Ist halt da! - Zur "Angst" in der Passionsgeschichte

Gläubig und ängstlich – passt das zusammen? Angst gehört zum Leben, meint Thomas Weiß. In der Passionsgeschichte Jesu ist sogar sehr viel von Angst und Furcht die Rede ist. Warum er gerade dafür dankbar ist, beschreibt er in diesem Beitrag.
Die klugen, die lebenserfahrenen Leute, die sagen gern, dass Angst ein schlechter Ratgeber sei. Das mag wohl stimmen – da wir keine Steinzeitreckinnen und -recken mehr sind, die gut daran tun, vor dem Säbelzahntiger Reißaus zu nehmen oder das Mammut besser ziehen zu lassen. Mussten die damals die Beine in die Hand nehmen, sollten wir wohl dasselbe mit den Herzen tun – also mutig sein und zuversichtlich durch die Tage gehen.
Geschenkt! Sie ist halt da, die Angst. Sie lauert an der schlecht beleuchteten Straßenecke; sie bedrängt mich, wenn ich mich um den Geliebten, die Freundin sorge; sie setzt sich mir auf die Brust, wenn ich schmerzhaft krank geworden bin; und sie flüstert mir ins Ohr, dass ich doch besser alle Hoffnung fahren lasse, wenn ich mich nach einer friedlichen, einer gerechten, einer gewaltlosen Welt sehne. Sie ist da, die Angst, sie ist unabweisbar.
Vielleicht ist Angst zu haben, nicht so recht fromm – wo es in der Bibel doch immer wieder heißt, ich solle mich nicht fürchten; vielleicht glaub ich nicht stark genug und steht mein Gottvertrauen auf tönernen Füßen. Geschenkt! Sie ist trotzdem da. Manchmal wispert sie nur vor sich hin, kaum hör- aber durchaus spürbar, manchmal stößt sie mich rüde an und ab und zu fährt sie mir in die Glieder, dass ich zittern muss. Die Angst ist eine ständige Begleiterin, eine Freundin ist sie nicht.
Da höre ich, in der Passionsgeschichte, dass Jesus, der in ein paar Tagen als Sieger über den Tod gefeiert werden wird, und der, eben auferstanden, sein „Fürchtet euch nicht!“ auf den Lippen haben wird – dass Jesus im Garten Gethsemane, im Zwiegespräch mit seinem Vater, zitterte und verzweifelte, dass er „in Todesangst geriet“, wie es im Lukasevangelium heißt. Und ich vermute: Wenn Christus Angst kennt, dann kann sie so unchristlich nicht sein. Oder?
Genau besehen ist in der Passionsgeschichte von Angst und Furcht viel, sehr viel die Rede: Zuerst „fürchten sich die Hohenpriester und Schriftgelehrten vor dem Volk“ – sie haben wohl Sorge um ihre Macht und ihre Privilegien. Dann verwirrt Jesus seine Freundinnen und Freunde mit der Ankündigung, dass einer ihn verraten werde („Bin ich’s“? fragen sie ratlos und alarmiert). Im Ölbaumgarten betet er und ängstigt er sich – anders als die Jünger und Jüngerinnen, die ganz beruhigt eine Mütze Schlaf nehmen und ihn einfach allein lassen, vielleicht guten, jedenfalls müden Gewissens. Dann kommt die Tempelwache und nimmt Jesus gefangen, die Seinen werden da doch schon etwas in Panik geraten sein, nachdem sie sich den Schlaf aus den Augen gerieben haben; panisch ist dann spätestens Petrus, der sonst gerne das große Wort führt, als er seinen Freund und Meister mal eben verleugnet, um nicht erkannt zu werden. Pilatus schließlich fürchtet, für den Tod eines Gerechten verantwortlich gemacht zu werden, wäscht seine Hände in Unschuld und tut weise: „Was ist Wahrheit?“. Jesus wird verspottet, gefoltert, über die Via Dolorosa geschleift und ans Kreuz geschlagen.
Die Todesangst im Garten feiert ihren Triumph – und Jesu Mutter und die Übriggebliebenen haben Angst um ihn, oder besser: Alle ihre Befürchtungen bewahrheiteten sich. Was soll jetzt aus ihnen werden? Noch am Ostermorgen ist der Schrecken groß: „… und sie entsetzten sich.“ Wären ja nicht die ersten, die Gespenster sehen!
Sie ist halt da, die Angst – auch in der Passionsgeschichte. Und dafür bin ich zutiefst dankbar.
Da wird nicht die Geschichte des Glaubenshelden, des siegreichen Herrn und Heilands erzählt, der durch die Unbilden und Bedrängnisse schreitet, als wären sie nichts. Ganz im Gegenteil: Die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu erzählt, dass Gott unsere Ängste kennt, dass er am eigenen Leib erfahren hat, was Todesangst, was Ratlosigkeit, Furcht und Schrecken sind. Die Bibel weiß: von unserer Sorge um unsere Nächsten; von der Mutlosigkeit, die keine Zukunft mehr sieht; vom herzzerreißenden Schrecken, der uns überfällt, wenn wir dem Tode nichts entgegenzusetzen haben; von der Enge, die die Brust abschnürt und keine Luft zum Atmen lässt.
In der Passionsgeschichte, in den Gleichnissen Jesu und den Heilungsgeschichten, die vom ihm erzählt werden, in den Psalmen ist sie halt da, wird sie gesehen, hat sie ihren Platz, die Angst – weil sie zu unserem Leben gehört, weil keiner gut daran tut, so zu tun, als gäbe es sie nicht. Noch in der Mitte unseres Glaubens, beim Kreuzestod Jesu, ist sie gegenwärtig, wenn Jesus – im sogenannten „Leidenspsalm Jesu“ – fleht: „Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe!“ (Psalm 22, 12).
Sie ist da – aber er, er ist auch da. Er, der sie durchlebt hat, die menschliche Angst, er, der menschliche Gott, dem unsere Furcht und unser Zittern, unser Erschrecken und Zähneklappern, unser Schock und unsere Panik nicht fremd sind.
Wenn von Jesus in seiner „Geschichte vom Leiden und Sterben“ geradeso ängstlich, furchtsam und entsetzt erzählt wird, dann heißt das doch nichts anderes, als dass Gott in unseren „Geschichten von unseren Leiden und unserem Sterben“ gegenwärtig ist, dass er uns nicht allein lässt darin.
Dann klingt das „Fürchtet euch nicht!“, das am Ostermorgen laut wird, ganz anders: nicht nach strenger Forderung, nicht nach einem schwachen Trost und nach einer nur scheinbar hilfreichen Floskel; dann ist der ermutigende Zuspruch zur Furchtlosigkeit den Tiefen des Menschlichen abgerungen, dann schwingen darin das Leid und der Schmerz und der Tod, die am Ende besiegt sind. Es ist mit allem Ernst gesagt, nicht leichthin, nicht nebenbei: „Habt keine Angst, fürchtet euch nicht!“.
Er ist halt da! Das ist uns geschenkt! (18.03.2026)
Geschenkt! Sie ist halt da, die Angst. Sie lauert an der schlecht beleuchteten Straßenecke; sie bedrängt mich, wenn ich mich um den Geliebten, die Freundin sorge; sie setzt sich mir auf die Brust, wenn ich schmerzhaft krank geworden bin; und sie flüstert mir ins Ohr, dass ich doch besser alle Hoffnung fahren lasse, wenn ich mich nach einer friedlichen, einer gerechten, einer gewaltlosen Welt sehne. Sie ist da, die Angst, sie ist unabweisbar.
Vielleicht ist Angst zu haben, nicht so recht fromm – wo es in der Bibel doch immer wieder heißt, ich solle mich nicht fürchten; vielleicht glaub ich nicht stark genug und steht mein Gottvertrauen auf tönernen Füßen. Geschenkt! Sie ist trotzdem da. Manchmal wispert sie nur vor sich hin, kaum hör- aber durchaus spürbar, manchmal stößt sie mich rüde an und ab und zu fährt sie mir in die Glieder, dass ich zittern muss. Die Angst ist eine ständige Begleiterin, eine Freundin ist sie nicht.
Da höre ich, in der Passionsgeschichte, dass Jesus, der in ein paar Tagen als Sieger über den Tod gefeiert werden wird, und der, eben auferstanden, sein „Fürchtet euch nicht!“ auf den Lippen haben wird – dass Jesus im Garten Gethsemane, im Zwiegespräch mit seinem Vater, zitterte und verzweifelte, dass er „in Todesangst geriet“, wie es im Lukasevangelium heißt. Und ich vermute: Wenn Christus Angst kennt, dann kann sie so unchristlich nicht sein. Oder?
Genau besehen ist in der Passionsgeschichte von Angst und Furcht viel, sehr viel die Rede: Zuerst „fürchten sich die Hohenpriester und Schriftgelehrten vor dem Volk“ – sie haben wohl Sorge um ihre Macht und ihre Privilegien. Dann verwirrt Jesus seine Freundinnen und Freunde mit der Ankündigung, dass einer ihn verraten werde („Bin ich’s“? fragen sie ratlos und alarmiert). Im Ölbaumgarten betet er und ängstigt er sich – anders als die Jünger und Jüngerinnen, die ganz beruhigt eine Mütze Schlaf nehmen und ihn einfach allein lassen, vielleicht guten, jedenfalls müden Gewissens. Dann kommt die Tempelwache und nimmt Jesus gefangen, die Seinen werden da doch schon etwas in Panik geraten sein, nachdem sie sich den Schlaf aus den Augen gerieben haben; panisch ist dann spätestens Petrus, der sonst gerne das große Wort führt, als er seinen Freund und Meister mal eben verleugnet, um nicht erkannt zu werden. Pilatus schließlich fürchtet, für den Tod eines Gerechten verantwortlich gemacht zu werden, wäscht seine Hände in Unschuld und tut weise: „Was ist Wahrheit?“. Jesus wird verspottet, gefoltert, über die Via Dolorosa geschleift und ans Kreuz geschlagen.
Die Todesangst im Garten feiert ihren Triumph – und Jesu Mutter und die Übriggebliebenen haben Angst um ihn, oder besser: Alle ihre Befürchtungen bewahrheiteten sich. Was soll jetzt aus ihnen werden? Noch am Ostermorgen ist der Schrecken groß: „… und sie entsetzten sich.“ Wären ja nicht die ersten, die Gespenster sehen!
Sie ist halt da, die Angst – auch in der Passionsgeschichte. Und dafür bin ich zutiefst dankbar.
Da wird nicht die Geschichte des Glaubenshelden, des siegreichen Herrn und Heilands erzählt, der durch die Unbilden und Bedrängnisse schreitet, als wären sie nichts. Ganz im Gegenteil: Die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu erzählt, dass Gott unsere Ängste kennt, dass er am eigenen Leib erfahren hat, was Todesangst, was Ratlosigkeit, Furcht und Schrecken sind. Die Bibel weiß: von unserer Sorge um unsere Nächsten; von der Mutlosigkeit, die keine Zukunft mehr sieht; vom herzzerreißenden Schrecken, der uns überfällt, wenn wir dem Tode nichts entgegenzusetzen haben; von der Enge, die die Brust abschnürt und keine Luft zum Atmen lässt.
In der Passionsgeschichte, in den Gleichnissen Jesu und den Heilungsgeschichten, die vom ihm erzählt werden, in den Psalmen ist sie halt da, wird sie gesehen, hat sie ihren Platz, die Angst – weil sie zu unserem Leben gehört, weil keiner gut daran tut, so zu tun, als gäbe es sie nicht. Noch in der Mitte unseres Glaubens, beim Kreuzestod Jesu, ist sie gegenwärtig, wenn Jesus – im sogenannten „Leidenspsalm Jesu“ – fleht: „Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe!“ (Psalm 22, 12).
Sie ist da – aber er, er ist auch da. Er, der sie durchlebt hat, die menschliche Angst, er, der menschliche Gott, dem unsere Furcht und unser Zittern, unser Erschrecken und Zähneklappern, unser Schock und unsere Panik nicht fremd sind.
Wenn von Jesus in seiner „Geschichte vom Leiden und Sterben“ geradeso ängstlich, furchtsam und entsetzt erzählt wird, dann heißt das doch nichts anderes, als dass Gott in unseren „Geschichten von unseren Leiden und unserem Sterben“ gegenwärtig ist, dass er uns nicht allein lässt darin.
Dann klingt das „Fürchtet euch nicht!“, das am Ostermorgen laut wird, ganz anders: nicht nach strenger Forderung, nicht nach einem schwachen Trost und nach einer nur scheinbar hilfreichen Floskel; dann ist der ermutigende Zuspruch zur Furchtlosigkeit den Tiefen des Menschlichen abgerungen, dann schwingen darin das Leid und der Schmerz und der Tod, die am Ende besiegt sind. Es ist mit allem Ernst gesagt, nicht leichthin, nicht nebenbei: „Habt keine Angst, fürchtet euch nicht!“.
Er ist halt da! Das ist uns geschenkt! (18.03.2026)