"Himmelswurzel" - Deutendes Wort und irdische Zeichen

Gottesdienst zur Ausstellung „Genius Loci“ in der Stadtkirche Karlsruhe am 18.03.2007

Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Joh 6,47-51

Liebe Gemeinde,
wer auf die Idee kam, während der Passionszeit in der Stadtkirche eine Kunstausstellung und kommentierend dazu eine Predigtreihe durchzuführen, ist zu beglückwünschen. Denn diese Ausstellung und die sie begleitende Predigtreihe ermöglichen, bestimmte Akzente der Passionszeit zu setzen und – was noch bedeutsamer ist – im wahrsten Sinne des Wortes an-schaulich zu machen. Indem die Auslegung eines biblischen Wortes der Betrachtung eines Kunstwerks zur Seite gestellt wird, tun wir im Grunde etwas Urevangelisches: Zu einem irdischen Zeichen – hier einem Kunstwerk – tritt das deutende Wort des Evangeliums hinzu. Nichts anderes meinen wir Evangelischen, wenn wir in unserer Kirche von Sakramenten reden.


Wort und Sakrament

Wort und Sakrament sind von Anbeginn an die Kennzeichen evangelischer Kirche. Glaube entsteht aus dem gepredigten Wort und verdankt sich dem Fühlen der Liebe Gottes in der Taufe und dem Schmecken dieser Liebe im Abendmahl. Aus dem Fühlen des Wassers, aus dem Schmecken von Brot und Wein und aus dem Hören auf das Wort der Predigt erwächst Glaube, der zum Leben hilft! In den irdisch-leibhaftigen Zeichen von Wasser, Brot und Wein ist der himmlische Gott real gegenwärtig mit seiner Liebe, die er in Jesus Christus erwiesen hat. Das gepredigte Wort braucht das Sakrament, um sinnlich erfahren zu werden. Das Sakrament braucht das verkündigte Wort, um recht verstanden zu werden. Deshalb gehören Wort und Sakrament zusammen. Die Sakramente machen uns das Evangelium ansichtig. In einem ganz irdischen Zeichen wird Himmlisches sichtbar. Die Sakramente der Taufe und des Abendmahls sind in der evangelischen Kirche so etwas wie die Ikonen in den orthodoxen Kirchen. Sie sind so etwas wie Transparente: Durch das irdische Zeichen oder Bild schimmert Ewiges, Himmlisches hindurch.

In diesen Zusammenhang fügt sich heute unser Hören auf ein Wort der Bibel und das Betrachten des Kunstwerks „Himmelswurzel“ von Silke Peters ein. Hören wir zunächst auf das uns für diesen Sonntag Lätare gegebene Wort der Bibel, auf Worte Jesu aus dem 6. Kapitel des Johannesevangeliums:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabsteigt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist. Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“


Mit leeren Händen

Diese Worte sind Teil einer langen Rede Jesu, in der er ausführlich über den Hunger des Lebens gesprochen hatte, der viel umfassender ist als der bloß körperliche Hunger nach Sättigung. Der Hunger nach Leben erfüllt alle Menschen gleichermaßen, die Hungrigen wie die Satten. Er erfüllt die Hörerinnen und Hörer Jesu, auch uns. Sie alle, wir alle fragen: Ist Jesus Christus der, der unseren Lebenshunger stillt - für immer? Zu gern hätten wir eine einfache Antwort. Zu schön wäre es, wenn Jesus geantwortet hätte: „Ich bin es, der euren Hunger nach einem besseren, einem ewigen Leben stillt. Ich gebe euch alles, was ihr wünscht.“ Aber genau dies sagt Jesus nicht. Er verspricht nicht, dass er etwas für uns hat, er verspricht, dass er etwas für uns ist. Wo wir ganz fixiert sind auf das, was wir haben wollen, bietet er an, was er ist. Jesus hat kein Brot in seinen Händen, das er uns gibt. Er gibt das, nach dem wir hungern, indem er selbst Brot ist, Himmelsbrot. Er führt uns weg von dem Irrtum, dass unser Leben durch Haben reicher, schöner, besser würde. Jesus kommt nicht mit vollen Händen, um unsere Wünsche zu befriedigen, nein: mit leeren Händen steht er da, lässt sich ans Kreuz nageln, um so ganz für uns da zu sein. Er ist das Brot, das vom Himmel herabsteigt: Dieser, der hinabsteigt in die tiefsten Tiefen unseres Lebens. Der hinabsteigt bis zum Tod am Kreuz. Der uns so den Himmel aufschließt, indem er uns den Zugang zu Gott freikämpft.

"So schimmert durch das irdische Essen des Brotes am Tisch des Herrn das hindurch, was Jesus in seinen Worten uns zugesagt hat: Himmlische Gemeinschaft mit ihm."

Nicht Befriedigung unserer Wünsche schenkt Jesus. Wer den Hunger nach ewigem Leben gestillt haben will, muss dies schon schlucken. Muss das Himmelsbrot schlucken, das Jesus Christus selbst ist. Nichts anderes geschieht im Abendmahl: Im Abendmahl schmecken wir Jesus Christus als das Himmelsbrot, so dass es uns stärkt, unserem Leben eine ewige, himmlische Ausrichtung gibt. Der Tisch des Herrn wird so zum Himmelstisch. Wir begegnen im Brot des Abendmahls ganz real dem, der zu uns Menschen hinabstieg. Dessen Sterben nicht umsonst geschah, sondern der für uns starb, um uns den Himmel aufzuschließen. Er schenkt uns ewiges, himmlisches Leben. Er stillt unseren Lebenshunger. Das macht das Abendmahl zum Sakrament: Im irdischen Brot schmecken wir Himmlisches, empfangen wir das vom Himmel gekommene Brot, erhalten wir Gemeinschaft mit Gott, die durch nichts gestört wird – auch nicht durch unsere irdische Unzulänglichkeit.

Wie so oft hat dies Martin Luther unübertroffen kurz und prägnant auf den Punkt gebracht, wenn er in seinem Kleinen Katechismus über das Abendmahl sagt: „Essen und Trinken tut’s freilich nicht, sondern die Worte, die da stehen: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Diese Worte sind neben dem leiblichen Essen und Trinken das Hauptstück im Sakrament. Und wer diesen Worten glaubt, der hat, was sie sagen und wie sie lauten, nämlich: Vergebung der Sünden.“ So schimmert durch das irdische Essen des Brotes am Tisch des Herrn das hindurch, was Jesus in seinen Worten uns zugesagt hat: Himmlische Gemeinschaft mit ihm.


Das deutende Wort

Was vom Abendmahl gesagt ist, das gilt nun in ganz ähnlicher Weise vom zweiten Sakrament unserer Kirche, der Taufe. Hören wir noch einmal auf Martin Luther: „Die Taufe ist nicht allein schlicht Wasser, sondern sie ist das Wasser in Gottes Gebot gefasst und mit Gottes Wort verbunden. Wasser tut’s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Wort Gottes im Wasser traut. Denn ohne Gottes Wort ist das Wasser schlicht Wasser und keine Taufe, aber mit dem Worte Gottes ist’s eine Taufe, das ist ein gnadenreiches Wasser des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen Geist.“ So wie im irdischen Zeichen des Brotes himmlische Gemeinschaft mit dem Auferstandenen erfahren wird, so wird uns im irdischen Zeichen des Wassers ein Himmelsgeschenk gemacht. Das deutende Wort des Evangeliums macht das irdische Zeichen von Brot und Wasser zu Heilsmitteln, das Brot zum Himmelsbrot, das Wasser zum Himmelsbad, zum Bad der Wiedergeburt.


Himmelstisch, Himmelsbad, „Himmelswurzel“

In diesen Zusammenhang nun will ich das Kunstwerk von Silke Peters einordnen. Dem Himmelstisch des Abendmahls und dem Himmelsbad der Taufe tritt nun die „Himmelswurzel“ zur Seite, die wir hier in der Mitte der Kirche auf unserem Taufstein sehen. Die Künstlerin Silke Peters studierte Bildhauerei an der Folkwang-Schule in Essen. Sie arbeitete mit be-greifbaren Materialien, mit Stein und Holz, mit Sand und Erde. In ihrem Kunstwerk „Himmelswurzel“ hat sie eine in der Natur gefundene Holzwurzel mit ultramariner Farbe in „Himmlisches“ blau verwandelt. Blau ist dabei vor allem die symbolische Farbe des Himmels, der Transzendenz, der Unendlichkeit. Aber Silke Peters hatte ihre „Himmelswurzel“ schon ursprünglich dafür vorgesehen, auf einem Taufstein platziert zu werden. Durch diese Positionierung erhält das Blau der Himmelswurzel noch einen doppelten anderen Bezug, nämlich einen Bezug zum Wasser der Taufe und einen Bezug zum Leben der Künstlerin: So wie die Himmelswurzel ihren Platz auf einem Taufbecken fand, so hat die Künstlerin, die am 26. Dezember des vergangenen Jahres in einem christlichen Hospiz verstarb, noch drei Tage vor ihrem Tod durch die Taufe ihren himmlischen Platz bei Gott gefunden. So weist die „Himmelswurzel“ über den Taufstein selbst hinaus: Sie verbindet Irdisches und Himmlisches miteinander, sie verbindet die eigene Botschaft mit dem irdischen Leben der Künstlerin und mit ihrer himmlischen Vollendung in ihrer Taufe und ihrem Tod.

"Im irdischen Wasser der Taufe wird himmlische Gotteskindschaft, wird ewige Heimat bei Gott sichtbar."

So betrachtet erscheint dieses Kunstwerk wie ein Angebot zum Verstehen des Sakraments der Taufe, ja fast selbst wie ein Sakrament: Durch die irdische Holzwurzel, die Silke Peters im Blauton gestaltet hat, schimmert das himmlische Geheimnis der Taufe hindurch. Im irdischen Wasser der Taufe wird himmlische Gotteskindschaft, wird ewige Heimat bei Gott sichtbar. Darum auch der Titel dieses Kunstwerks „Himmelswurzel“: Wie durch das Wasser der Taufe, das aus der Erde entspringt, uns Menschen ein Zugang zum himmlischen Gott eröffnet wird, so weist die aus dem Boden ausgegrabene Holzwurzel mit ihrer blauen Farbe hin auf die himmlische Welt Gottes.

An Abendmahl und Taufe, an den Himmelstisch und an das Himmelsbad werden wir heute erinnert. Wir werden an beide Sakramente, die wir in der evangelischen Kirche kennen, heute erinnert - durch das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium, das wir gehört und durch das Kunstwerk „Himmelswurzel“ von Silke Peters, das wir betrachtet haben. Himmlische Einsichten und Einblicke inmitten der Passionszeit. Und wir ahnen und glauben, dass durch alles irdische Leiden und Sterben Jesu ewiges Leben hindurchscheint: Welch ein himmlisches Geschenk! Amen.