Würde, Machtbegrenzung, Dialog – Ein Plädoyer

Oberkirchenrat Matthias Kreplin erläutert im Interview, auf welcher theologischen Grundlage sich die Evangelische Kirche für Menschenrechte einsetzt, warum das christliche Menschenbild eine starke Nähe zur Demokratie hat und welchen Auftrag der Kirche er in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung sieht.
Herr Kreplin, auf welcher theologischen Grundlage macht sich die Evangelische Kirche für Menschenrechte stark?
Die Bibel bezeugt, dass jeder Mensch von Gott gewollt und mit unveräußerlicher Würde als Gottes Ebenbild geschaffen ist (1. Mose 1,27). Diese Zusage gilt allen Menschen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, wirtschaftlichen Möglichkeiten, Religion oder sexueller Orientierung. Deshalb setzen wir uns als Evangelische Kirche für eine staatliche Ordnung ein, die die Würde aller Menschen schützt und die für alle Menschen die Einhaltung der Menschenrechte sichert. Dies erfordert rechtsstaatliche Strukturen, in denen Verstöße gegen die Menschenrechte vor unabhängigen Gerichten eingeklagt werden können, und in der Minderheiten geschützt werden.
Wie hängen Ihrer Ansicht nach christliches Menschenbild und Demokratie zusammen?
Jeder Mensch ist zum Guten fähig und kann sich in Böses verstricken. Dem trägt die Staatsform der Demokratie Rechnung.
Schon am Anfang erzählt die Bibel: Der Mensch ist von Gott geschaffen und zum Guten berufen (1. Mose 1,31). Er ist fähig zu Verantwortung, Gemeinschaft und Liebe, ist begabt zu guten Werken (Epheser 2,10). Und gleich darauf schildert die Bibel, wie Menschen irren, Grenzen überschreiten und selbstbezogen sind, wie Neid und Kränkung Gewalt bis zum Brudermord hervorruft (1. Mose 3 und 4). Die Fähigkeit zum Guten und die Verstrickung in Unheil und Bosheit prägen beide das menschliche Wesen. Diese Einsicht bewahrt uns vor jeder Idealisierung menschlicher Macht oder Vernunft. Sie ist zugleich ein wichtiges Argument für die Notwendigkeit von Machtbegrenzung, Kontrolle und Teilhabe – zentrale Elemente der demokratischen Ordnung. Keine einzelne Person, keine Führergestalt, keine Partei, keine Institution darf unbegrenzte Macht beanspruchen. Macht bedarf der Begrenzung und Korrektur, Entscheidungen müssen überprüft werden. Die Demokratie, in der Gewaltenteilung in der Verfassung verankert ist, in der Meinungsfreiheit die Kritik an den Herrschenden ermöglicht und in der Macht nur auf Zeit verliehen wird, hat somit eine große Nähe zum christlichen Menschenbild, das einerseits von der Würde und Begabung des Menschen zum Guten weiß, zugleich aber auch seine Fehlbarkeit kennt.
Die Kirche versteht sich als Gemeinschaft in versöhnter Vielfalt. Was verstehen Sie darunter und kann das auch ein Leitbild für die Gesellschaft sein?
Die Kirche ist dazu berufen, eine vielfältige Gemeinschaft zu sein - auch wenn sie dieser Berufung nicht immer in angemessener Weise nachkommt. In der Kirche gehören Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache, Kultur und Lebensform zusammen, weil sie mit und in Christus versöhnt sind. Diese Versöhnung hebt Unterschiede nicht auf, sondern verbindet sie in gegenseitiger Achtung und Liebe. So ist es Aufgabe der Kirche, die Einheit in Christus darzustellen, die nicht Gleichförmigkeit bedeutet, sondern versöhnte Vielfalt (Galater 3,26–28). Darum ist die Kirche immer wieder herausgefordert, Vielfalt nicht als Bedrohung zu verstehen, sondern als Gabe Gottes zu gestalten und so selbst zu einem Zeichen für eine Gesellschaft zu werden, die Unterschiedlichkeit achtet und Gemeinschaft in Vielfalt lebt.
Worin sehen Sie den Auftrag der Kirche in unserer gegenwärtigen Situation?
Als Salz der Erde und Licht der Welt (Matthäus 5,13-16) steht die Kirche ein für Gottes Auftrag, die Welt in Gerechtigkeit und Frieden zu gestalten und für einen nachhaltigen Lebensstil einzutreten. Für unseren Auftrag als Kirche bedeutet das insbesondere:
- Wir stehen an der Seite derer, die ausgegrenzt, bedroht oder diskriminiert werden.
- Wir widerstehen Rassismus, Antisemitismus und völkischen Nationalismus und engagieren uns für die Anerkennung von sexueller Vielfalt.
- Wir pflegen das Gedenken an den Holocaust.
- Wir treten der Verbreitung von falschen Informationen, mit denen Menschen gegen andere aufgehetzt werden, entgegen.
- Wir sensibilisieren uns selbst und andere dafür, wo durch Sprache und Verhalten Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden.
- Wir setzen uns dafür ein, dass ein achtsames Miteinander in der Gesellschaft erreicht wird, bei dem allen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist.
- Wir denken mit darüber nach, wie Demokratie in einer digitalisierten Welt weiterentwickelt kann.
- Wir achten den Einsatz politischer Mandatsträger für das Gemeinwesen, gerade auch dann, wenn sie Anfeindung dafür erfahren.
Aufgabe der Kirche ist es nicht, zu allen politischen Fragen eigene Positionierungen in die Debatte einzubringen. Vielmehr besteht in der gegenwärtigen Situation der Auftrag der Kirche besonders darin, den Dialog unter Menschen verschiedener Meinung zu fördern und für einen solchen Dialog „Dritte Orte“ zu schaffen. In diesen Formaten des Gesprächs versuchen wir eine Nachdenklichkeit einzubringen, die einfache und vorschnelle Antworten in Frage stellt und nach gemeinsamen Grundlagen für eine Verständigung sucht. So versuchen wir den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken. Denn: „Der Geist Gottes ist nicht ein Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7) (21.01.2026)
Dr. Matthias Kreplin
Oberkirchenrat / Leiter des Referats 1 "Verkündigung in Gemeinde und Gesellschaft"