Glaube als Ressource und Hoffnung - Teil II

Löwenzahnblüte vor blau-rosa Himmel

Im zweiten Teil ihres Beitrags „Glaube als Ressource und Hoffnung“ geht Annette Haußmann der Frage nach, wie Hoffnung entsteht und trägt. Sie zeigt, welche Rolle gemeinsames Hoffen und seelsorgliche Begleitung spielen – besonders in Krisen.
 

Was macht Hoffnung aus? 

Hoffnung ist in der religionspsychologischen und theologischen Perspektive ein sehr vielschichtiges Phänomen. Da kommt es zunächst einmal auf die Ausrichtung an: Was und worauf hofft jemand? In welcher Lebenssituation? Menschen geben sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, was sie hoffen. Die Hoffnung auf „Besserung“ bei schwerer Krankheit zum Beispiel. Manche hoffen auf die Wiederherstellung der Gesundheit, auf eine gute Diagnose. Für andere klingt das zynisch. Manche hoffen auch darauf, dass Schmerz und Leid erträglich sind, dass sich das Sterben nicht in die Länge zieht oder dass sie sich noch rechtzeitig von ihren Lieben verabschieden können. Oder die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, ein Wiedersehen mit den Lieben, ein Weiterleben.
Hoffnung ist Trostkraft und Trotzkraft. Sie tröstet, wenn sie aus dem inneren glaubenden Vertrauen kommt und nicht von außen verordnet ist. Sie lässt uns trotzen trotzdem: den Winden und Anfechtungen und Anfragen.

Hoffnung kann man nicht machen, aber kann ich trotzdem etwas dafür tun?

Glauben heißt vertrauen – auch vertrauen kann man nicht machen. Theologisch, evangelisch ist für uns Glaube auch immer ein Geschenk. Insofern ist auch Hoffnung, die aus dem Glauben erwächst, ein Geschenk, das uns zuteil wird. Ob wir etwas dafür tun können? Wir können uns offenhalten, uns Hoffnung zusprechen lassen. Im Segen liegt etwas von der Begleitung Gottes, die von außen zu uns kommt.

Woher kommt Hoffnung – und worauf gründet sie sich?

Hoffnung kann nicht aus uns allein entstehen. Sie braucht einen Grund, auf dem sie Wachsen kann. Im christlichen Sinne hoffen wir darauf, dass Gott uns begleitet, in Krisen und Krankheit, und uns über den Tod hinaus Zukunft schenkt. Gott überlässt die Welt nicht der Sinnlosigkeit, sondern verspricht sein Begleiten und Dasein. Dies wird in den biblischen Schriften immer wieder festgehalten. Sie speist sich aber aus der Erfahrung von Menschen hier und jetzt, die in ihrer religiösen Erfahrung diese Begleitung auch tatsächlich erleben und für andere bezeugen.
In der religiösen Praxis von Gebet, Ritualen, Gottesdienst, im gemeinsamen Miteinander, im füreinander da sein in Seelsorge und Diakonie, in der Fürbitte, im Spüren Gottes auf den Spuren Gottes in der Natur, in vielen religiösen Praktiken können Menschen Gott erfahren und daraus Hoffnung schöpfen. „Ich habe meine Antennen auf Gott gerichtet“, sagte mir einmal eine ältere Frau über ihren Glauben und ihre Form des Gebets. Gott ist bei mir, war ihre Überzeugung, ihre Hoffnung.

Wie wird Hoffnung in der Seelsorge erfahrbar?

Hoffnung wird zugesprochen, oft jenseits der tatsächlichen Erfahrung, und wir brauchen einander dazu. In der Seelsorge wird Hoffnung erfahrbar. Die stellvertretende Hoffnung hat eine starke Wirkungsgeschichte in der Seelsorge: das muss aber behutsam kommuniziert werden. Es geht nicht darum, von Hoffnungslosen die Hoffnung oder Optimismus zu erwarten oder an ihrer Statt hoffen zu wollen. Vielmehr ist es auch hier ein gemeinsames Aushalten von dem, was gerade ist und was Aufmerksamkeit braucht, manchmal auch Klage und Wut, die ihren Weg in die Artikulation sucht. Auch in den biblischen Geschichten erleben Menschen trotz ihres Glaubens Hoffnungslosigkeit. Seelsorge ist Begleitung im Jetzt, trotz oder gerade wegen allem. Hoffen in der Seelsorge heißt, mit jemandem zu hoffen, seine oder ihre Perspektive auf Morgen zu hören und ernstzunehmen, Horizonte offenzuhalten, wo möglich. Und in dem, was wir gemeinsam nicht sehen können, auf Gott zu hoffen. Dieses solidarische Begleiten verzichtet darauf, Hoffnung(sgefühle) von anderen zu erwarten oder ihnen nahelegen zu wollen (auch wenn das gut gemeint ist). Seelsorgende Begleitung versinkt aber auch nicht in der gemeinsamen Hoffnungslosigkeit. Behutsam versucht sie, Dunkles auszuhalten, Funken zu nähren, kleine Pflänzchen zu gießen, an Ressourcen anzuknüpfen und die oft vorhandene Gleichzeitigkeit der Gefühle, Erwartungen, Perspektiven und ihre Ambivalenz sorgsam mitzutragen.

Warum braucht Hoffnung das Miteinander?

Allein zu hoffen ist schwer, gemeinsam geht es leichter. Indem wir erzählen von unseren Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten, von Perspektiven und Verzweiflung, von Momenten der Dunkelheit und der Freude. Füreinander und miteinander können wir also eine Menge tun. In einer Studie mit Seelsorgenden, die sich um suizidale Patient*innen kümmerten, war „Hoffnung bewahren“ eine der wichtigsten seelsorglichen Überzeugungen, die die Seelsorgenden nannten. Besonders dann, wenn es die Patient*innen selbst nicht für sich tun konnten. In vielen Beispielen nannten sie gerade ihren eigenen Glauben als eine Ressource in der Begegnung mit hoffnungslosen Menschen, die sich so nahe dem Tod fühlten und nicht sicher waren, ob sie weiterleben können oder wollen würden.
 
Gerade dann, wenn es ganz dunkel ist, kann diese Hoffnung von Menschen selten geteilt, gefühlt oder wahrgenommen werden. Oft aber sind sie nach dieser ganz dunklen Zeit der Verzweiflung aber sehr dankbar für die Begleitung von anderen, die sie nicht im Stich lassen und der Hoffnungslosigkeit preisgeben, sondern sie behutsam durch das Dunkel begleitet haben und an das Morgen geglaubt haben – trotz allem.
 
 
 
Weiterführende Literatur der Autorin:
Haußmann, A. (2025). Macht Glaube gesund? Gesundheit und Religion im interdisziplinären Diskurs. Praktische Theologie, 60(1), 24–33. https://doi.org/10.14315/prth-2025-600106  
 
Haußmann, A. (2019). Ambivalenz und Dynamik: Eine empirische Studie zu Religion in der häuslichen Pflege. Praktische Theologie im Wissenschaftsdiskurs: Vol. 26. De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110632880