Telefonseelsorge - Beistand für Menschen in Not

Gottesdienst zum 50jährigen Jubiläum der Telefonseelsorge Rhein-Neckar in Mannheim - Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer über Lukas 13,10-13

Als Wort der Bibel hören wir aus dem 13. Kapitel des Lukas-Evangeliums die Verse 10-13:
Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge. Dort saß eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Dämon geplagt wurde; ihr Rücken war verkrümmt, und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augeblick richtete sie sich auf und pries Gott.


Liebe Schwestern und Brüder,
ich sehe sie vor mir - diese Frau in der Synagoge einer ungenannten Stadt in Palästina. Da steht sie: verkrümmt, körperlich und seelisch verkrümmt. Krumm geworden vor Kummer und unsagbarem Leid. Geplagt seit 18 Jahren durch einen Geist der Schwachheit. Was hat sie alles durchmachen müssen! Körper und Seele sind verletzt und beschädigt, verkrümmt und verbogen. Aufsehen, aufrichten, gerade sein, den Himmel und die Sonne, Menschen und Gesichter sehen - unmöglich. Hoffnungslos lebt sie dahin, übergangen von den Menschen, übersehen, ausgeblendet von den andächtig Betenden in der Synagoge. Abseits der Betenden hat sie ihren Platz eingenommen, ganz hinten, ganz am Rande. Das gebietet die religiöse Ordnung. Sie sieht nur das, was sie 18 Jahre lang gesehen hat: Erde und Schuhe, Dreck und Abfall.


Der Blick Jesu, sein Wahrnehmen löst einen Impuls aus, eine Bewegung.

Und Jesus? Er sieht sie. Nimmt sie wahr - da hinten, ganz am Rande stehend. Was er sieht, berührt ihn so, dass er heilige Ordnungen außer Kraft setzt, auch die heilige Ordnung des Sabbats. Der Blick Jesu, sein Wahrnehmen löst einen Impuls aus, eine Bewegung. Er ruft die Frau zu sich. Sie hört seine Stimme. Sie setzt sich in Bewegung. Mühsam und langsam. Sie setzt außer Kraft, was sie seit 18 Jahren gelernt und praktiziert hat. Durch die Synagoge geht sie nach vorn. Sie nimmt all ihre Kräfte zusammen. So beginnt ihr Heilwerden, indem sie ganz vom Rand her in die Mitte tritt. Hin zu Jesus. Heilung vom Rande her. Jesus gibt alle Distanz auf. Legt ihr die Hände auf. Berührt den verkrümmten Rücken, den Kopf, ihr Gesicht. Vielleicht bückt er sich auch, um ihr in die Augen sehen zu können. So wird die Frau gesund, nein: heil. Sie richtet sich auf, wird gerade, verliert ihre Schwachheit, empfängt den Geist der Aufrichtigkeit, den Heiligen Geist.

Ich sehe sie vor mir, die verkrümmten Menschen unserer Tage, die oft ganz am Rande stehen, verkrümmt und verbogen durch grausame Lebensschicksale: Den Mann, der unter seiner schweren Arbeit mit Wechselschicht leidet. Die Arbeit macht ihn kaputt. Sie verhindert, dass er soziale Kontakte pflegen kann. Er fühlt sich nicht geachtet von anderen und hat auch jede Selbstachtung verloren.
Ich sehe sie vor mir - die psychisch Kranke, die seit vielen Jahren schon nichts mehr zu Wege bringt. Die keinen Ausweg mehr weiß.
Ich sehe sie vor mir - die Frau, die unter einer schrecklichen Belastung leidet. Sie kann sich von ihrer Tochter nicht lösen. Ein jahrelanger Kreislauf, der nicht enden will.
Ich sehe ihn vor mir - den Mann am Ende seines Lebens. Er hat zwei behinderte Kinder, um die er sich kümmert. Auch seine Frau ist behindert. Er hat sein eigenes Leben ganz „abgestellt“.
Ich sehe sie vor mir, die verkrümmten Menschen unserer Tage.

Und vielleicht denken wir auch an uns selbst, an unsere Verkrümmungen, die Spuren hinterlassen haben in unserem Körper und in unserer Seele. Manches, was wir mal konnten, geht nicht mehr. Unsere Beweglichkeit hat gelitten, aber wir verbergen es lieber vor uns selbst und vor anderen. Wir tragen es - oft lange, 18 Jahre oder länger. Ja, wie schwer ist es, die Verkrümmungen im Leben anzuerkennen. Wie schwer, sich mit diesen Verkrümmungen anderen zu öffnen. Wie schwer ist es, den Weg vom Rand her in die Mitte zu wagen!


Wie Jesus einst in jener Synagoge so muss die Kirche in seiner Nachfolge die Menschen am Rande wahrnehmen. Muss sich an die Ränder begeben, um heilen zu können.

Indem wir dies feststellen, erkennen wir, wo der Ort einer Kirche ist, die in der Nachfolge Jesu zu leben versucht. Wie Jesus einst in jener Synagoge so muss die Kirche in seiner Nachfolge die Menschen am Rande wahrnehmen. Muss sich an die Ränder begeben, um heilen zu können. Kirche ist in diesem Sinn eine „Randerscheinung“, eine Erscheinung, die an den Rändern des Lebens erscheint, um Menschen mit ihren Verkrümmungen aufzurichten. Heilung geschieht von den Rändern her. Darum ist es für die Kirche Jesu Christi notwendig und Not wendend zu sehen, wo der Rand ist, der Rand einer Gesellschaft, der Rand einer Lebensbeziehung, der Rand eines Lebensentwurfes, von dem Menschen ins Bodenlose zu stürzen drohen. Wo ist der Rand des Lebens, an dem so vieles abbricht? Wo ist der Rand des Lebens, auf den so vieles einwirkt, was krumm macht?


Jesus hat die Menschen an den Rändern wahrgenommen. Er hat sich nicht mit frommen Worten die Not vom Leibe gehalten.

Ja, Menschen an den Rändern sind so etwas wie Sensoren für Entwicklungen des Lebens, besonders empfindlich, aber eben auch besonders gefährdet. Jesus hat die Menschen an den Rändern wahrgenommen. Er hat sich nicht mit frommen Worten die Not vom Leibe gehalten. Er hat die Frau vom Rand her zu sich in die Mitte gerufen und hat sie heilend berührt. Darum muss eine Kirche, die ihm nachfolgen will, Menschen an den Rändern in besonderer Weise wahrnehmen und von den Rändern her heilend hineinwirken in das Leben von Menschen und in das Leben unserer Gesellschaft.


Genau dies versuchen die Mitarbeitenden in der Telefonseelsorge. Sie hören zu und nehmen die Anrufenden ernst, oft der erste Schritt, um sich aus der Verkrümmung aufrichten zu können. Sie geben in den Telefongesprächen Anstöße, nicht selten auch Anstöße, welche die Lähmung durch Not überwinden.

Wie wohl keine andere Einrichtung der Kirche versucht genau dies die Telefonseelsorge. Bei ihr wagen es Menschen an den Rändern, mit ihren Verkrümmungen sich anderen zu öffnen. Menschen, die oft sprachlos geworden sind durch das verkrümmende Leben am Rande, sie greifen zum Telefon und beginnen, ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Sie sprechen von ihrer Ohnmacht und Hilflosigkeit, von ihrem Verkrümmtsein in sich selbst. Sie beginnen zu reden voller Vertrauen. Menschen, denen durch ihre Lebensgeschichte die Luft zum Atmen fehlt, sie verschaffen sich mit einem Anruf Luft. In einer Welt, in der technische Fertigkeiten und Hilfsmittel in ungeahntem Maße rasant zunehmen, scheint die soziale Kompetenz immer mehr abzunehmen. Es fehlen Entfaltungsräume für das Klagen, für das Weinen, für das Stammeln. Es fehlen Räume, in denen elementare Bedürfnisse wahrgenommen und aufgefangen werden. Genau dies versuchen die Mitarbeitenden in der Telefonseelsorge. Sie hören zu und nehmen die Anrufenden ernst, oft der erste Schritt, um sich aus der Verkrümmung aufrichten zu können. Sie geben in den Telefongesprächen Anstöße, nicht selten auch Anstöße, welche die Lähmung durch Not überwinden. Die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge versuchen, sich zu den Anrufenden zu stellen; selbst wenn sie keinen Weg der Heilung sehen, so können sie doch den Menschen in Not beistehen. Sie lassen sich von der Not der Anrufenden berühren, so kann Veränderung eingeleitet werden. Das „hörende Sehen“ der Anderen, das Bemühen, durch intensives Zuhören und behutsames Raten den Abstand zu den Hilfesuchenden zu verringern, schafft eine Berührung, aus der Heilung erwachsen kann. Wie heilsam und segensreich ist doch dieser Dienst an den verkrümmten Menschen unserer Tage!


Heilsames Zuhören gegenüber den Verkrümmten und heilendes Eintreten gegen alles, was Menschen verkrümmt, gehören zusammen, wenn es gilt, Zeugnis für Gottes Heil abzulegen. Dem tröstenden, seelsorgerlichen muss das prophetische, mahnende Wort zur Seite treten.

Aber überschätzen wir auch die Arbeit der Telefonseelsorge an dieser Stelle nicht: Sie ist im besten Fall immer nur ein erster Schritt der Heilung. Viele weitere müssen folgen, ehe aus verkrümmten Menschen wieder gesunde aufrechte Menschen werden können. Deshalb darf eine Kirche, die in der Nachfolge Jesu zu leben versucht, sich nicht damit abfinden, dass sie in der Arbeit der Telefonseelsorge ja die Ränder des Lebens wahrnimmt. Sie muss darüber hinaus auch durch ihr Wirken in die Gesellschaft hinein immer wieder Menschen die Augen öffnen für die Ränder des Lebens. Sie muss den Menschen die Augen öffnen für das, was Menschen verkrümmt - nicht nur in persönlichen Lebensschicksalen, sondern auch durch Zwänge unserer Gesellschaft. Deshalb ist auch die Konkordienkirche, in der alljährlich die Vesperkirche durchgeführt wird, mit der Menschen am Rand besonders intensiv wahrgenommen werden, deshalb ist also diese Kirche der richtige Ort für das Jubiläum der Telefonseelsorge. Dieser Ort erinnert daran, dass die Seelsorge an den Verkrümmten und das Eintreten gegen alles, was Menschen verkrümmt, in einer Kirche Jesu Christi untrennbar zusammen gehören. Indem eine Kirche dieses beides tut, ist sie Kirche, die heilsam und heilend wirkt in der Nachfolge ihres Heilandes Jesus Christus. Heilsames Zuhören gegenüber den Verkrümmten und heilendes Eintreten gegen alles, was Menschen verkrümmt, gehören zusammen, wenn es gilt, Zeugnis für Gottes Heil abzulegen. Dem tröstenden, seelsorgerlichen muss das prophetische, mahnende Wort zur Seite treten, etwa dieses inzwischen altvertraute Wort einer Bettina Wegner, einer Frau, die in Zeiten schlimmer gesellschaftlicher Bedrückung Menschen durch ihre Worte geholfen hat, aus ihren Verkrümmungen befreit zu werden:
Sind so kleine Hände, winz‘ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.
Sind so kleine Füße, mit so kleinen Zehn. Darf man nie drauf treten, können sonst nicht gehn.
Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei. Darf man niemals quälen, gehn kaputt dabei.
Ist so‘n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht. Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.
Grade, klare Menschen wär‘n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat hab‘n wir schon zuviel.

Gott, schenke uns einen wachen Blick für Menschen an den Rändern des Lebens.
Lass uns das gute Wort finden, das hilft, Menschen aus ihren Verkrümmungen zu befreien.
Und gib uns den Mut einzustehen gegen alles, was das Rückgrat von Menschen zu verbiegen droht.
Amen.