Gemeinsam die Nacht überstehen

Telefon mit Headset

Beratung & Seelsorge & Diakonie

„Ich will nicht mehr leben.“ Thomas Würfel wird das nächtliche Telefongespräch mit der jungen Frau niemals vergessen. Würfel ist ehrenamtlicher Telefonseelsorger. Was er und seine Kolleg*innen tun und wie sie helfen, lesen Sie in unserer Story. 

„Vor so einem Anruf haben wir hier alle Respekt“, bekennt der Telefonseelsorger. In so einer Situation erschrecke man, trotz der einjährigen Vorbereitung durch Qualifizierungskurse und regelmäßiger Supervision.
 
Thomas Würfel ist einer von derzeit rund 80 ehrenamtlichen Telefonseelsorgerinnen und -seelsorgern in der Dienststelle in Karlsruhe. Zwölf Stunden pro Monat ist er am Apparat im Einsatz. „Die meisten Anruferinnen und Anrufer sind zwischen 40 und 70 Jahre“, schätzt Thomas Würfel, über den Chat meldeten sich dagegen hauptsächlich Jugendliche und Erwachsene zwischen 15 und 40 Jahren. Insgesamt sind es mehrheitlich Frauen, die sich an die Telefonseelsorge wenden. 

Die Anonymität des Telefons

Die Sorgen und Nöte der Anruferinnen und Anrufer reichen von Beziehungsproblemen über Einsamkeit bis hin zu Depression. Suizidalität – der Wunsch zu Sterben – ist in rund zehn Prozent der Gespräche das Thema. „Es gibt praktisch keine Hemmschwelle, mit uns über Probleme zu sprechen“, beobachtet Würfel. „Das hat mich anfangs etwas überrascht.“  
„Die Anonymität des Telefons bietet den Menschen Freiräume, ja Schutzräume“, bestätigt auch Pfarrer Alexander Herzfeld, der gemeinsam mit seiner katholischen Kollegin Sibylle Hatzelmann-Bayer die Karlsruher Dienststelle hauptamtlich leitet. Das Vertrauen der Anruferinnen und Anrufer bewegt ihn immer wieder aufs Neue: „Indem wir den Menschen solche Schutzräume zur Verfügung stellen, bieten wir etwas an, das andere nicht in dieser Form tun, und zwar rund um die Uhr, Tag und Nacht“, betont er die besondere Bedeutung dieses kirchlichen Dienstes.

Die Volkskrankheit Einsamkeit

Mann sitzt vor einem Fenster
Für viele Menschen ist die Telefonseelsorge nahezu die einzige Ansprechstelle. „Soziale Isolation ist ein großes Problem“, sagt auch Beate Neemann, die sich wie Thomas Würfel ehrenamtlich bei der Karlsruher Dienststelle engagiert. In jedem vierten Gespräch sei Einsamkeit das vorherrschende Thema. Während des ersten Corona-Lockdowns wurde das besonders deutlich. Die Anruferzahlen bei den Telefonseelsorgestellen erhöhten sich um 50 Prozent. „Viele Menschen haben kaum Familie, keine Freunde zum Reden, niemanden, mit dem sie über ihre Grundängste und das, was sie umtreibt, sprechen könnten.“ Krisensituationen angesichts von Corona, Krieg und Inflation wirken zusätzlich verstärkend. Alexander Herzfeld ist daher froh um das enorme ehrenamtliche Engagement: „Gerade auch in der Corona-Zeit war zu beobachten, wie wichtig es den Ehrenamtlichen war, hier ihren Dienst zu tun, und welch große Solidarität unter ihnen geherrscht hat“, stellt er dankbar fest.

„Danke, dass ich mit Ihnen reden konnte!“

Die Telefongespräche dauern im Durchschnitt weniger als eine halbe Stunde; nachts etwas länger als tagsüber. Wie kann in so kurzer Zeit seelsorgliche Hilfe geleistet werden? „Die meisten Menschen sind vor allem dankbar, dass jemand ihnen einfach nur zuhört“, sagt Beate Neemann. Das könnten nämlich viele heutzutage gar nicht mehr – zuhören und dabei die Autonomie des Gegenübers achten, ohne gleich mit einem vermeintlich guten Ratschlag um die Ecke zu kommen. Gelegentlich werde aber auch konkret um einen Rat gebeten, beispielsweise, an wen der oder die Anrufende sich wenden könne, um weiterführende Hilfe bei einem psychischen Problem zu finden. 
 
Die Telefonseelsorgenden sind keine Therapeuten. „Unsere Aufgabe ist es, uns Zeit zu nehmen, Geduld zu haben, die Menschen am anderen Ende der Leitung zu respektieren und ihre Sorgen ernstzunehmen. 
 
Wie halten die Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger den Kummer der Anrufenden aus oder die Ungewissheit, die nach einem Gespräch fast immer bleibt? „Uns selbst besser zu fühlen, ist nicht das Ziel unserer Arbeit“, betont Beate Neemann. „Für unsere Fragen und Anliegen sind die beiden Hauptamtlichen ansprechbar, und in der regelmäßigen Supervision ist Raum für das Schwere und Leichte unseres Dienstes.“ 
 
Trotzdem geht Alexander Herzfeld immer „mit einem guten Gefühl“ aus seiner zweistündigen Schicht: „Ich kann zwar in einem einzigen Gespräch niemandem seinen Schmerz nehmen – aber ich kann dazu beitragen, dass derjenige wieder neu auf seine Situation schaut und bereit ist, überhaupt einen nächsten Schritt zu machen.“ 
 
Thomas Würfel weiß nicht, was aus der Anruferin, die sich damals das Leben nehmen wollte, geworden ist, wer sie war, oder wo sie wohnte. Es war eines seiner bisher schwierigsten Gespräche. Und doch bliebt bei ihm im Rückblick nicht nur Betroffenheit: „Ich war auch froh. Denn ich konnte für diese Frau da sein. Durch mich musste sie diese Nacht wenigstens nicht allein durchstehen.“
 
So erreichen Sie die Telefonseelsorge: 
Telefon:  0800-1110111