Jeden Morgen hat Herta D. einen Psalm gelesen. Immer nach dem Frühstück. Die Bibel lag stets griffbereit auf dem Küchentisch in der großen Hofküche.
In der Küche, an dem großen Tisch, fand viel Leben statt. Viele von uns haben an ihm schon gesessen. Hier saß Herta D. als junge Frau mit ihrem Mann Helmut. Nach ihrer Trauung wurde hier die Hochzeitstorte angeschnitten. Da war Herta D. als die neue Bäuerin noch nicht lange auf dem Hof. Hier haben Kinder über viele Jahre ihre Hausaufgaben gemacht. Hier wurde alles besprochen, was wichtig war.
Am Küchentisch saßen Sie nach der Trauerfeier für Helmut. Bevor der Kaffee eingeschenkt wurde, las Herta D. Psalm 23 vor. Nach der Trauerfeier für Günter bat sie den Pfarrer darum, Psalm 23 zu lesen, bevor sie den Kuchen aufschnitt. In dieser Zeit der schweren Trauer hat sie Psalm 23 immer wieder gelesen, jeden Morgen neu. Es hat lange gedauert, bis sie umblättern konnte.
An dem Küchentisch wurde auch viel gelacht und gefeiert. Die Taufen von Günter, Simone und Petra und später die der Enkelkinder Nina und Madlen, Simon, Nils und Jonas. Geburtstage, Hochzeiten, Schulabschlüsse. An Erntedank gab es Kürbissuppe. Am Martinstag eine Gans. Hier saßen die Nachbarinnen an den langen Winterabenden zusammen und spielten Mensch-ärgere-dich-nicht, strickten und tauschten Neuigkeiten aus. Der Küchentisch war ihr Lieblingsplatz mit dem Blick in den Garten und auf die Pferdekoppel und jetzt im Winter auf das Vogelhäuschen. In den letzten Jahren hat sie den Hof nur noch verlassen, wenn es sein musste. Da saß sie viel an dem großen Tisch. Sie löste Kreuzworträtsel, las die Zeitung, hörte Radio und zuletzt, als sie immer weniger sah, Hörbücher, die ihre Enkelkinder ihr mitbrachten. Es verging kein Tag, ohne dass sich jemand zu ihr setzte. Ihre Liebsten aus der großen Familie, besonders häufig die, die links und rechts wohnen, eines ihrer neun Patenkinder, langjährige Weggefährten aus der Nachbarschaft oder Gäste aus der Ferienwohnung.
Herta D. hat an diesem Tisch ihren 90. Geburtstag gefeiert. Zuletzt waren Sie an Weihnachten alle um den großen Tisch in der Hofküche versammelt.
Vielen von uns hat sie auf andere Weise den Tisch gedeckt. Jahr um Jahr hat sie auf dem Markt Obst und Gemüse vom Hof verkauft. Auch im hohen Alter noch. Äpfel und Birnen, Walnüsse und Kürbisse, ihre selbst gebackenen Brote und Kuchen, Eier und Honig. Im Winter immer auch die Orangen und Zitronen, die sie von Elena G.s Plantage auf Sizilien bezog. Eng blieb der Kontakt, nachdem Elena G. als junge Frau für ein Jahr auf dem Hof mitgeholfen hat, um Deutsch und mehr über die Landwirtschaft zu lernen. Auch heute ist sie hier. In den letzten Jahren half immer ein Enkelkind beim Markt mit, meistens Nina. Als Herta D. 88 wurde, beschloss sie, dass es jetzt gut sei und sie nicht mehr auf den Markt gehen würde. Da, wo immer ihr Stand war, ist immer noch eine Lücke.
Herta D. war Bäuerin und Marktfrau. Vor allem aber war Herta D. Mutter und Schwiegermutter, Oma und die Uroma von Emil, Alba und Rosa. »Sie war unsere Mitte«, haben Sie gesagt. Das bringt zum Ausdruck, wie sehr sie Ihr Leben geprägt hat, wie viel Mut, Zuversicht und Vertrauen sie Ihnen mitgegeben hat. Sie hat Sie ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen. Gerade das Schwere, das Sie miteinander haben tragen müssen, hat einen großen Zusammenhalt geschaffen.
Jeden Morgen hat Herta D. in den Psalmen gelesen. Der letzte Psalm, den sie gelesen hat, ist der Psalm 138. „Ich gehe mitten durch die Angst“, heißt es dort.
Herta D. hatte es nicht leicht. Ihre Kindheit war schwer, nachdem ihre Mutter früh verstorben war. Gern wäre sie länger zur Schule gegangen. Sie hat immer darum getrauert, dass das nicht möglich war. Ein tiefer Einschnitt war der Tod ihres Mannes Helmut. So plötzlich wurde er ihr und Ihnen von der Seite gerissen. Und wenige Jahre später der Tod von Günter. Das war eine ganz schwarze und schwere Zeit in ihrem Leben und im Leben Ihrer Familie.
„Ich gehe mitten durch die Angst und du erquickst mich.“
Sie hat mir einmal erzählt, dass sie in diesen Jahren die vielen Psalmen, die sie auswendig konnte, immer wieder vor sich hingesagt hat. Sie hat an den Worten Halt gefunden. Neben der Trauer war da auch die Sorge um den Hof. Wer würde ihn erhalten, nachdem Günter nicht mehr da war?
Zunächst war sie skeptisch, als Simone und Petra ihr vorgeschlagen haben, den Hof umzugestalten, so wie er heute ist. Oft hat sie davon erzählt. Auch davon, wie dankbar sie am Ende war. Die Umgestaltung und der Neuanfang sind gut gelungen.
„Ich danke dir von ganzem Herzen.“ Mit diesen Worten beginnt Psalm 138. Herta D. hat in diese Worte einstimmen können. Sie war ein dankbarer Mensch.
Sie hat sich immer gewünscht, auf dem Hof bleiben zu können. In der Geborgenheit und dem Frieden, den sie hier gefunden hat, ist sie in der Nacht nach Epiphanias gestorben.
Heute blättern wir die nächste Seite um. Wir lesen für Herta D. Worte aus Psalm 139. (Enkelin Nina liest Psalm 139 vor.)
»Am Ende bin ich noch immer bei dir.«
Viele gemeinsame Wege sind nun zu Ende gegangen. Wir stellen uns in die Hoffnung, die die Hoffnung Ihrer Mutter und Schwiegermutter, Ihrer Oma, Tante und Patentante, Nachbarin und Freundin war: Am Ende bin ich bei dir. Herta D. hat in den letzten Jahren manchmal davon gesprochen, dass sie nach Hause geht. Dass dann Helmut und Günter da sind. Ihre Eltern und Geschwister. Zu Hause wird sie die wiederfinden, die sie verloren hat. Sie war sich sicher: Auch da wird es einen großen Tisch geben, an dem sich alle wiederfinden.
Am Ende bin ich bei dir.
In Herta D.s Bibel lagen viele Fotos. Familienfotos. Fotos von Tieren. Herta D. hat sie oft in die Hand genommen, das konnte man sehen. Eines haben wir besonders lange angeschaut, als wir die Trauerfeier vorbereitet haben. Helmut trägt den kleinen Günter auf dem Arm. Noch anderes war zwischen den Seiten. Eine Tüte mit Zinnien-Samen. Und ein Rezept für eine neue Brotsorte, die sie noch ausprobieren wollte. Im hohen Alter ist für Herta D. manches beschwerlich geworden. Aber sie hatte trotzdem noch manches vor. Blumen säen. Ein Brot backen. Lieben. So sehe ich sie auch im Himmel vor mir. Einen Himmel ohne Blumen kann ich mir nicht vorstellen. Sie sät den Samen aus. Sie backt Brot. Für den großen Tisch, der alle versammelt. „Am Ende bin ich bei dir.“
Aus: GottesdienstPraxis, Serie B, Bestattung, 2024