„Mit den Losungen beginne ich meinen Tag“

Ziehung der Hernhuter Tageslosungen

Glaube & Spritualität

Zum Jahreswechsel liegen sie wieder in den Buchhandlungen aus: die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine. Viele Menschen lesen sie täglich. Auch bei mir vergeht kein Tag ohne Losungen. 

Bevor ich Zeitung lese oder Nachrichten höre, lasse ich die Losungen zu mir sprechen. Wenn die Zeit zur Bibellektüre fehlt, sind es die beiden Verse aus dem Alten und Neuen Testament oder das beigefügte Lied, die meinen Gebeten Worte geben. 
Eine Freundin, der ich das kürzlich erzählte, staunte darüber und wollte sich sofort ein Losungsbüchlein kaufen. Sie hatte noch nie davon gehört. 
Meinen erwachsenen Kindern schenke ich das Losungsbuch jährlich zu Weihnachten. Wann und ob sie es aufschlagen, weiß ich nicht. Ich hoffe aber, dass sie hin und wieder einen Blick darauf werfen. Möglicherweise interessieren sie auch die Worte, die an ihrem Geburtstag in dem kleinen Büchlein stehen. Wenn ich eine Geburtstagskarte schreibe, beginne ich meine Gratulation gerne mit dem abgeschriebenen Losungswort des entsprechenden Tages. 
 
An Krankenbetten werden sie gelesen. Vor Sitzungen werden sie ausgelegt. In manchem Religionsunterricht werden sie diskutiert. Kirchennahe und Kirchenferne regen sie zum kritischen Nachdenken an. Was verbirgt sich hinter den Losungen? 
 
Losungsbuch für das Jahr 2023
Losungsbuch für das Jahr 2023

Quelle: Ulli Naefken / ZfK

Ihr Ursprung reicht in das Jahr 1722 zurück. Als böhmische Glaubensflüchtlinge in die Oberlausitz kamen, stellte Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) den heimatlosen Menschen seinen ererbten Grund und Boden zur Verfügung und erlaubte ihnen, sich auf seinem Land anzusiedeln und ihren Glauben zu leben. Damit aber nicht genug: Bald quittierte Zinzendorf seine Tätigkeit im Staatsdienst und kümmerte sich um die neu entstehende Gemeinschaft. Den Ort, der aus der böhmischen Ansiedlung entstand, nannte Zinzendorf „Herrnhut“. Hier lebte er mit seiner Familie und den Glaubensgeschwistern unter des Herrn Hut – unter dem Schutz und Schirm seines Heilandes Jesu Christi.
 
Das Losungsbuch nahm seinen Anfang als Graf Zinzendorf allabendlich einen Bibelvers für den nächsten Tag aussuchte und diesen von Mitarbeitern als Losung für den kommenden Tag in jedes Haus tragen ließ. Daraus ist im Laufe der Jahrhunderte das Herrnhuter Losungsbuch geworden. 
Heute wird aus einer Sammlung biblischer Kernstellen des Alten Testaments für jeden Tag eines Jahres ein Vers „herausgezogen“. Dieses Losungswort wird durch ein thematisch passendes Schriftwort aus dem Neuen Testament und einem Gebet oder einem Liedvers ergänzt. 
2023 erscheint das Losungsbuch in der 293. Auflage. In viele Sprachen übersetzt ist es weltweit verbreitet.
 
Für mich sind die Losungen spirituelle Begleiter durch den Tag, sie regen zum Nachdenken, zum Gespräch und in manchen Situationen auch zu Entscheidungen an. Außerdem verbinden sie Menschen verschiedener Konfessionen und unterschiedlicher Frömmigkeiten zu einer großen Gemeinde. 
 
Gemeinschaft stifteten die Losungen auch für den Widerstandskämpfer und Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) im Dritten Reich. Während seiner Zeit im Gefängnis war das Losungsbuch eine wichtige Verbindung zu den Menschen außerhalb der Gefängnismauern. Weil er wusste, dass sowohl seine Verlobte als auch ihm nahestehende Menschen täglich die Losungen lesen, fühlte er sich über Grenzen hinweg mit ihnen verbunden. Das zeitgleich gelesene Bibelwort stiftete Gemeinschaft und regte zum Nachdenken und schriftlichen Austausch an. 
Obwohl Bonhoeffer sich wiederholt fragte, ob er das Losungsbuch möglicherweise sogar etwas abergläubisch mit der heimlichen Frage nach der persönlichen Zukunft aufschlägt, waren die Losungsworte für ihn Entscheidungshilfen in schwierigen Lebenssituationen. So zum Beispiel als ihm amerikanische Freunde im Sommer 1939 während einer Vortragsreise in Amerika anboten, in den Staaten zu bleiben. Am 26. Juni 1939 war die Losung ein Vers aus dem im 2. Timotheusbrief: „Komme noch vor dem Winter“. Bonhoeffer verstand diese ursprünglich von Paulus an seinen Schüler Timotheus gerichtete Bitte als ein an sich persönlich gerichtetes Wort. Er kehrte nach Deutschland zurück. 
 
Ob am Morgen oder Abend gelesen, ob die Worte in mir haften bleiben oder rasch von anderem verdrängt werden, die Losungen sind für mich – wie das tägliche Brot – lebensnotwendig.
 
 
  

Dr. Adelheid von Hauff

Dipl.-Religionspädagogin/Dozentin PH-Heidelberg
Kirchenbezirk Südliche Kurpfalz
 
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