Weihnachten verdichtet sich manchmal in einem Augenblick. Wenn die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet werden. Wenn wir in der Kirche Stille Nacht singen. Wenn der Posaunenchor zu spielen beginnt. Wenn ich ein Geschenk auspacke. Wenn…
Viele Augenblicke machen die Weihnachtszeit aus. Gerüche nach Lebkuchen und Kerzenwachs. Picksende Tannenzweige und heiße Punschtassen an den Fingerspitzen. Farben mit Gold und Rot und Grün im Blick. Und natürlich Weihnachtslieder im Ohr.
So richtig Weihnachten wird für mich, wenn wir „O Du fröhliche“ singen.
Ich begebe mich auf eine Spurensuche nach der Geschichte hinter dem Lied. Der Text stammt aus dem Jahr 1815 und wurde in Weimar gedichtet. 1815 - eine schwere Zeit. Napoleons Armee zieht durch das Land. Sie hinterlässt Elend und Verwüstung. In Weimar lebt zu dieser Zeit nicht nur Johann Wolfgang von Goethe, sondern auch der Publizist und Laienprediger Johannes Daniel Falk.
Weimar hat 6000 Bewohner. Doch nun stehen 60 000 Soldaten vor den Stadttoren. Die Situation ist beängstigend. Sie kann Weimar ein Ende in Feuer und Zerstörung bringen. Doch Falk vermittelt zwischen den Offizieren der Armee und der Stadt. Er organisiert Essen, Nachtlager und medizinische Hilfe für die Soldaten. Dafür soll er sich sogar als französischer General verkleidet haben, der den Befehl gibt, die Stadt nicht zu zerstören. Mut hat er.
Mut und großen Kummer. Johannes Daniel Falk hat unfassbar Schweres erlebt. In nur wenigen Monaten sind vier der Kinder gestorben, die er gemeinsam mit seiner Frau Caroline hat. Das verändert ihn. Es lässt ihn aufmerksam werden für die vielen Kriegswaisen, Kinder, die krank und verwahrlost auf der Straße leben. Er richtet eine Sonntagsschule ein, in der Mädchen und Jungen lesen, schreiben und rechnen lernen. Er öffnet sein Haus, das noch heute in Weimar am Markt steht. Dreißig Kinder nehmen seine Frau und er bei sich auf.
Was brauchen Kinder? Etwas zu essen, ein Dach, Medizin, eine Schule, Zuwendung und Liebe und andere Kinder. All das geben Caroline und Johannes Falk den Kindern. Kinder brauchen auch etwas, das sie stark macht. Nach allem, was sie erlebt haben, brauchen sie Trost. Darum beginnt Falk mit den Kindern zu singen. Denn das gemeinsame Singen ermöglicht Gemeinschaft, es setzt positive Energie frei und bringt Leichtigkeit ins Herz. Jede Stimme wird gebraucht. Falk schreibt Lieder für die Kinder.
Eines dieser Lieder ist „O Du fröhliche“. Die Melodie stammt von einem alten sizilianischen Lied, das die Fischer bei ihren Festen singen. Gut geklaut ist halb gewonnen. Das denkt sich auch ein anderer Mann, dem Kinder am Herzen liegen. Es ist Johann Hinrich Wichern in Hamburg. Als er das Rauhe Haus als einen Zufluchtsort für Kinder und junge Menschen gründet, bezieht er sich ausdrücklich auf Caroline und Johannes Falk. Das Lied „O Du fröhliche“ nimmt er auch gern mit. Es wird in Hamburg und in Weimar gesungen. Mit den jungen Menschen, die im Rauhen Haus als erste Diakone ausgebildet werden, verbreitet es sich schließlich in ganz Deutschland.
Mit Caroline und Johannes Falk beginnt die evangelische Sozialarbeit. Singen gehört dazu. Die Frage von Caroline und Johannes Falk und von Johann Hinrich Wichern: Was brauchen Kinder? Was brauchen Jugendliche? – sie gehört mit großer Dringlichkeit auch in unsere Zeit, in unsere Gedanken und in unser Herz.
Falk schreibt das Lied als ein dreigeteiltes Lied. Wir kennen die Strophen zu Weihnachten, aber es gibt weitere zu Ostern und Pfingsten. Dass einem die ganze Welt verloren gehen kann und nichts mehr ist, wie es war, das wissen die Kinder. In dem Lied „O Du fröhliche“ singen sie einander zu: Gott wird in der Armut und der Dunkelheit geboren, damit niemand verloren geht. Du gehst nicht verloren. Du bist wertvoll. Das ist Weihnachten.
