Verantwortung gegenüber der Natur entspringt dem Glauben, dass Gott in seiner Schöpfung als ihr Schöpfer selbst gegenwärtig ist

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu Erntedank

Liebe Gemeinde, wir feiern Erntedankfest.
Wir danken Gott für die Ernte der Felder. Wir danken für das, was die Erde hervorgebracht hat an Speise für jeden Tag. Wir singen Lieder des Dankes zur Ehre Gottes des Schöpfers für all die Wohltaten und Wunder seiner Schöpfung. Zugleich mischt sich in unser Danken tiefe Nachdenklichkeit, denn wir sehen und hören täglich, wie bedroht unsere Erde ist. Wir spüren förmlich, wie sie gequält wird von uns Menschen. Wie sie seufzt unter den Belastungen, die wir ihr aufbürden durch unsere Art zu leben.

Fast scheint es so, als hätte der Apostel Paulus diese Situation einer gequälten Erde vor Augen gehabt, als er in seinem Brief an die Gemeinde die Worte schrieb, die wir als Schriftlesung eben gehört haben. Beim Nachdenken über diese Worte aus dem 8. Kapitel des Römerbriefes muss ich sogleich ein Missverständnis abwehren: Paulus spricht hier nicht von einem Seufzen der Schöpfung, das Vorbote ihrer Vernichtung ist. Paulus wusste und ahnte nichts von der ökologischen Krise unserer Zeit. Paulus spricht vielmehr von dem Seufzen der Schöpfung als einem Hoffnungsseufzen - wie das Seufzen einer Frau, die ein Kind gebiert, in der Hoffnung auf neues Leben.

Diese Worte des Paulus gehören zu den großen Hoffnungsworten der Bibel. Und darum liebe ich sie. Paulus spricht von einer großen Hoffnung, die in der ganzen Schöpfung lebendig ist - gegen allen Augenschein. Paulus spricht von einem Seufzen der Schöpfung, das seinen Grund hat in ihrer Vergänglichkeit. Die Schöpfung seufzt über ihre Vergänglichkeit in Erwartung der künftigen Herrlichkeit, die Gott aller Welt verheißen hat. Die Schöpfung ist nicht auf Vergänglichkeit angelegt, sondern hat - wie wir Menschen - eine Aussicht auf vollständige Erlösung. Deshalb seufzt sie wie eine Frau, die unter Wehen neues Leben gebiert. Die Schöpfung ist wie eine Gebärende, deren Leiden zu Ende gehen und die neues Leben hervorbringen wird. Im Seufzen der Schöpfung also erklingt ein Lied der Hoffnung für alle Welt.

Welch ein ungewöhnlicher Gedanke für uns, die wir Erlösung meist als ein exklusives Geschehen zwischen Gott und uns Menschen verstehen. Dieses Verständnis von Erlösung stellt Paulus infrage. Er fragt uns: Wie groß ist Eure Hoffnung? Warum verengt Ihr Eure Hoffnung auf Euren menschlichen Horizont? Warum denkt Ihr so klein von Gottes Verheißung?
Und in der Tat: Weil Gott uns seinen Geist geschenkt hat,
weil er uns als seine Kinder angenommen hat,
weil wir wissen, dass wir durch die Erlösungstat Christi bereits jetzt zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes berufen sind,
und weil uns versprochen ist, dass diese Freiheit einmal offenbar werden wird,
deshalb dürfen wir eine große Hoffnung haben für uns und für alle Welt.

Unsere Hoffnung, die uns trägt, weil wir Gottes Geist geschenkt bekommen haben, ist nicht nur unsere Hoffnung. Gottes Herrlichkeit, auf die wir zuleben, ist nicht allein unsere Herrlichkeit. Die Offenbarung seines Sohnes am Ende der Zeiten gilt nicht nur uns. Die Erlösung von der Vergänglichkeit ist nicht nur uns Menschen verheißen.
Die ganze Schöpfung, auch die ganze außermenschliche Kreatur soll Anteil bekommen an der Freiheit der Kinder Gottes. Was wir Menschen von Gott empfangen haben an Heilvollem, will sich entfalten für die ganze gefallene und seufzende Welt.

Gott, unser Retter, ist zugleich unser Schöpfer. Deshalb beschränkt sich sein rettender Geist nicht auf uns Menschern, sondern er will als schöpferischer Geist die ganze Schöpfung erlösen. Darum kann es keine Rettung für uns geben an seiner Schöpfung vorbei. Gemeinsam mit der Schöpfung hoffen wir darauf, einmal frei zu werden zu einem neuen Leben in Gottes ewigem Reich. Dieses Ziel der Freiheit der Kinder Gottes werden wir Menschen nicht ohne oder gegen die Schöpfung erreichen, sondern nur mit ihr.
Das Geschenk des heiligen Geistes sichert uns Christenmenschen kein exklusives Heil. Vielmehr führt es uns in die Solidarität mit der Schöpfung. Das Heil ist uns stellvertretend für die gesamte Schöpfung zugesagt. Wir leben in einer Hoffnungsgemeinschaft, in einer Solidargemeinschaft mit der ganzen seufzenden Kreatur. Gottes Geist weckt in uns ein Mitleiden mit der Schöpfung. Er weckt in uns eine ökologische Empathie. Dieser Gedanke bewahrt uns vor dem schrecklichen Missverständnis, wir könnten die Natur zum toten Objekt unseres Handelns machen. Wie viel an der ökologischen Krise verdankt sich diesem verhängnisvollen Missverständnis! All zu lange haben Menschen die Natur lediglich als Material für die eigene Lebensgestaltung gebraucht. Verantwortung gegenüber der Natur dagegen entspringt dem Glauben, dass Gott in seiner Schöpfung als ihr Schöpfer selbst gegenwärtig ist. Darum seufzt sie. Darum empfindet sie Schmerz über den Widerspruch zwischen ihrem Sosein und ihrem Ziel, das Gott ihr gesetzt hat.

Hoffnung für alle - das ist die Botschaft der Bibel. Deshalb sollen und können wir das Leben der ganzen Schöpfung im Licht der Hoffnung sehen. Als Glaubende, als Gerettete leben wir im Modus der Hoffnung. Als mit Gottes Geist Begabte sind wir nicht Vollkommene, sondern bleiben Wartende. Die Herrlichkeit der Gotteskindschaft können wir zwar immer wieder erfahren, aber ihre Vollendung ist eben noch nicht sicht bar. Sie steht noch aus. Deshalb bleibt unser Glaube immer Hoffnung auf das nicht Sichtbare - auch da, wo irdisch nichts hoffnungsvoll erscheint. Sind wir als Glaubende nicht mehr unterwegs zum Hoffnungsziel, so haben wir einander und der Welt nichts mehr zu sagen und zu geben. Gottes Geist macht unsere Hoffnung groß und befähigt uns zu einer Hoffnungsarbeit für die Schöpfung. Nicht nur „Bewahrung der Schöpfung“ ist angesagt, sondern phantasie- und kraftvolle Hoffnungsarbeit für die Schöpfung. Eine Hoffnungsarbeit, die um das Ziel weiß, das Gott uns Menschen gemeinsam mit der ganzen Schöpfung verheißen hat. Amen.