Unterschiedliche Meinungen über Politik und Gesellschaft gibt es auch in Familien, Freundeskreisen und Kirchengemeinden. Doch was, wenn darüber Streit entsteht, die Situation eskaliert? Wie können wir trotzdem im Gespräch bleiben?
Judith Winkelmann vom Zentrum für Seelsorge in Heidelberg zeigt im Interview, warum Vertrauen wichtiger ist als Rechtbehalten und wie Beziehungen trotz unterschiedlicher Positionen Bestand haben können. Für sie spielt auch die Kirche eine wichtige Rolle.
Zusammenhalt braucht Vertrauen - Gespräch mit Judith Winkelmann

Judith, Gespräche über Politik können schnell zu Spannungen führen. Manchmal ist man mit Meinungen konfrontiert, die man kaum aushält. Wie kann ich damit umgehen und trotzdem in Verbindung bleiben?
Für mich ist zunächst entscheidend: In welcher Rolle bin ich gerade? Bin ich Teil einer Gruppe, im familiären Kontext oder im Gespräch unter vier Augen? In Gruppen sind Meinungsäußerungen – kommunikationstheoretisch betrachtet - immer Positionierungsakte. Wenn eine Person sich mit einer rechtsextremen Meinung darstellt, kann es häufig passieren, dass für sie die anderen zu „Missionsobjekte“ ihrer Meinung werden. Da muss ich mich fragen: Will ich diese Bühne betreten oder nicht?
Im persönlichen Gespräch kann ich anders reagieren: Dann geht es weniger um richtig oder falsch, sondern darum zu verstehen, welche Gefühle oder Bedürfnisse hinter einer Position stehen. Das ist oft der Punkt, an dem Verbindung entstehen kann.
Im persönlichen Gespräch kann ich anders reagieren: Dann geht es weniger um richtig oder falsch, sondern darum zu verstehen, welche Gefühle oder Bedürfnisse hinter einer Position stehen. Das ist oft der Punkt, an dem Verbindung entstehen kann.
Was mache ich, wenn hinter einer Aussage offensichtlich Unwahrheiten stehen?
Auch dann hilft mir die Frage nach der Haltung. Selbst wenn etwas faktisch falsch ist, gehe ich im seelsorglichen Kontext davon aus, dass diese Position für den anderen gerade eine Lösung darstellt. Mit Sachargumenten komme ich dann meist nicht weiter. Verbindung entsteht eher über die emotionale Ebene und über Bedürfnisse. Ich kann natürlich sagen: ‚ich sehe das anders‘. Aber mein Fokus bleibt auf meinem Gegenüber.
Anders ist dies bei Gesprächen im öffentlichen Bereich. Hier geht es darum, bei den nachweisbaren Fakten zu bleiben und diese von subjektiven Einschätzungen, also Meinungen zu unterscheiden.
Auseinandersetzungen innerhalb der Familie sind ja besonders schwierig. Gibt es Kriterien dafür, was ich aushalten sollte und was nicht?
In der Familie ist es am schwierigsten, weil dort Rollen zugeschrieben sind, die oft lebenslang bestehen. Da gibt es den „Kasper“, die „brave Tochter“ und viele anderen Rollen. Die einen sind mit ihrer Meinung anerkannt, die anderen spielen einfach keine Rolle. Das zu verändern ist unheimlich schwer. Aber ich halte es für wichtig, eine eigene Werteskala zu entwickeln. Für mich persönlich sind Gewalt und das bewusste Schüren von Angst klare Grenzen. Das möchte ich nicht normalisieren. Wenn ich sage: ‚Das entspricht nicht meinen Werten‘, zeige ich etwas von mir. Das hat meiner Erfahrung nach eine Wirkung und ist etwas anderes, als auf der Ebene von Ängsten oder Befindlichkeiten zu bleiben.
Und wenn mich solche Gespräche dauerhaft belasten?
Dann braucht es eine bewusste Entscheidung: Wie will ich mich verhalten? Manchmal halte ich Kontakt, weil mir die Beziehung wichtig ist – trotz der großen Unterschiede. Manchmal muss ich aber auch ehrlich sagen: Ich finde keinen gemeinsamen Nenner mehr, keine gemeinsame Gesprächsbasis. Dann darf ich auch aussteigen. Entscheidend ist, Person und Meinung zu unterscheiden. Ich kann der Person zugewandt bleiben, ohne ihre Position zu teilen. Aber ich darf mich auch schützen.
Im Freundeskreis ist das einfacher als in der Familie.
Familie ist besonders, weil dort Bindung und Beziehung zusammenkommen. Die Bindung besteht einfach. Das sind deine Eltern, deine Geschwister. Daran kannst du nichts ändern. Die Beziehung hingegen kann leiden. Die Herausforderung ist, eine versöhnliche Haltung zur bestehenden Bindung zu finden, auch wenn die Beziehung schwierig ist. Manchmal heißt das auch, sich auf bestimmte Gesprächsthemen zu einigen – und andere bewusst auszuklammern, um die Beziehung zu erhalten.
Viele fühlen sich schuldig, wenn sie Grenzen ziehen. Ist das berechtigt?
Nein. Es ist völlig in Ordnung, Grenzen zu setzen. Mir hilft hier die „Haltung des Nichtwissens“: Ich weiß letztlich nicht, warum jemand diese oder jene Position einnimmt. Alles, was ich dazu denke, sind Hypothesen, Spekulationen. Es können so viele biografische, situative, charakterliche und sonstige Faktoren eine Rolle spielen. Aber solche Gespräche zu führen, ist anstrengend und deshalb muss ich mich begrenzen - zeitlich, emotional, thematisch. Das gehört zu einer gesunden Selbstfürsorge dazu.
Wie können wir über die persönliche Ebene hinaus den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken?
Darauf habe ich keine fertige Antwort. Aber ich glaube, wenn wir aufrichtige Akte der Vertrauensbildung zwischen Menschen anregen, wenn Menschen erleben, dass sie sich zeigen können, ohne abgewertet und verletzt zu werden, gewinnen wir ganz viel. Vertrauen ist die Grundlage, dass Konflikte ausgehalten werden können.
Welche Rolle kann Kirche dabei spielen?
Kirche kann ein Raum sein, in dem sehr unterschiedliche Menschen unter einem Dach zusammenkommen. Das Dach des christlichen Glaubens ist für mich – auch wenn es brüchig geworden ist – immer noch ein Dach, das Unterschiedlichkeit aushalten und Zusammenhalt ermöglichen kann. Und ein Dach, unter dem wir weiterhin eine Kultur des Diskutierens und Aushandelns fördern können. Allerdings müssen wir nicht jeder Position eine Bühne bieten. Wir stehen zu unseren christlichen Werten - und dazu gehören Menschenfreundlichkeit und Zugewandtheit. (25.02.2026)