Wenn Härte und Hoffnung aufeinanderprallen

Beratung & Seelsorge & Diakonie
Wissen Sie, wie es im Gefängnis zugeht? Was fehlt Inhaftierten am meisten und wer ist für sie da? Igor Lindner ist seit 18 Jahren evangelischer Seelsorger im Gefängnis. Zuhören und Trost spenden sieht er als Kern seiner Aufgabe.
„Das Gefängnis ist eine abgeschottete Sonderwelt und man kann Außenstehenden nur schwer vermitteln, wie es dort tatsächlich zugeht,“ sagt Igor Lindner. Er ist Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Offenburg. Bei der Arbeit ist der 59-Jährige genauso unter Verschluss wie die Häftlinge selbst. Man könne sich sprichwörtlich nicht „frei“ bewegen, den rechtlichen Rahmen für seelsorgliche Angebote setzt der Staat fest bzw. bestimmt die Anstaltsleitung. „Anders als die Inhaftierten, kann ich das Gebäude allerdings abends wieder verlassen. Dass ich dann frei entscheiden darf, und beispielsweise ins Schwimmbad gehen oder auch einfach nur auf der Terrasse sitzen und im Garten grillen kann, das mag eine alltägliche Kleinigkeit sein. Für mich ist es in dem Moment aber etwas ganz Besonderes.“

Igor Lindner
Es fehlt an Zuwendung
„Das Gefängnis ist immer ein Mangelbereich“, stellt Igor Lindner fest. Den Inhaftierten fehle es eigentlich an allem, sowohl an bestimmten materiellen Dingen, aber auch an menschlicher Zuwendung. Jeder versuche irgendwie an das heranzukommen, was er brauche und wolle, seien es Zigaretten oder Telefongespräche während der Untersuchungshaft. „Die Gefängnisseelsorgenden sind dabei immer auch ein wenig der Gefahr ausgesetzt, instrumentalisiert zu werden“, weiß Sabine Kast-Streib, Leiterin der Abteilung Seelsorge im Evangelischen Oberkirchenrat und Fachaufsicht für die Gefängnisseelsorge. Manche Gefangenen seien wahre Meister der Manipulation. Hierfür ein Bewusstsein einzuüben und trotzdem einfühlsam zu bleiben, daran arbeiten die Gefängnisseelsorgenden in Fortbildung und Supervision. „Um etwas zu bitten, ist grundsätzlich immer erstmal legitim“, sagt Igor Lindner. „Aber ich muss dann entscheiden, was erlaubt ist und was nicht. Ich achte auf mein Gefühl und vertraue auch meiner persönlichen Einschätzung.“Am Anfang steht der Schock
Viele seelsorgliche Kontakte zu den Gefangenen folgen ähnlichen Mustern, erklärt Igor Lindner: „Die Anfangszeit der Haft ist bei Vielen von dem Schock des plötzlichen Freiheitsentzuges geprägt. In dieser Phase einer Gefängnisstrafe geschehen auch die meisten Suizide. Viele plagt die eigene Schuld, und ihre Gedanken drehen sich um die Fragen: Was habe ich da nur gemacht, wie konnte das bloß geschehen?“ Später gelte es dann vor allem, sich in dem System Gefängnis zurechtzufinden, also mit der Isolation klarzukommen und damit, keine Schwäche zeigen und praktisch zu niemandem Vertrauen aufbauen zu dürfen. „In dieser Situation sind wir Seelsorgenden oft jahrelang die einzigen, denen gegenüber sich die Häftlinge ganz öffnen können“, so Lindner. Besonders die Gespräche mit langstrafigen Menschen nähmen mitunter geradezu therapeutischen Charakter an, „da sie die einzigen Gelegenheiten sind, mal über etwas anderes als den Gefängnisalltag zu reden“.Ein Spiegel globaler Probleme
Eine Herausforderung für die Seelsorgenden stellt auch der hohe Anteil an multinationalen Gefangenen dar. In der JVA Offenburg sind das rund 40 Prozent der Insassen. Neben sprachlichen Barrieren, die beispielsweise mit einem Dolmetscher überwunden werden müssen, leiden die Inhaftierten häufig noch mehr unter der Trennung von ihren Familien.Die Gründe für eine Haftstrafe sind manchmal tragisch. „Oft kommt es vor, dass Asylbewerber hier lange keine Arbeit finden“, berichtet Igor Lindner. Das Asylverfahren gerate ins Stocken. Um an Geld zu kommen, rutschten nicht wenige ins kriminelle Milieu, etwa die Drogenszene ab – eine unglückliche Spirale „verwehrter Chancen“. „Das Gefängnis ist immer auch ein Spiegel der aktuellen Probleme in der Welt“, so Lindner. Als Vorsitzender der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland setzt er sich u.a. dafür ein, dass beispielsweise muslimische Gefangene die Möglichkeit erhalten, mit Seelsorgern ihrer eigenen Religion sprechen zu können.Hilfe in der Verzweiflung
Immer wieder kommt es vor, dass das „System des Misstrauens“, das im Gefängnis herrscht, auch auf die Seelsorgenden selbst abzufärben droht. Auch Igor Lindner stellt sich manchmal die Frage „Stimmt das, was der Gefangene mir erzählt, wenn er mir seine Unschuld beteuert, oder soll ich vielleicht nur instrumentalisiert werden?“ Umgekehrt vermutete er auch schon einmal, dass bei einem reinen Indizienprozess fälschlicherweise gegen den Angeklagten entschieden worden sei. Das belastet. „Aber ich bin kein Richter, sondern meine Aufgabe ist es, zuzuhören. Das Gefühl der Ohnmacht muss man aushalten lernen.“Zuhören und Trost spenden sind der Kern von Igor Lindners Arbeit, an den sich auch die Gefängnis-Bediensteten wenden können. Er erinnert sich an einen polnischen Gefangenen, der in der Haft vom Tod seiner Mutter erfuhr und in seiner Verzweiflung fast rasend wurde. Gemeinsam konnten sie die Gefängniskapelle besuchen, eine Kerze entzünden und beten. „Das löste Frieden in ihm aus und hat ihn tatsächlich vor der drohenden Isolationshaft bewahrt“. Für einen Familienvater konnte Igor Lindner erwirken, dass er regelmäßig aus der Haft heraus mit seiner kleinen Tochter telefonieren und sie bei den Hausaufgaben unterstützen durfte. Einem jungen Mann, der nach einem Streit im Vollrausch den Tod seiner Lebensgefährtin verursacht hatte, half er in dessen Verzweiflung mit einem Gebetbuch.
Igor Lindner ist überzeugt: „Im Grunde kann jeder in die Situation kommen, an einem Verbrechen schuldig zu werden. In unserer Gesellschaft herrscht leider viel Härte – das ist manchmal sehr tragisch.“ Viele Häftlinge seien außerdem mutlos angesichts der Angst, nach Ende ihrer Strafe keine Chance mehr von der Gesellschaft zu bekommen. Diese Angst ist nicht unbegründet. Christliche Gefängnisseelsorge kann hier unterstützen und Mut machen. Und auch wenn die Religion eher weniger im Zentrum der Gespräche im Gefängnis steht, zeigt sich gerade hier, was kirchliche Arbeit, Dienst am Menschen und tätige Nächstenliebe eigentlich ausmachen – an einem Ort, wo sie ganz besonders gebraucht werden: „Es ist eine Herausforderung, die Würde des Gegenübers zu sehen und zu achten trotz seiner vielleicht schweren Tat“, sagt Sabine Kast-Streib. „Zwischen einem Menschen und seinen Taten zu trennen – das ist ein urchristlicher Gedanke und gilt für uns alle gleichermaßen.“
Sabine Kast-Streib
Geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Seelsorge (ZfS) und Leiterin der Abteilung Seelsorge im Evangelischen Oberkirchenrat.