stärker geworden ist. Je zerbrechlicher unser Leben wird, je mehr Krisen wir erleben, um so mehr Bedeutung bekommt der Jahreswechsel und die Frage: Wird es besser oder noch schlechter?
Womit schließt du das Jahr ab? Gibt es bestimmte Rituale zum Jahreswechsel?
Natürlich muss man schauen, was zu einem selbst passt. Für meinen Mann und mich gehört der Gottesdienst dazu. Sonst brauche ich nicht viel. Ich genieße einfach das Zusammensein und die Zeit für Austausch, Gespräche und Reflexion. Mir ist es wichtig, dass ich an Silvester auch Zeit für mich allein habe und der Frage nachgehe: Was sind deine drei Highlights gewesen in diesem Jahr? Und auch: Was ist offengeblieben? Das erzählen wir uns dann gegenseitig. Im Fränkischen wünscht man sich „einen guten Beschluss“. Ich mag das total. Ein guter Abschluss des Jahres. Dazu gehört für mich der Rückblick, was gelungen ist, was gut war und was nicht.
Schreibst du das auf?
Ja, ich bin tatsächlich der Schreibe-Mensch. Ich schreibe gern Tagebuch. Andere sind lieber gestalterisch tätig, nehmen sich eine Paketbahn und malen. Mein Mann macht immer eine Fotocollage und stellt so Dinge zusammen. Manchmal entdecken wir was ganz Neues, was wir im Erleben so noch gar nicht gesehen haben. Ich kenne auch Menschen, die im Bewegen Dinge Revue passieren lassen. Es ist einfach wichtig, dass man für sich eine gute Form findet.
Hast du noch weitere Tipps?
Du kannst dich auch in eine Kirche setzen und eine Kerze anzünden oder zuhause mit einem Tee. Vor allem erst mal wahrnehmen, was war, und nicht gleich als gut oder schlecht bewerten. Manchmal gibt es Jahre, die sind wahnsinnig schwierig, das ist überhaupt keine Frage. Aber ich kann trotzdem schauen: Wo gibt es vielleicht kleine Leuchtmomente und wie gehe ich ins kommende? Für den Blick zurück orientiere ich mich gern an einem Zitat von Dag Hammarskjöld: „Dem vergangenen Dank, dem kommenden Ja.“
Gibt es biblische Texte, die für einen „guten Beschluss“ hilfreich sein können?
In der Bibel gibt es ja viele Personen, die immer wieder an Übergängen stehen: Abraham, der aufbrechen soll; Josua, der das Volk ins neue Land führen soll. Allen spricht Gott seinen Segen, sein Mitsein zu. Damit können Menschen auch heute gedanklich unterwegs sein. Aber mir fallen auch Gesangbuchlieder ein. „Der du die Zeit in Händen hast“ von Jochen Klepper (EG 64). Auch da kann man schauen, was einen anspricht und berührt.
Es gibt viele Menschen, die sich für das neue Jahr etwas vornehmen. Ich gehöre auch dazu. Aber die Vorsätze halten oft nicht lange. Was denkst du, warum ist das so?
Ich vermute, man nimmt an sich oft zu viel vor. Ich würde immer sagen: Ein Vorsatz reicht vollkommen. Nicht mehr. Es kann auch sein, dass ein Vorsatz gut ist, aber nicht die Art und Weise, wie ich ihn angehe. Ich hatte einen geistlichen Begleiter, der sagte: ‚Wenn es nicht klappt, dann frag dich: Was hindert mich daran, etwas zu tun?‘ Manchmal ist es einfach die falsche Tageszeit, zum Beispiel für eine Zeit der Stille.
Und wie kann ich den einen Vorsatz dann auch wirklich durchhalten?
Wenn ich etwas ändern will, ist es gut zu überlegen: Welchen Benefit habe ich von dieser Veränderung? Wenn ich die positive Wirkung vor Augen habe, fällt es mir leichter, mich dafür anzustrengen oder etwas aufzugeben. Wenn ich versuche etwas zu verändern, mache ich das gerne in Gemeinschaft, mit anderen zusammen. Als ich zum Beispiel angefangen habe zu meditieren, habe ich das mit einer Freundin gemacht. Wir waren nicht am selben Ort, aber wir haben immer abgemacht, wann wir meditieren und haben uns dann einmal die Woche, damals noch SMS, geschrieben. Einfach nur: Hat es denn geklappt oder nicht? Zwischendurch haben wir telefoniert, um zu schauen, wie es uns damit geht.
Was nimmst du dir für 2026 vor?
Ich habe schon vor einiger Zeit aufgehört, mir zum Jahreswechsel etwas vorzunehmen, denn es hat einfach nicht geklappt. Ich habe aber gemerkt, dass es mir hilft, zum Beispiel in der Passions- und Fastenzeit einfach mal auf was Bestimmtes zu verzichten und dann am Ende, also nach Ostern zu gucken: was von dem will ich in irgendeiner Form weitermachen oder nicht? Oder wenn ich lebensgeschichtlich deutlich das Gefühl hatte, dass ich etwas ändern sollte, habe ich mir gesagt: OK, und jetzt mach es halt auch. Ich habe also nicht die Veränderungen abgeschafft oder den Wunsch, etwas ändern zu wollen, sondern die Verknüpfung mit dem Jahreswechsel. Das ist auch eine Typ-Sache.
Welchen Gedanken möchtest du uns noch mit auf den Weg ins neue Jahr geben?
Einfach gut zu schauen, was passt in diesem konkreten Jahr zu mir? Weniger „man muss“, mehr: was hilft mir eigentlich, das Jahr gut zu beschließen? Was braucht an so einem Beschluss noch mal besondere Aufmerksamkeit? (30.12.2025)