Widerworte - Impuls

Hände von Person, die ein Smartphone hält

Thomas Weiß

Mein Favorit ist: „Halt die Fresse, Prediger“, aber „Tat die Impfung zu sehr weh oder wieso schreibst du so behindert?“ ist auch nicht von schlechten Eltern. Und wie achtsam die anonyme Dame (glaube ich) mit Menschen mit Behinderung umgeht, erschließt sich dabei auch recht unverhohlen. Eine berufliche Perspektive eröffnet: „Wenn Sie an einer Uni mehr als den Müll heraustragen müssen, würde ich mich sehr wundern.“ Und fürsorglich klingt doch: „Opa, nimm bloß deine Pillen, du redest wirres Zeug.“ Dass „Gendern ein germanistischer Schluckauf ist“ diagnostiziert ein anderer Zeitgenosse – und für manche oder manchen bin ich ganz verloren: „Armer hirn- und ahnungsloser Volldepp“! (Nur nebenbei: Ich habe die Kommentare der gültigen Rechtschreibung angeglichen …)
 
Die haben aber einen Punkt, denn ich war wirklich so blöd, zu glauben, Facebook würde sich für einen gesellschaftlichen Diskurs, eine politische Stellungnahme eignen. Bescheuert! Das wusste ich schon mal besser. Insofern geschiehts mir ja gerade recht. Und dann habe ich – ich muss es eingestehen – auch noch gegendert („Demokrat*innen“). Da darf ich mich nicht beschweren.
 
Was passiert ist: Ich habe einer guten Bekannten, Aktivistin in einem „Bündnis für Demokratie“, deren Sorge um unsere Demokratie, um Menschenwürde und deren Infragestellung von rechts ich teile, in einem Post meine Solidarität erklärt. Offensichtlich war das eine kaum zu entschuldigende Provokation: 509 Menschen haben mit Emojis reagiert; darunter gerade mal 62, die mir zugestimmt haben (aber immerhin), die Mehrzahl hat mich mit wenig erfreulichen Gesichtchen bedacht.
Und 217 Kolleg*innen (sorry, ich kanns nicht lassen) fühlten sich zu Kommentaren bemüßigt. Für mich ein echter Rekord – so viel Rückmeldung war nie und noch nie bin ich in so kurzer Zeit (etwa einem Tag) so häufig beleidigt worden! In den letzten Jahrzehnten eigentlich nie, da war wohl Nachholbedarf.
 
Nun wissen die eifrigen Kommentatoren und Kommentatorinnen wohl nicht, dass es gar nicht so leicht ist, mich zu beleidigen oder zu ärgern. Zum einen: Was ich da zu lesen bekam, prallt so ziemlich an mir ab, weil die Leute mich tatsächlich überhaupt nicht kennen, von meiner Geschichte, meinen Überzeugungen, meinen Leidenschaften keine Ahnung haben. Die wütenden Freund*innen sagen sehr viel mehr über sich selbst und ihre Diskursfähigkeit als über den, der sie so aufgeregt hat. Sie werden es mutmaßlich nicht einsehen.
 
Zum anderen: Was mir bei diesem Shitstorm (war es wohl, oder?) wirklich hilft und mich die unflätigen Beiträge mit Ruhe lesen lässt, ist die Tatsache, dass es neben diesen Beleidigungen und Schimpfereien noch andere Worte zu hören und zu lesen gibt. Eine Kommentatorin irrt ganz ausgesprochen darin, dass die, die meine Solidaritätsadresse nicht teilen, in der Mehrheit seien. In ihrer Bubble vielleicht, gewiss nicht im Großen und Ganzen unserer Gesellschaft und der Kirche. Das ist doch gut so. Und sollte so bleiben.
 
Darum gilt es, nicht beleidigt, aber sensibel zu sein. Wahrzunehmen, wie die Sprache im öffentlichen Diskurs verroht – auch im kirchlichen Kontext habe ich das schon erlebt.
Darum gilt es, Widerworte zu setzen, nicht zu schweigen, sondern Worte wie „Solidarität“, „Würde“, „Mit-Leiden“, „Respekt“ ins Feld zu führen und sie den Schreiern und Hetzerinnen entgegenzuhalten.
Als Theologe höre ich auch: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Das ist eine Bitte aus der katholischen Eucharistiefeier – und der Angesprochene, Christus, hat Worte für uns, die wert sind, erinnert und ausgesprochen zu werden: „Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr mir getan“, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“; „Trachtet zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit“. Ich bin mir nicht sicher, ob wir damit die Hetze und den Hass zum Schweigen bringen – aber Widerworte sind gesetzt und können nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Wider-Worte, die den Wortlosen, Sprachlos-Gewordenen eine Hilfe sind. Die zusprechen, dass niemand in seinem Verletzt-Sein von den unsäglichen Reden, ihrem Verstummen im Lärm der Vorurteile und Hetzereien allein ist.
 
„Tu deinen Mund auf!“ heißt es im Buch der Sprüche …
Gut, auf Facebook mache ich das vielleicht nicht mehr, ich muss meine eigene Geduld ja nicht über Gebühr auf die Probe stellen und den nächsten Shitstorm riskieren. Aber sonst: Gibt es Gelegenheiten genug! (06.03.2026)