Wem werde ich zum Nächsten?

Predigt über Lk 10,25-37 von Landesbischof Dr. U. Fischer

Liebe Gemeinde,
es scheint keine ganz glückliche Fügung zu sein, dass ausgerechnet bei der Ordination von vier angehenden Pfarrern als Predigttext ein Text der Bibel vorgegeben ist, der uns allen von Kindesbeinen an vertraut ist. Was soll ich Ihnen, liebe Ordinierte, schon Neues sagen bei der Auslegung jener uns so bekannten Geschichte vom barmherzigen Samariter, wie sie im 10. Kapitel des Lukasevangeliums aufgezeichnet ist? Wie oft haben Sie diese Beispielerzählung gehört von dem Menschen, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber fiel und halbtot am Wegesrand liegen blieb! Sie wissen, dass zunächst ein Priester an der Stelle des Überfalls vorüber ging, dann ein Levit. Beide ließen bekanntlich den Schwerverletzten liegen. Erst ein vorbeikommender Mensch aus Samarien erbarmte sich des Überfallenen, versorgte ihn medizinisch, brachte ihn in eine Herberge und sorgte dafür, dass der Wirt ihn pflegen konnte, bis er wieder gesund wurde.

Nächstenliebe und der Gottesliebe

Diese Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter ist uns allen so bekannt, dass wir Mühe haben, in ihr noch Neues zu entdecken. Doch Achtung! Weniger bekannt nämlich ist der Zusammenhang, in dem Jesus diese Geschichte erzählt. Es lohnt sich, diesen Zusammenhang in Erinnerung zu rufen. Also:
Da stand ein Schriftgelehrter auf und sprach zu Jesus: „Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Jesus antwortete: „Was steht im Gesetz geschrieben?“ Er antwortete: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Da sprach Jesus zu ihm: „Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.“ Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: „Wer ist mein Nächster?“ Auf diese Frage hin erzählt Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter und beschließt sie mit der Frage an den Schriftgelehrten: „Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?“ Er sprach: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat.“ Da sprach Jesus zu ihm: „So geh hin und tu desgleichen.“

Wenn wir uns diesen Rahmen der Geschichte vom barmherzigen Samariter vergegenwärtigen, entdecken wir in dieser Erzählung aufregend Neues. Untrennbar nämlich ist diese Geschichte verbunden mit dem Gebot der Nächstenliebe und der Gottesliebe. Ja, es ist die Geschichte dieser doppelten Liebe. Diese Geschichte antwortet auf die Frage, wie ich Gott und den Nächsten lieben kann wie mich selbst und wie ich durch diese Liebe ewiges, erfülltes Leben finden kann. Dabei ist das Verhältnis zwischen Gottes- und Nächstenliebe durchaus nicht einfach. Einerseits ist die Liebe zu Gott die Bedingung dafür, dass ich einen Menschen als meinen Nächsten erkenne, als Kind Gottes, als meine Schwester, als meinen Bruder. Andererseits ist die Nächstenliebe die Form, in der Gottesliebe konkret gelebt werden kann und muss. Gottesliebe und Nächstenliebe - es gibt eine untentwirrbare Wechselwirkung zwischen diesen beiden Formen der Liebe.

"Nicht ich kann die Frage stellen, wem ich meine Nächstenliebe angedeihen lasse. Sondern Gott führt mich in meinem Leben in Situationen, in denen er mich fragt: Willst du jemandem zum Nächsten werden, weil er gerade dich braucht?"

Genau diese Wechselwirkung soll durch die Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter dargestellt werden. Indem der Samariter dem unter die Räuber Gefallenen hilft, liebt er ihn als seinen Nächsten. Zugleich bringt er damit - vielleicht durchaus unbewusst - seine Gottesliebe zum Ausdruck. Darüber wird er dem Überfallenen schließlich selbst zum Nächsten. Deshalb wohl beendet Jesus diese Beispielerzählung, indem er die Eingangsfrage des Schriftgelehrten „Wer ist mein Nächster?“ am Ende umdreht und fragt: „Wer wurde dem Hilfsbedürftigen der Nächste?“ Die Frage nach der recht praktizierten Gottes- und Nächstenliebe und nach dem ewigen, erfüllten Leben lässt sich nicht mit akademischer Distanz beantworten. Diese Frage rückt mir vielmehr auf den Leib. Nicht ich kann die Frage stellen, wem ich meine Nächstenliebe angedeihen lasse. Sondern Gott führt mich in meinem Leben in Situationen, in denen er mich fragt: Willst du jemandem zum Nächsten werden, weil er gerade dich braucht? Er stellt mich vor die Frage, ob ich jemandem Nähe, liebende Nähe gewähren will. Damit wandelt sich die neugierige, wissbegierige Frage „Wer ist mein Nächster?“ zur Frage „Wem werde ich zum Nächsten?“

Verantwortung

Liebe Gemeinde, unversehens ist diese scheinbar so bekannte Erzählung vom barmherzigen Samariter zu einer Beispielerzählung geworden, die uns vor grundlegende Fragen und Zusammenhänge unseres Lebens führt. Wir können uns nicht am Mittagstisch zu Hause, am Schreibtisch unseres Büros oder an der Werkbank in der Fabrik überlegen, wer unser Nächster sein könnte, der unsere Liebe braucht. Nein: Dem Samariter wurde der Überfallene sozusagen vor die Füße gelegt. So wurde er ihm zum Nächsten. Nächstenliebe kann nur praktiziert, wenn ich jenen ichbezogenen, Standpunkt aufgebe, der mich neugierig fragen lässt: Wo finde ich denn meinen Nächsten? Das ist eine akademische, distanzierte Frage eines interessierten, neugierigen Ichs. Nein, nicht ich muss meinen Nächsten suchen. Ich muss mich von Gott zum Nächsten machen lassen. Wie das? Indem ich die Augen offen halte. Indem ich mich nicht hindern lasse hinzusehen, genau hinzusehen. Indem ich mir ein Gespür für den rechten Augenblick bewahre, in dem ich - gerade ich - gefordert bin. Indem ich eine Not an mich heranlasse. Oft gehe ich ja sehenden Auges an der Not anderer Menschen vorüber. Manchmal muss ich auch einfach die Augen schließen, um mich vor dem Übermaß an Not selbst zu schützen. Aber ich muss mich immer wieder fragen: Was hindert mich eigentlich hinzuschauen, genau hinzuschauen? Was hindert mich, mich hineinziehen zu lassen in die Not anderer? Auf welche Notstände kann ich schauen wie der Samariter, und vor welchen muss ich meine Augen verschließen wie der Priester und der Levit? Was hindert mich wirklich so hinzuschauen, dass dieses Hinschauen auch Konsequenzen hat, Konsequenzen der Verantwortung. So wie der Samariter für den Überfallenen Verantwortung übernimmt, ihn versorgt, eine Nacht bei ihm bleibt, dann aber auch seine Reise fortsetzt und die Verantwortung für den Überfallenen an den Wirt abgibt. Ja, auch das gehört zum verantwortungsvollen Sehen hinzu: Die Verantwortung für einen anderen Menschen und sein Ergehen wieder aus der Hand zu geben. Mit dem Hinschauen, dem genauen Hinschauen jedenfalls beginnt die Entdeckung des Nächsten, beginnt es, dass ich einem anderen Menschen zum Nächsten werde, beginnt die Übernahme von Verantwortung.

Da rührt mich das im Fernsehen gezeigte Bild des aidskranken Kindes in Afrika an, und ich entschließe mich, über „Brot für die Welt“ die Kirchen vor Ort in ihrem Kampf gegen die schreckliche Aids-Seuche zu unterstützen.
Da lese ich in der Zeitung von der Vesperkirche in Mannheim, sehe dort das Elend der Verarmten in unseren Städten und lasse mich ein auf ihre Not, engagiere mich in der Obdachlosenarbeit.
Da sehe ich in meiner Nachbarschaft eine Mutter, die ihr Kind allein erziehen muss, und ich stelle ihr Zeit und Geduld bei der Beaufsichtigung und Begleitung ihres Kindes zur Verfügung.

Ja, so ist es: Wo ich wirklich hinschaue, wo mich die Not anderer anrührt und unter die Haut geht, da rückt mir die Frage auf den Leib: „Wem muss ich zum Nächsten werden?“ Da werde ich unverhofft einem anderen Menschen zum Nächsten. Natürlich gibt es Grenzen der Nächstenliebe. Natürlich kann ich nicht alle Not der Welt auf meine Schultern laden. Aber diese Erkenntnis darf mich nicht immun machen gegenüber konkreter Not, die mich zur Nächstenliebe ruft, zu einer Nächstenliebe, die zum Leben befreit.

Zumutung zm Leben

Am Schluss meiner Predigt wende ich mich nun direkt an Sie, liebe Ordinierte. Alles, was ich bis hierher gesagt habe, gilt für alle Christenmenschen in gleicher Weise. Aber die Erzählung vom barmherzigen Samariter hat nun doch noch für Sie als angehende Pfarrer eine besondere Pointe. Ein Priester und ein Levit gehen an dem Überfallenen vorbei - zwei Männer des geistlichen Standes. Zwei, die den Überfallenen liegen lassen, weil sie zwar Gott lieben, aber aus dieser Gottesliebe keine Konsequenzen des praktischen Tuns der Liebe ziehen. Weil ihnen die Gottesliebe so wichtig ist, finden sie zur Nächstenliebe keine Zeit. Ihre Gottesliebe bleibt ohne die Frucht der Nächstenliebe. Für mich steckt darin eine Frage, die für die Gestaltung unseres Pfarrberufs von grundlegender Bedeutung ist: Wo setzen wir in diesem Beruf die Prioritäten: Gottesdienst oder Dienst an den Menschen? Gottesdienste wollen sorgfältig vorbereitet sein, wenn sie schön sein sollen. Das kostet Zeit, die uns in unserem Dienst abgeht für die helfende Begegnung mit Menschen. Wo setzen wir die Prioritäten in unserem Pfarrdienst? Es gibt eine falsche Flucht in die Gottesliebe, um sich der Begegnung mit Menschen zu entziehen. Aber es gibt eben auch eine Verausgabung in der Hinwendung zu Menschen, die jede geistliche Kraft in uns ersterben lässt. Ich habe kein Rezept für Ihren künftigen Dienst, aber ich weiß: Sie werden diesen Beruf nur bestehen, ausfüllen und gestalten können, wenn Sie nicht dauernd Samariter, sondern immer wieder auch Priester und Levit sind.

Was ich eben zu Ihnen direkt gesagt habe, das gilt nun wiederum für uns alle. Uns allen mutet Jesus mit der Beispielerzählung vom barmherzigen Samariter zu, auf dem Weg zum ewigen, erfüllten Leben Gottes- und Nächstenliebe nicht gegeneinander auszuspielen, sondern fruchtbar aufeinander zu beziehen. Zunächst ist das eine Zumutung, die uns nachdenken lässt über unser Leben als Christenmenschen ebenso wie über unseren Dienst als Pfarrerin und Pfarrer. Aber was Jesus uns da zumutet, ist - wie wir aus der einleitenden Frage des Schriftgelehrten hörten - letztlich eine Zumutung zum Leben - zum ewigen, erfüllten Leben. Wenn das nichts ist! Amen.