Die Melanchthon-Kirche in Stockach
Steinerner Zeuge der konfessionellen Pluralisierung im 19. Jahrhundert
Als Geld und Genehmigung beisammen waren, ging es schnell. Innerhalb von nur eineinhalb Jahren wurde die Kirche auf ihrem Grundstück am damaligen Stadtrand erbaut. Stilistisch entsprach sie in ihrer Kompaktheit und schlichten Eleganz dem damaligen Zeitgeist. Die erste Orgel kam 1885, 1892 schließlich die Turmuhr. „Work in progress“ sollte noch lange das Motto der Stockacher Kirche.
Das heutige Bild der Kirche wurde im 20. Jahrhundert geprägt. Die Glocken mussten in den ersten Weltkrieg und kehrten 1924 wieder. Die Gemeinde wuchs stetig und spätestens mit dem Zuzug zahlreicher evangelischer Heimatvertriebener musste man sich Gedanken über neue Räume machen.
1962 konnte dann die renovierte und räumlich erweiterte Kirche geweiht werden, die mit ihrem neuen Altarraum lichter und heller wirkte. Seitdem trägt sie den Namen des süddeutschen Reformators Philipp Melanchthon, der prägend an der Seite Luthers wirkte. In den 1960er-Jahren entstand auch das benachbarte Gemeindehaus, das über Schiebetüren mit der Kirche verbunden ist. Spätestens beim Christvesper zeigt sich bis heute der Vorteil dieser Konstruktion. Dann bietet der Gemeindesaal 200 weiteren Besucherinnen und Besuchern einen Sitzplatz. Konfirmandenunterricht und Kindergottesdienste finden im Gemeindehaus ebenso ihre Räume wie Pfarramt, Hausmeisterwohnung und Küche. Zusammen mit dem neu gebauten Pfarrhaus und dem Altenpflegeheim der Diakonie ist mit der Zeit ein evangelischer Campus an der Zoznegger Straße entstanden.
Wer die Kirche durch das von den vier Evangelisten geschmückte Hauptportal betritt, erblickt am anderen Ende einen massiven Altartisch aus hellem Birnbaumholz. Das Material findet sich auch bei der Kanzel wieder und harmoniert mit dem Boden aus italienischen Marmorplatten. Auch der Taufstein ist aus Marmor gefertigt und kam als Geschenk der Konstanzer Gemeinde nach Stockach. Das 4 Meter hohe Holzkreuz lenkt den Blick auf den gekreuzigten Christus. Etwas abseits haben auch die reformatorischen Vorväter ihren Platz gefunden: Martin Luther und Philipp Melanchthon zieren ein Seitenportal der Kirche. Die Kirchentüren stehen grundsätzlich offen und laden auch unter der Woche zu einer kurzen Auszeit ein.
(Simon Gottowik)




