"Letting In" statt "Coming Out"

Person (unscharf zu sehen) zeigt ihre Hand mit einem Queer-Band, auf dem steht: "Love has no label"

Gedanken zum nationalen Coming Out Day in den USA

Der 11. Oktober ist der National Coming Out Day in den USA, ein Tag, den viele Menschen nutzen, um ihre Sexualität, geschlechtliche Identität, Pronomen, ihr Geschlecht und andere Seiten ihrer selbst öffentlich bekannt zu geben. Es ist ein Tag mit einem Hashtag und nationaler Aufmerksamkeit. Es ist auch ein Tag, der für viele LGBTQIA+-Menschen sehr schmerzhaft sein kann. Ein Beitrag von Michael Streib, Anwalt und Fürsprecher für queere Gerechtigkeit in der United Church of Christ (UCC).
 
Eine Freundin von mir erzählte mir vor einiger Zeit, wie sie sich als Jugendliche ihre ganz eigene Coming-Out-Party vorstellte. Sie träumte davon, dass sich ihre Familie und Freund*innen in ihrem Schlafzimmer versammelten, während sie sich buchstäblich in einem Schrank versteckte, nur um dann die Schranktüren auf dramatische Weise aufzureißen (ein Wortspiel mit dem englischen Begriff "coming out of the closet"). Anschließend würde sie stolz wie eine Diva zu den Klängen von "I am Coming Out" von Diana Ross durch den Raum stolzieren. Es würde Kuchen geben, und alle würden zu Ross‘ Stimme tanzen. Was für eine schöne Vorstellung.
 
Ich weiß aus erster Hand, wie sich ein Coming-out befreiend und lebensverändernd anfühlen kann. Ich kenne auch die wirklichen Ängste und tiefen Sorgen, die viele queere Menschen damit verbinden. Wenn wir diese persönlichen Seiten von uns teilen, begeben wir uns oft in eine äußerst verletzliche Position. Wir teilen mit Menschen Seiten unseres intimsten Selbst. Wir öffnen uns dafür, tiefer erkannt und geliebt zu werden, aber auch dafür, potenziell abgelehnt und verletzt zu werden.
 
Coming Out kann schwierig, manchmal scheinbar unmöglich sein: Für Menschen, die kulturellen oder familiären Systemen mit einem bestimmten Verständnis von Gemeinschaft angehören, kann jedes Infragestellen von Familien- und Fortpflanzungsstrukturen als respektlos, herausfordernd oder gar als Bedrohung für die Familie empfunden werden.
 
Coming Out kann Menschen auch vielerlei Formen von Gewalt aussetzen, vom Verlust der Gemeinschaft, von der sie bisher Teil waren und von der sie Unterstützung erfahren haben, über den Verlust von finanzieller und emotionaler Unterstützung bis hin zu körperlicher Gewalt und Tod. Coming-out ist nicht für alle so einfach, wie es ein Gedenktag vielleicht erscheinen lässt. Obwohl es positive Trends gibt, sagt ein Drittel der LGBTQ-Jugendlichen in den USA , dass ihre Familien sie nicht akzeptieren, und fast 20 % geben an, dass sie Angst vor möglichen schädlichen Reaktionen haben, wenn sie sich outen – so eine Studie der Human Rights Campaign.[1]  Viele der christlichen Räume in den USA (aber auch in Deutschland) waren und sind Orte solcher Traumata: Die Erzählungen von queeren Jugendlichen, die aus ihrem christlichen Zuhause fliehen oder gar hinausgeworfen und dann obdachlos werden, sind zahlreich und bis heute traurige Realität.
 
Bild von Michsel Streib
Michael Streib ist der "Queer Justice Advocate", Anwalt/Fürsprecher für queere Gerechtigkeit der Southern New England Conference UCC (United Church of Christ), und pastoraler Mitarbeiter in der First Congregational United Church of Christ in Somerville, Massachusetts. 
 
Doch selbst wenn die physische und psychische Sicherheit gewährleistet ist, haben manche LGBTQIA+-Menschen Probleme mit der Idee sich zu outen. Wir sind daran gewöhnt, dass unsere Sexualität, unser Geschlecht, unsere Geschlechtsidentität und andere Teile unseres Selbst Gegenstand öffentlicher Debatten oder aufdringlicher Neugier sind. Wir wissen, was es bedeutet, falsche Etiketten und Erwartungen abzuwehren. Gleichzeitig spüren wir den Druck, uns in neue Labels zu zwängen.
 
Daran ist auch die queere Community nicht unschuldig. Der Wunsch, Menschen, um jeden Preis zu kategorisieren und zu definieren, hält sich auch innerhalb der LGBTQIA+-Gemeinschaften hartnäckig. Dies kommt oft durch Rassismus, Ableismus, Trans- und Frauenfeindlichkeit zum Ausdruck oder wird durch diese verschärft. Einige queere Menschen finden sich in der Situation, dass sie sich gerade von einem Etikett gelöst haben, nur um von einem anderen eingeschränkt zu werden.
 
Nichtsdestotrotz hat das Coming-out auch etwas Positives. Der National Coming Out Day hat seine Wurzeln in der Geschichte der queeren Bewegung und des AIDS-Aktivismus: Der Tag wurde am ersten Jahrestag des zweiten Gay and Lesbian March in Washington ins Leben gerufen. Dieser Protest, der 1987 stattfand und den über 200.000 Menschen besucht hatten, wurde auch durch den an diesem Tag enthüllten AIDS-Gedenkquilt berühmt: ein Kunstwerk mit individuell gestalteten Stoffflecken, die die Opfer der wenig beachteten AIDS-Pandemie würdigen.[2]  Im Nachdenken über diese Wurzeln wird die Kraft des Coming Outs, der kompromisslosen Bekundungen und Ankündigungen deutlich: Sie kann Raum bieten, um vergessene, verdrängte und vernachlässigte Identitäten und Geschichten hervorzubringen. Es kann eine Plattform sein, auf der Menschen, die die Welt lieber zum Schweigen bringen würde, mutig und stolz verkünden können, wer sie sind. Wenn ihre Stimme unterdrückt und vernachlässigt wird, ist es ein Akt des Widerstands und der Ermächtigung, etwas oder sich selbst zu benennen und zu definieren.
 
Die Stärke queerer Bewegungen war schon immer dieser Widerstandsgeist, der die Norm immer wieder herausfordert. In ihren besten Momenten, lebt die LGBTQIA+-Community in diesen Spannungen, feiert Fluidität und Freiheit und vermeidet einengende Kategorien und strenge Definitionen. Ich hoffe, dass wir diesem National Coming Out Day mit einer ähnlichen Sichtweise begegnen werden: Dass eine Erklärung dessen, wer wir jetzt sind, genau das ist: eine Erklärung dessen, wer wir in diesem bestimmten Moment sind. Niemand von uns ist ein stagnierendes Wesen. Wir können Etiketten ändern, und wir können sie ganz ablehnen. Niemand ist verpflichtet, Informationen über seine Identität mit anderen zu teilen. Doch jede*r von uns verdient es auch, offen und stolz darauf zu sein, wer wir sind, wenn wir uns dafür entscheiden. Und es ist in Ordnung, wenn das aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist. Es ist in Ordnung, wenn wir noch nicht bereit sind oder diesen Teil von uns nicht teilen wollen. Wir leben in unseren Körpern, und wir priorisieren, was uns jetzt am wichtigsten ist, einschließlich der Frage, ob wir mehr über unsere persönliche Identität teilen wollen oder nicht.
 
Ich hoffe, dass diese Ideen auch als Wegweiser für unsere Kirchen und die Gesellschaft insgesamt dienen können. LGBTQIA+ Menschen sind überall in der United Church of Christ (UCC). Manche "out", manche nicht. Einige stellen Fragen, andere sind sich sicher, wer sie sind. Der National Coming Out Day kann Menschen Sichtbarkeit verleihen – auch in unseren Kirchen. Es kann aber auch Druck auf diejenigen aufbauen, die sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen können oder wollen. Ich hoffe, dass unsere Gemeinden Orte sein können, an denen Menschen Zeit und einen sicheren Ort haben, um diesen Prozess nach Belieben zu durchlaufen, oder sich einfach nur wohlfühlen können so wie sie sind. Ein Schritt, um darauf hinzuarbeiten, könnte darin bestehen, "Coming Out" als Konzept insgesamt zu überdenken. Einige queere Menschen sprechen lieber von "Einlassen", Letting In, als von "Herauskommen". Es stellt das gesellschaftliche Drehbuch auf den Kopf und hinterfragt die Idee, dass wir dafür verantwortlich sind, die Vorstellungen anderer Menschen von uns zu ändern, dass wir anderen eine Definition oder Erklärung dessen schulden, wer wir sind. Stattdessen reklamieren sie den Coming-out-Prozess als selbstbestimmte Einladung: Weil ich es will, lasse ich dich in diese komplexe Welt ein, die meine Sexualität, mein soziales Geschlecht, mein biologisches Geschlecht, mein Körper und meine Realität ist. Es kann sich bei jedem Besuch ändern, aber das ist es, was ich Dir jetzt zeigen möchte. Dieser Raum steht nicht zur Debatte – Du bist Gast. Ich lasse Dich herein, und ich hoffe und vertraue darauf, dass Du meine Einladung freundlich erwiderst.
 
Als ich über dieses Konzept nachdachte, kam mir die Geschichte vom Anfang in den Sinn. Auch wenn meine Freundin von einer "Coming-Out-Party" sprach, fühlte es sich für mich eher wie eine "Einlass-Feier" an. Ihre Tagträume drehten sich um ihre eigene Handlungsmacht, ihre eigenen Ideen und ihre Liebe zu Diana Ross und Kuchen. Dieser Traum erlaubte ihr, sich vorzustellen, wie sie andere "einlassen" würde, wie ihr es gefiel – sei es in einem theatralischen Auftritt oder in einem leisen Flüstern. Das ist auch meine Hoffnung an diesem Nationalen Coming-Out-Tag: Lasst uns als Kirche und Gesellschaft das Narrativ so verändern, dass niemand mehr "herauskommen" muss, sondern die Menschen sich dafür frei entscheiden können, Dich hereinzulassen. (10.11.2022)

 
[1] Human Rights Campaign, National Coming Out Day Youth Report, accessed October 11, 2022, https://assets2.hrc.org/files/assets/resources/NCOD-Youth-Report.pdf?_ga=2.14050623.922499822.1596641953-478425994.1596641953  
[2] Kate Sosin, "The History of National Coming Out Day Contains Both Pride and Pain,“ Them, published October 8, 2021, https://www.them.us/story/the-history-of-national-coming-out-day-contains-both-pride-and-pain