„Habe ich das gerade wirklich gedacht?“ - Impuls

Person mit gefalteten Händen, signalisiert Nachdenklichkeit

Sigrid Zweygart-Pérez

„Habe ich das gerade wirklich gedacht?“ So durchzuckt es mich manchmal, wenn ich mich bei einem Gedanken erwische, von dem ich einfach sagen muss: Der war total rassistisch. Mein Bekannten- und Freundeskreis ist in den vergangenen Jahren deutlich diverser, „bunter“ geworden. Und beruflich habe ich täglich mit Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen dieser Welt zu tun. Und trotzdem ist es mir bisher nicht gelungen, „rassismusfrei“ zu werden. Rassismus, das ist leider nicht nur ein Problem der Anderen. Auch in mir grassiert er, vergiftet mein Denken und wahrscheinlich auch mein Reden und Tun.
 
Das Erschrecken darüber ist wichtig, auch wenn ich mich dann über mich selber ärgere, dass es mir wieder passiert ist. Dass ich Menschen auf Grund ihrer äußeren Erscheinung, eines sichtbaren Verhaltens oder einer Äußerung beurteile und dabei ihre Herkunft oder ihre Zugehörigkeit mit einbeziehe, obwohl die dabei gar nicht von Belang ist.
 
Es beruhigt mich nicht, aber erleichtert mich ein klein wenig, dass gegen solche Regungen selbst Jesus nicht gefeit gewesen ist. Seine schroffe Ablehnung der kanaanäischen Frau im 15. Kapitel des Matthäusevangeliums ist klar religiös-rassistisch motiviert. Ihre Bitte um Hilfe für ihre kranke Tochter weist er zurück und versteigt sich sogar zu der Haltung, die uns nur zu bekannt ist aus unseren Tagen: Dass von den „Fremden“ etwas beansprucht wird, was nur den „eigenen“ Volkszugehörigen zusteht.
 
Schließlich ist es diese Frau, die Jesus die Augen darüber öffnet, dass nicht sie im Unrecht ist, sondern dass er seine eigene Haltung überdenken muss. Und genau das macht Jesus. Und erfährt dabei so viel Neues über sich selber, dass er sich selber als der erkennen kann, der er wirklich ist: Der Messias für alle Menschen, ganz gleich, zu welchem Volk sie gehören.
 
Rassismus, das lerne ich aus dieser Geschichte, Rassismus schadet nicht nur denjenigen, die abgewertet werden. Rassismus verhindert, dass ich zu mir selber vordringe. Weil ich eben auch mit dieser rassistischen Haltung auf mich selber schaue.
 
Und diese Brille möchte ich ablegen. Auch darin ist Jesus mein Vorbild. Die rassistische Brille abzunehmen, bedeutet für mich dann nicht darüber nachzudenken, wie die anderen sind. Ob sie gar nicht so sind, wie ich mir das so mit meinem tradierten „Wissen“ darüber, wie Menschen sind, vorstelle. Die rassistische Brille abzunehmen, bedeutet dann vor allem, darauf zu schauen, wie ich selber bin. Was hindert mich daran, so offen zu sein für die Begegnung mit Menschen, wie ich es selber gerne sein möchte? Welches Bild von mir selber schleppe ich rum, dem ich versuche zu genügen? Welche Erwartungen möchte ich erfüllen, die gar nicht meine eigenen sind?
 
„Habe ich das gerade wirklich gedacht?“ Ich fürchte, dass mich dieser Gedanke auch weiterhin immer mal wieder durchzucken wird. Vom Rassismus Abschied zu nehmen, das geht leider nicht schnell, dafür sitzt er viel zu tief. Ich möchte dieses Erschrecken aber als heilsam zulassen und es zur Gelegenheit machen. Zur Gelegenheit, inmitten der Alltagshektik und der vielen Dinge, die ich zu erledigen habe, über mich selber nachzudenken. Mich neu zu fragen, was ich eigentlich warum denke und mache. Am Internationalen Tag gegen Rassismus (21. März). Und an jedem anderen Tag auch. (20.03.2026)
  

Sigrid Zweygart-Perez

Landeskirchliche Beauftragte für Flucht, Migration und Integration