Ihm nachfolgen, nicht ihn anschauen

Weizenkörner liegen nebeneinander

Wolfgang Schmidt

Jesus entzieht sich den Menschen. Das erleben wir selten im Evangelium. Meistens erleben wir ihn mitten unter den Menschen. Im Evangelium zum Sonntag Lätare (Johannes 12, 20-24) ist das anders. Jesus entzieht sich den „Griechen“, die zum Passahfest nach Jerusalem kommen und den berühmten Wundertäter und beeindruckenden Wanderprediger sehen wollen.
 
Ich habe Verständnis für die „Griechen“. Ja, wir wollen die Dinge sehen, um sie zu verstehen. Wir wollen Menschen sehen und erleben, ihnen in die Augen schauen und ihre Stimme hören, weil wir so wissen können, ob wir ihnen vertrauen dürfen. Wir wollen uns einen Eindruck machen, um urteilen zu können über das, was wir sehen. Das ist die Crux an Homeoffice und Videokonferenzen, dass wir einander nicht mehr wirklich begegnen.
 
Aber Jesus entzieht sich. Jetzt ist es anders. Denn was an ihm zu sehen ist, führt nicht zum Verstehen. Was man sieht, ist ein Jude, der heilt und predigt. Aber sein Auftrag, seine Mission, der Sinn seiner Existenz bleibt unsichtbar hinter dem sichtbaren Äußeren. Er hält sich verborgen vor den neugierigen Blicken, die sich an der Oberfläche aufhalten. Philippus und Andreas schirmen ihn ab. Und in seiner genialen Art lenkt Jesus stattdessen den Blick auf ein Weizenkorn.  
Immer wieder redet er in Gleichnissen und Metaphern, um Unsagbares in Worte zu kleiden, benutzt Bilder, die verhüllen und offenbaren zugleich und so tiefer hineinführen in das Geheimnis seiner Person als es jeder äußerliche Blick enthüllen könnte. Ihn begreift man nicht durch das Ansehen seines Äußeren, ihn begreift man, wenn man sich ein Weizenkorn anschaut.
 
Wie in einem Weizenkorn eine ungeheure Lebenskraft auf ihre Entfaltung wartet, so auch in Jesu Sendung in diese Welt. Wenn das Korn diese Fülle an Leben, die in ihm steckt, nicht zur Entfaltung bringen kann, bleibt es immer nur dieses eine Korn. Aber wenn das Korn sich aufgibt, wenn es seine eigene Existenz aufgibt, wenn es sich hingibt an die Erde und sich darin verwandelt, dann vervielfältigt sich das Leben. Das eine Leben gibt sich hin, damit eine Fülle von Neuem daraus hervorbrechen kann. So auch Jesus: Ich gebe mein Leben hin, damit eine Fülle von neuem Leben erstehe. Ich gebe mein irdisches Leben hin, um das ewige Leben ans Licht zu bringen für alle Welt. Das ist der Sinn, das Ziel meiner Mission, meiner Sendung in diese Welt, das ist die Verherrlichung, die mir zuteilwird.
 
Jesus entzieht sich dem vordergründigen Blick. Wer ihn sehen, wer ihn verstehen will, wird auf seinen Tod gewiesen, auf seine Hingabe an ein Leben in Liebe, das bereit ist, den letzten Preis zu bezahlen.
Mir drängen sich die Bilder aus der Ukraine auf: Ärzte, die alles riskieren, um den Verletzten in den zerbombten Kellern von Krankenhäusern zu helfen; Lastwagenfahrer, die alles riskieren, um Lebensmittel in die belagerten Städte zu bringen; protestierende Russen, die Misshandlung und Gefängnis riskieren, um eines gerechten Friedens willen; Journalisten, die alles dafür tun, dass die Wahrheit laut wird.
Darin wird Wirklichkeit, was Jesus den Worten vom Weizenkorn folgen lässt: „Wem sein Leben über alles geht, der verliert es. Aber wer sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wer mir dient, muss mir auf meinem Weg folgen. Denn wo ich bin, da wird auch mein Diener sein. Wer mir dient, wird beim Vater Anerkennung finden.“ (Johannes 12, 25f; Basis Bibel).
 
Jesus kennenlernen heißt ihm folgen, nicht ihn anschauen. Es ist das Ende aller Theorie. Jesus kann man begreifen im Vollzug des Lebens, in der Hingabe an die Liebe, in der Hingabe an das Leben: Das Leben aus der Hand geben, um es zu gewinnen. Das ist das Geheimnis des Weizenkorns.
 
  

Silke Dangel

Oberkirchenrätin / Leitung des Referats 4 "Bildung und Erziehung in Schule und Gemeinde"