Mit dem Zweiten hört man besser - Impuls

Ohr einer Frau, mit Ohrringen

Martina Steinbrecher

Wir hören alle mit zwei Ohren, sagt Bernhard Pörksen, Jahrgang 1969, Professor für Medienwissenschaften an der Uni Tübingen. Was daran aufregend ist? Nun, Pörksen meint, dass Ohr eins und Ohr zwei ganz unterschiedliche Dinge hören. Da gibt es das Ich-Ohr. Es hört darauf, ob ich mit dem, was andere sagen, übereinstimme und filtert alles, was reinkommt, nach meinen eigenen Vorlieben, Perspektiven und Ideen. Es lechzt nach Zustimmung. Das Du-Ohr ist ganz anders aufgestellt. Es hört darauf, ob in dem, was andere sagen, etwas Wahres und Plausibles steckt, auch wenn es sich nicht mit meinen eigenen Vorstellungen deckt. Für mich ist es keine Frage, welches von beiden Ohren häufiger auf Durchzug gestellt ist.
 
Bernhard Pörksen will dem Zuhören wieder auf die Spur kommen. In seinem gleichnamigen Buch nennt er das Zuhören die stille Supermacht der Kommunikation. Und leider, so seine Analyse, kommt uns die gerade immer mehr abhanden. Denn die sozialen Medien haben die Kommunikation radikal und grundlegend verändert. Jedermann und jedefrau ist ständig am Posten, Publizieren, Senden. Selten ist auch mal Sendepause. Und genauso schnell muss reagiert, geantwortet, kommentiert werden. „Sofortismus“ nennt Pörksen dieses Phänomen. Zack, zack; als wäre Verständigung ein Tennisspiel. Dabei geht uns das Zögerliche verloren, das Nachdenken, das Abwägen. Das wichtige zweite Ohr, das Du-Ohr verkümmert, das anderen Meinungen, Haltungen, Erfahrungen eine Chance geben könnte.
 
Der biblische König Salomo, der in der Tradition als besonders weise gilt, hat schon vor 3000 Jahren in einer vorurteilsfreien Wahrnehmung die entscheidende Kompetenz für ein erfolgreiches Regieren erkannt. Als Gott ihm zu seinem Dienstantritt die Erfüllung jedweden Wunsches in Aussicht stellt, bittet er nicht um Reichtum, nicht um Siege oder Superkräfte, sondern um ein hörendes Herz. Großartig! Denn darin sind sich der antike Herrscher und der moderne Kommunikationswissenschaftler einig: Wer wirklich zuhört, lebt Demokratie im Kleinen und Konkreten, anerkennt Andersartigkeit, setzt sich mit Verschiedenheit auseinander, ja, schafft die Grundlage für die gemeinsame Erkundung einer Welt, die überhaupt erst im Miteinanderreden und Einanderzuhören entsteht.
 
Auch eine gute Übung für die anstehende Fastenzeit: Das Zweitohr trainieren, das Handy zur Seite legen und Gott jeden Morgen um ein hörendes Herz bitten. (26.02.2026)