Prof. Dietrich Ritschl verstorben

Ein Nachruf von Gesine von Kloeden und Andreas Weisbrod

Am 11. Januar 2018 verstarb Prof. Dietrich Ritschl, PhD., DD, Dr.h.c.mult. im Alter von fast 89 Jahren in der Schweiz. Ritschl lehrte von 1983 bis 1999 Systematische Theologie an der Heidelberger Theologischen Fakultät, wo er das von Edmund Schlink gegründete Ökumenische Institut und Studentenwohnheim leitete.
 
Dort war er an der Ausbildung vieler badischer Pfarrerinnen und Pfarrer und Lehrerinnen und Lehrerinnen beteiligt und begleitete eine große Zahl von Doktoranden und Doktorandinnen bei ihrer Promotion. Besonders die Stipendiaten aus der Ökumene lagen ihm am Herzen: von Ungarn bis Korea kamen junge Theologen, um bei ihm zu promovieren. Viele hätten ihr Doktorat nie abgeschlossen, wenn er nicht die Weichen der Prüfungsordnung so gestellt hätte, dass sie statt jahrelanger Sprachkurse in Hebräisch und Griechisch an ihrem Thema arbeiten durften. Er selbst war bereits als junger Mensch mit seiner Frau Rosemarie Courvoisier und den vier Söhnen Gast in der weiten Ökumene gewesen.

Als junger Pfarrer hatte Dietrich Ritschl in den 50er Jahren in Schottland eine deutschsprachige Auslandsgemeinde aufgebaut. Obwohl sein Weg ihn von dort in die Welt der akademischen Theologie führte – zunächst 1958 in die USA, später nach Australien und Neuseeland und schließlich an die Universitäten in Mainz (1970) und Heidelberg (1983) und an die Gregoriana in Rom (1991/92) – sagte er von sich selbst, er sei im Herzen immer ein Pfarrer geblieben.
 
„Menschen sind wichtiger als Bücher und die Kirche ist wichtiger als die Theologie“, war seine Überzeugung. Nicht weil Bücher und die Theologie für ihn bedeutungslos gewesen wären, aber sie waren Werkzeuge, einander zu begegnen und glaubhaft von Gott in der Welt zu reden. Ritschls umfassende Kenntnisse von der Dogmengeschichte der Alten Kirche bis zur Philosophie, von der Psychotherapie bis zur medizinischen Ethik haben deshalb so viele Menschen beeindruckt, weil er das, was er lehrte, auch lebte, weil er Erkenntnisse aus Theologie und Ethik immer dem „Bewährungsfeld“ der Begegnung mit seinen Schülerinnen und Patienten aussetzte, weil sich sein theologisches „Story-Konzept“ mit seinem eigenen Leben verwob.

Vielen unvergessen sind die „Grundkurse Systematische Theologie“, die Ritschl mehrfach mit Heidelberger Kollegen hielt und an denen nicht selten bis zu 1000 Studierende teilnahmen. Oft folgten Gastdozenten aus anderen Ländern und Kontinenten seiner Einladung nach Heidelberg, um die wissenschaftliche Lehre dort mit ihren Perspektiven und Einsichten zu bereichern. Fast noch faszinierender als den Gästen zuzuhören, war für die Studierenden, den Diskurs ihres Lehrers mit den anderen Dozenten mitzuerleben, zeichneten sich diese Diskurse doch durch eine große Offenheit aus, in denen die Lehrer sich zugleich als Lernende erwiesen. Jegliches professorale Gehabe war Ritschl zuwider, und so erlebten ihn seine Gesprächspartner als einen, der zuhörte, der klug fragen konnte und dessen Sprache sich eher vortastete, anstatt zu behaupten. Es lag ihm fern, seine Meinung durchzusetzen; vielmehr ließ er sich neugierig auf ein Thema ein, um es mit seinem Gegenüber gemeinsam zu beleuchten und zu vertiefen.

Seinen Mittelpunkt hatte Dietrich Ritschl mit seiner Familie in Reigoldswil, im Schweizer Kanton Basel Land. Hier, im Haus unter dem großen alten Nussbaum, hatte er seine Heimat gefunden. Von hier hielt er bis zu seinem Tod freundschaftlichen Kontakt mit seinen früheren Doktorand*innen, mit Kolleg*innen aus aller Welt, aber auch mit ehemaligen Gemeindegliedern aus Ziefen und Schottland und nicht zuletzt mit den Nachbarn aus Reigoldswil, die ihm liebgeworden waren.

Viele werden ihn und seine Treue schmerzlich vermissen.
Auch die Evangelische Kirche in Baden verliert mit Dietrich Ritschl einen hervorragenden Lehrer der Heidelberger Fakultät, einen Pfarrer, der mit mehreren Generationen von Studierenden wunderbare Gottesdienste in der Peters- und Heilig-Geist-Kirche gefeiert hat, und einen großen Menschen.
 

Pfarrerin Dr. Gesine v. Kloeden/ Schuldekan Andreas Weisbrod