Die Hoffnung fliegen lassen

Kranich fliegt ins Licht

Dr. Urte Bejick

Von der Ambivalenz zwischen dem Schrecken und dem Schönen

Im noch kahlen Fliederbaum turnen drei Meisen. Die ersten Krokusse strecken sich erwartungsvoll der Sonne entgegen. Der Frühling kommt und verkündet uns - ja was? Einen Neuanfang? Aber die Zukunft sah auch schon einmal verheißungsvoller aus. Ukraine, Iran, Nordsyrien und die Türkei und die vielen Katastrophen und Konflikte, die wir nur als Überschriften zur Kenntnis nehmen, bedrücken. Und Taiwan. Wie leben die Frauen und Männer dort unter ständiger militärischer Bedrohung?
 
Gemälde bunte Blumen vor dunklem Himmel
Die taiwanesische Künstlerin Hui-Wen Hsiao hat einen verdunkelten Himmel gemalt. Düsternis herrscht. Schwarz stehen die Berge. Nur etwas Licht mischt sich in das Dunkel. 
Ein verdorrter Baum ragt ins Bild - Klimakrise, Pandemien, Nöte und Ängste sind längst global geworden. Wie am Himmel so auf Erden? 
Trotz allem wirkt das Bild aufmunternd und farbenfroh. Auf Erden gibt es noch Farben, blühende Orchideen, den seltenen Blaufasan. Es gibt Wasser und grüne Wiesen. 
Diese Ambivalenz zwischen dem Schrecken und dem Schönen ist vielen Menschen spätestens seit dem Ukrainekrieg deutlich geworden - blühende Bäume und Wiesen und bedrohte Menschen und Natur weltweit.
 
Zwischen Schrecken und Schönheit die Menschen. Was können sie tun? „Glaube bewegt“ haben Frauen aus Taiwan als Motto des diesjährigen Weltgebetstags gewählt. Glaube bewegt - zu Demut und Gebet. Eine der Frauen im Bild kniet und betet. Beten heißt, noch Sehnsüchte und Hoffnungen hegen, von Herzen wünschen, dass eine bessere Welt möglich sei. Glauben heißt, die Hände öffnen und die Hoffnung fliegen lassen, wie dies die andere Frau im Bild tut.
 
In das Dunkle hinein, dem Licht entgegen fliegt ein Löffelreiher. Manche deuten den Vogel als Kranich, Symbol für Weisheit, Erkenntnis, Ewigkeit. Im europäischen Kulturkreis wäre es eine Taube. So fliegt das Gebet, die Hoffnung, wenn Hände geöffnet werden. Herz des Weltgebetstags ist das Gebet - das verbindet, schöpferisch und solidarisch macht. Um sich dann wieder einsetzen können - für Blumen, Fasane, Bäume, das Klima, andere Menschen.
 
 
„So wie ein Vogel frei durch die Lüfte fliegt,
so wie das Morgenlicht Finsternis besiegt,
so ist Gottes Gegenwart unter uns 
und macht uns frei von den Sorgen, von den Ängsten,
dass die Liebe mit uns sei.“
(Gottes Segen ist um uns, Gottesdienstordnung zum Weltgebetstag 2023, Lied 8)
 
  

Dr. Urte Bejick

Fernstudium Geschlechterbewusste Theologie