Kleines Zeichen, große Wirkung - Impuls zum Palmsonntag

Keramikgefäß auf weißem Tuch

Landesbischöfin Heike Springhart

Landesbischöfin Heike Springhart ist von ihrer Reise ins Heilige Land zurückgekehrt, bevor die Lage im Nahen Osten eskaliert ist. In der gegenwärtigen Spirale von Gewalt und Gegengewalt erinnert sie an eine biblische Geschichte, in der eine Frau in eine Männergesellschaft platzt und durch ihre Hingabe an Jesus alle verblüfft. Ob diese Frau ein Modell sein könnte, um Gewaltkonflikte massiv zu stören, einfach, indem sie sich in ihrer Liebe und Zuwendung nicht irritieren lässt? 

Vor einigen Wochen war ich in Jerusalem und in Bethlehem. Die Sonne auf der Haut, die laue Luft ... Die Tage haben sich nach Vorfrühling angefühlt mitten im Januar. Aber schon da hat deutlich spürbar Spannung in der Luft gelegen. Einer der Händler in den kleinen Geschäften in Bethlehem meinte zu mir: „Wir haben Angst vor dem, was noch auf uns zukommt!“ Es hat sich was zusammengebraut, das war spürbar – aber was es wirklich heißen würde, das haben wir in dem Moment noch nicht geahnt.  
 
Vor mehr als 2000 Jahren war das ganz ähnlich. Auch da lag Spannung in der Luft in Jerusalem. Die religiösen und die politischen Anführer haben damals Pläne geschmiedet, wie sie Jesus gefangen nehmen können, wenn er in die Stadt kommt. Und Jesus hat geahnt, dass sich Unheil über ihm zusammenbraut. Die Bibel erzählt, wie Jesus auf dem Weg dorthin in ein kleines Haus in Bethanien einkehrt: Ein Tisch; Menschen, die zusammensitzen. Aber auch hier draußen vor der Stadt ist zu spüren: Es liegt Spannung in der Luft. In Jerusalem gärt es. Machtspiele, Angst, religiöse und politische Konflikte. Und mitten hinein in diese aufgeladene Stimmung platzt eine fremde Frau hinein in die Runde. Sie kommt mit einem Glas voll kostbarem Salb-Öl. Ohne viele Worte. Die Männer, die zusammensitzen, beobachten verblüfft, wie diese Frau einfach auf Jesus zugeht, ohne zu fragen, ob sie das denn wohl darf. Sie handelt einfach. Sie zerbricht das Gefäß und sie gießt das kostbar duftende Öl über Jesu Kopf. Ein verschwenderischer Moment. Die Frau tut einfach das, was ihr Herz ihr in diesem Moment sagt. Ich denke, sie hat die Bedrohung gespürt. Und wenn sich alles zuspitzt, dann gewinnen die kleinen Zeichen Bedeutung. Und die Kosten werden egal.
 
Im Haus in Bethanien in der Runde um Jesus regt sich sofort Widerspruch. „Was soll diese Verschwendung?“ sagen einige. Man hätte das teure Öl verkaufen und das Geld sinnvoller einsetzen können. Effizienter. Sozialverträglicher. Vernünftiger. 
 
Solche Fragen kenne ich gut. Wir leben in einer Zeit, in der vieles knapp erscheint: Ressourcen, Geduld, Hoffnung. Wenn ich auf die aktuelle Situation im Nahen Osten schaue, auf Gewalt, auf Angst und verhärtete Fronten, dann frage ich mich oft: Was bringt da noch ein Zeichen der Liebe? Was bewirkt ein einzelner, mutiger Akt inmitten so viel Leid? Die Frau in Bethanien rechnet nicht. Sie liebt. Sie ehrt. Sie handelt, weil sie spürt: Jetzt ist der Moment. Und Jesus verteidigt sie. „Sie hat ein gutes Werk an mir getan“, sagt er. Er nennt es nicht Verschwendung, sondern gut. Und er sagt sogar: „Wann immer die gute Nachricht verkündet wird, dann wird man auch von dieser Frau erzählen.“
 
Es gibt Momente, in denen die kleinen Zeichen Gewicht gewinnen. Und es gibt Frauen, die einen Unterschied machen, weil sie das wagen – allen Spannungen und Befürchtungen zum Trotz. Mitten in einer Welt, die sich auf Gewalt vorbereitet, setzt sie ein Zeichen der Zärtlichkeit. Mitten in einer angespannten politischen Lage setzt sie auf Nähe. Mitten in Berechnung und Taktik wählt sie Großzügigkeit. Die Frau in Bethanien bringt mich zum Nachdenken. Mit dem Öl und der Salbung tut sie Jesus nicht einfach nur etwas Gutes. Sie nimmt das vorweg, was nach seinem Tod zu tun sein wird – wenn Jesus gesalbt und begraben werden wird. Aber die Liebe und die Würde sind stärker als der Hass und der Foltertod, den Jesus sterben wird. Die Frau zerbricht ihr Gefäß. Mich ermutigt das, auch in schweren Zeiten, etwas von der Selbstsicherung zu zerbrechen: Den Panzer der Ironie. Die Gewissheit, immer recht zu haben. Die Angst, mich angreifbar zu machen. Liebe ist nie effizient. Sie ist nicht berechnend. Sie ist oft überreich. Und manchmal wirkt sie wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber sie verändert alles. 
 
In einer Zeit, in der die Bilder von Hass und Gewalt, von Unterdrückung und von Folterungen uns fassungslos machen, in der wir ohnmächtig vor Nachrichten stehen, erinnert mich diese Geschichte daran: Gott wirkt nicht zuerst durch Macht, sondern durch Hingabe. Nicht durch Lautstärke, sondern durch leise, entschiedene Gesten. Vielleicht ist heute ein guter Tag, um ein Gefäß zu zerbrechen, ein Wort der Versöhnung zu sagen, jemandem zuzuhören, statt sofort zu widersprechen. großzügig zu sein mit Zeit, mit Aufmerksamkeit, mit Vertrauen. Was wie Verschwendung aussieht, kann in Gottes Augen ein gutes Werk sein. Und wer weiß – vielleicht wird man sich eines Tages auch an unsere mutigen Gesten erinnern. Nicht, weil sie groß waren. Sondern weil sie nach Liebe geduftet haben. Ich wünsche Ihnen einen duftigen und gesegneten Sonntag. (SWR4 Sonntagsgedanken am 29.03.2026)