Charismatische Gruppen
Die charismatische Bewegung (Pfingstbewegung) begann in den 60er-Jahren und kommt aus den USA. Wert gelegt wird auf Frömmigkeit, die den Menschen nach Leib und Seele bestimmt. Betont wird mehr die Auferstehung Christi als sein Kreuzestod und das belebende, erneuernde Wirken des Heiligen Geistes. In den Gottesdiensten steht der Lobpreis Gottes im Mittelpunkt. Menschen werden öffentlich mit Handauflegung gesegnet. Die Geistesgaben Zungenrede, Krankenheilung und Prophetie werden in der Pfingstbewegung gepflegt.
Während die „Geistliche Gemeindeerneuerung“ (seit 1984) bewusst in der evangelischen Landeskirche arbeitet, haben sich manche charismatisch orientierte Christen von den Landeskirchen gelöst und eigene charismatische Freikirchen gegründet.
Hochkirchliche Gruppen und Kommunitäten
Innerhalb der evangelischen Kirchen gibt es aber auch Kreise, denen gregorianische Stundengebete, eine Vielfalt von Symbolen sowie ein liturgisch reich gestalteter Gottesdienst mit regelmäßiger Feier der Eucharistie besonders am Herzen liegen. Die seit 1923 bestehende Berneuchner Bewegung und die 1931 gegründete Evangelische Michaelsbruderschaft wirkten viel für liturgische Erneuerung und geistliches Leben in den evangelischen Kirchen.
Nach 1945 wurden eine ganze Reihe von evangelischen Schwesternschaften und Bruderschaften gegründet, in denen in strengerer oder freierer Form die klassischen klösterlichen Gelübde eingehalten werden. Teilweise sind sie pietistisch oder evangelikal geprägt, teilweise hochkirchlich mit starker Betonung der gesamtkirchlichen Tradition. Zu nennen sind etwa die Evangelische Marienschwesternschaft (1947), die Christusbruderschaft Selbitz, die Communität Casteller Ring, die Christusträger und die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal.
Die Bruderschaft in Taizé in Burgund wurde in den Jahren 1940 bis 1942 von dem schweizerischen reformierten (!) Pfarrer Roger Schutz gegründet. Die Mitglieder waren zunächst alle evangelisch. Inzwischen kommen die Taizé-Brüder aus allen Konfessionen.
Die Freikirchen
Es ist noch gar nicht so lange her, dass man katholischerseits die in unserem Sprachraum als kleine Gemeinden auftretenden klassischen Freikirchen, wie etwa die Methodisten oder die Baptisten, unbefangen als Sekten bezeichnete oder sie zumindest stark in deren Ecke stellte. Dies hat sich radikal geändert. Entscheidend ist die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche in der ACK auf verschiedenen Ebenen. Das Spektrum der Freikirchen ist groß und nicht leicht abzugrenzen.
Selbstverständnis und Anliegen der Freikirchen
Obwohl die Freikirchen einen bestimmten Typ von Kirche darstellen, ist es ein Wagnis, ihre Vielfalt auf einen Nenner bringen zu wollen. Jede einzelne ist in einer bestimmten geschichtlichen Situation entstanden und von dieser geprägt, auch von ihren Gründerpersönlichkeiten und ihrem Gegenüber.
Die Freikirchen wenden sich dezidiert gegen das volkskirchliche Prinzip, nach dem unterschiedslos durch die Taufe der Säuglinge Menschen ohne eigene Entscheidungsmöglichkeit in die Kirchenzugehörigkeit geführt werden. Die persönliche, bewusste und freiwillige Entscheidung für Jesus Christus als den Retter und Heiland ist die absolute Bedingung für die Aufnahme in die Mitgliedschaft einer Freikirche. Sie wollen im Rückgriff auf die neutestamentliche Tradition Gemeinden wahrhaft Glaubender sein und tolerieren keine Namenchristen in ihren Reihen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass einige Freikirchen die Säuglingstaufe verwehren (Baptisten) und nur gläubige Erwachsene taufen oder sogar wiedertaufen.
Die Freikirchen wollen aus grundsätzlichen Erwägungen frei sein von jeder Bindung und Abhängigkeit, insbesondere vom Staat. Weil Christsein auf der persönlichen Entscheidung beruht, lehnen die Freikirchen jede Gleichsetzung von bürgerlicher und christlicher Gemeinde ab. Die Freikirchen wollen in allen ihren Belangen unabhängig, ohne Reglementierung von außen, selbständig aus dem Glauben entscheiden können. Das impliziert, dass sie Hilfeleistungen oder Privilegien seitens des Staates konsequent ablehnen, wie etwa die Kirchensteuer. Ihre Mitglieder leisten freiwillig hohe finanzielle Beiträge, die meist über dem Ansatz der Kirchensteuer liegen, so dass sie sich im Sinne der Unabhängigkeit eigene Ausbildungsstätten leisten können und im Verhältnis zu den Großkirchen erstaunliche Leistungen im diakonischen Bereich erbringen.
In den Freikirchen ist die einzelne Gemeinde besonders wichtig, Zusammenschlüsse sind eher locker und haben weniger Verbindlichkeit. Sie wollen keine Pastorenkirche sein, sondern konsequent das Prinzip des „Priestertums aller Glaubenden“ leben. Auch wenn sie wohl den besonderen Dienst des ausgebildeten Predigers oder Pastors kennen, so sind nicht diese Dienste oder Ämter konstitutiv, sondern die Gemeinschaft der Glaubenden.
Eine wesentliche Aufgabe sehen die Freikirchen in der Mission und zwar im Sinne der Erweckung der Menschen zur persönlichen Nachfolge Christi. Dieser Ruf richtet sich auch an Getaufte, die bislang nur Namenchristen sind. Dass sie damit nicht selten in Konflikt mit den Volkskirchen geraten, liegt auf der Hand.
Gruppen der Freikirchen
Alle Freikirchen aufzuführen und zu behandeln, braucht einen weiteren Vortrag, daher ganz grob: Man kann drei Gruppen von Freikirchen unterscheiden: 1. Täuferische Gemeinschaften, 2. pietistisch-erweckliche Gemeinschaften und 3. Friedens- und sozialdiakonische Gemeinschaften.
Zu den Täuferkirchen, die im Sinne des gerade Gesagten die Taufe der Erwachsenen konsequent leben und verbreiten, gehören etwa die Mennoniten und die Baptisten (Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden).
Zu den erwecklichen Gemeinschaften gehören etwa die Methodisten, die Freien Evangelischen Gemeinden (Bund Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland) oder die Herrnhuter Brüdergemeinde.
Die vor allem friedens- und sozialdiakonisch orientierten Gemeinden sind etwa die Quäker oder die Heilsarmee.