Im Notfall Menschenwürde – ein persönlicher Einblick
In ihrem beruflichen Alltag geht es oft um Tod und Leben. Renée Keller arbeitet als Fachkrankenschwester in der Notaufnahme. Was ihr dabei Menschenwürde bedeutet und wo sie an Grenzen kommt, erzählt sie im Interview.
Renée, wenn Menschen in die Notaufnahme kommen, ist das eine Ausnahmesituation für sie. Inwiefern spielt da Menschenwürde für dich eine Rolle? Generell geht es für mich darum, dem Menschen in dieser Situation entgegenzukommen: die Akutsituation erkennen, erklären, was los ist und wie wir helfen können. Menschenwürde heißt für mich, den Menschen zu akzeptieren und zu respektieren, egal wo er herkommt und was er hat.
Was brauchen Menschen in so verletzlichen Situationen besonders? Dass man sich Zeit für sie nimmt. Dass man diese Stresssituation ein bisschen ausgleicht und sie nicht das Gefühl haben, nur Patient oder Krankheit XY zu sein. Dass man ihnen erklärt, was passiert und sie nicht mit Fachbegriffen, die sie nicht verstehen, zugetextet werden. Manchmal hilft schon was zu trinken, eine warme Decke oder ein Kissen. Dass man die Angehörigen dazuholt und soweit es möglich ist, ihre Privatsphäre wahrt.
Renée Keller
Quelle: Monika Hautzinger/ekiba
Erinnerst du dich an eine Situation, in der das eine besondere Rolle spielte? Wir hatten eine Patientin, die war sehr lange da, weil sie überwachungspflichtig war, aber es gab keine Kapazität auf der Intensivstation. Meine Kollegin hat sich dann zu ihr ins Zimmer gesetzt und hat ihr was vorgelesen und mit ihr erzählt. Oder eine andere Patientin war völlig delirant. Sie war total überfordert mit der Situation und hat sich gewehrt, war aggressiv. Es kam dann raus, dass sie alte Schlager mag. Und wir haben ein Buch, das heißt „Singliesel“. Wenn man das aufschlägt, erklingt das jeweilige Lied. Wir haben mit ihr „Das Wandern ist des Müllers Lust“ gesungen und plötzlich war sie lammfromm. Sie hat dann alles mitgemacht, was nötig war. Es sind die kleinen Dinge, die einem einfallen und die so viel ausmachen.
Gibt es auch Situationen, in denen es schwerfällt, die Würde des Menschen zu wahren? Ja! Zum Beispiel wenn jemand total respektlos ist, beleidigend oder aggressiv. Oder wenn ich an den Autofahrer denke, der letztes Jahr in der Mannheimer Innenstadt in die Menschenmenge gefahren ist. So Leute kommen ja im Zweifelsfall auch zu uns und die muss man dann auch behandeln. Da darfst du nicht urteilen, da machst du einfach nur deinen Job und musst es irgendwie ausblenden können. In meiner Anfangszeit hatten wir einen Patienten, der war von seinem Schwiegersohn verprügelt worden, weil er sich an der Enkelin vergangen hat. Da dachte ich schon: Warum muss ich das jetzt machen? Aber es ist halt einfach mein Job.
Was tust du, wenn Patientinnen oder Patienten sich dir gegenüber respektlos verhalten? Oft hilft erklären. Zum Beispiel warum ein anderer Patient zuerst behandelt wird. Meistens ist es ja auch diese aufreibende Situation in der Notaufnahme oder der Krankheitszustand, die dazu führen, dass sich Menschen vergessen. Sie sind gestresst und überfordert. Die sind dann so in ihrem Tunnel drin, dass sie sich übergangen fühlen und beschweren. Davon darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, auch wenn die Menschen oft nur sich selbst sehen und nicht die anderen.
Findest du, dass die Menschenwürde in unserer Gesellschaft ausreichend genug geschützt wird? Ich glaube, dass die Leute oft vergessen, dass das, was sie für sich wünschen, dass das auch für andere gelten sollte. „Menschenwürde“ klingt so nach § 1 Grundgesetz. Ich würde das einfach auf „Respekt“ runterbrechen, dass man anderen so begegnet, wie man es auch für sich selber möchte, freundlich und nicht egoistisch.
Was gibt dir Kraft für deinen Beruf? Auf jeden Fall die Arbeit im Team, dass ich mit Leuten zusammenarbeite, die das auch gerne machen. Und natürlich gibt es auch viele Patientinnen und Patienten, die dankbar sind und sagen: ‚Danke für Ihre Arbeit‘ oder ‚Danke, dass Sie da sind‘. Ich sag dann immer: ‚Das ist ja mein Job‘, aber innerlich freut es mich trotzdem. (28.01.2026)