„Die Pandemie lehrt uns Demut"
Landesbischof Cornelius-Bundschuh zu Weihnachten in Zeiten von Corona
Karlsruhe, (22.12.2020). Die Corona-Pandemie zeige den Menschen ihre Grenzen auf und lehre Demut, sagte Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. Die Maxime „immer mehr, immer schneller, immer besser» gehe mit einem Verlust an Lebensqualität und Glück einher. Der Landesbischof zeigte sich zugleich berührt, mit welcher Intensität und Kreativität in den Familien derzeit um Weihnachten gerungen werde.

epd: Herr Landesbischof, wie erleben Sie die Adventszeit in diesem Jahr persönlich?
Cornelius-Bundschuh: Ich liebe den Advent: das gemeinsame Singen, die Begegnungen, das gemeinsame Schmücken, Päckchen packen. Mir fehlen die Treffen mit meinen Enkeln. Es ist wirklich eine Zeit des Wartens in diesem Jahr: Wann können wir uns endlich wieder ungezwungen in den Arm nehmen?
Ich habe den Eindruck, so geht es vielen. Einige sind besonders betroffen: junge Menschen, die ihre Freundinnen und Freunde vermissen, Menschen, die allein leben. Was macht die Tante, die jedes Jahr an Weihnachten zu Besuch kommt, dieses Jahr? Oder die Menschen in Kliniken, in Altersheimen, in Einrichtungen für psychisch, geistig oder körperlich Eingeschränkte.
Da sind wir als Kirche in der Seelsorge gefragt, aber auch jeder und jede von uns: Wer wartet auf meinen Anruf, meine WhatsApp-Nachricht, meine Karte, meine Mail? Andererseits staune ich über die Kraft, mit der viele durch diese Wochen gehen und für andere da sind: mit schönen Briefen und berührenden Videos der Kinder und Enkelkinder, mit Gemaltem und Gebasteltem, mit langen Telefonaten und Videochats.
epd: Ersetzt das Warten auf das Ende der Pandemie und den Impfstoff diesmal das Warten auf Weihnachten?
Cornelius-Bundschuh: Natürlich hoffen viele, wie ich, auf das Ende der Pandemie und darauf, dass die Impfung hilft und möglichst wenig Nebenwirkungen oder unerwünschte Langzeitfolgen hat. Aber den meisten ist nach diesen vielen Monaten auch klar, dass es um mehr als um eine schnelle technische Lösung geht.
Die Pandemie führt uns an unsere Grenzen und lehrt uns Demut. Wir erkennen: Wir sind nicht in der Lage, alles zu kontrollieren. Wir erkaufen das Streben nach immer mehr, immer schneller, immer besser, mit einem Verlust an Lebensqualität und Glück, mit den Gefahren, die uns der Klimawandel, der Verlust der Biodiversität und jetzt die Pandemie drastisch vor Augen führen.
Das Glück kennt ein Genug. Davon erzählen die Bilder des Vertrauens und der Hoffnung, die sich mit der Weihnachtsgeschichte verbinden: Sie beginnt im Stall und nicht in einem Palast. Sie zeigt uns, was im Leben wirklich trägt: die Liebe der Eltern zu ihrem Kind; sich aufeinander verlassen und füreinander da sein.
epd: Bleibt dieses Jahr mehr Zeit für Besinnung oder bedeutet es mehr Stress?
Cornelius-Bundschuh: Beides: Die große Unsicherheit: «Wie geht das weiter? Bleibe ich, bleiben meine Lieben gesund?» setzt viele Menschen sehr unter Druck. Die Unklarheit und die Notwendigkeit immer neuer Regelungen belasten uns. Zugleich erlebe ich, wie es Menschen gelingt, innezuhalten und die Zeit zu nutzen, um sich neu zu orientieren und Kraft zu schöpfen.
Die Belastungen sind sehr unterschiedlich, je nach der Lebenssituation, in der Menschen sich befinden. Wer Sorge hat, dass er sein Geschäft, sein Restaurant nachher nicht mehr weiterbetreiben kann, wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet oder auf einmal viel weniger verdient, für den ist es viel schwieriger, diese Zeit für eine Besinnung oder gar ein Auftanken zu nutzen.
Deshalb kommt es darauf an, dass wir als Gesellschaft zusammenhalten und einander unterstützen. Wir müssen als Sozialstaat Wege finden, die sozialen und wirtschaftlichen Lasten dieser Pandemie gerecht zu verteilen. Wer jetzt gut durchkommt, kann viel dazu beitragen, die Lasten der anderen mit zu tragen.
epd: Sie betonen, dass Gottesdienst, Seelsorge und Nächstenliebe in der Corona-Pandemie ebenso wichtig sind wie Bildung und Wirtschaft. Warum?
Cornelius-Bundschuh: Weil wir gerade in Krisenzeiten das besonders brauchen, was uns trägt und stärkt. Viele sind angestrengt und erschöpft in dieser zweiten Welle der Pandemie. Sie hoffen auf gute Worte und Gebete im Gottesdienst. Sie wollen vor Ort oder zumindest im Fernsehen oder im Internet hören und erleben: Gott ist gegenwärtig und geht mit uns!
Wir brauchen Menschen, die sich um unseren kranken Leib kümmern, aber auch um unsere ausgezehrten Seelen. Wir brauchen Nächstenliebe, die danach fragt: Wie kann ich denjenigen beistehen, die es jetzt besonders schwer haben.
epd: Die Weihnachtsgottesdienste dürfen mit strengen Regelungen gefeiert werden, eine Herausforderung?
Cornelius-Bundschuh: Advents- oder Weihnachtsgottesdienste mit Abstand, ohne gemeinsames, kräftiges «Macht hoch die Tür» oder «O du fröhliche», immer mit der Sorge sich anzustecken, das ist eine Herausforderung. Ich hoffe, dass wir uns als Kirche und als Christenmenschen in dieser Krise darin bewähren, da zu sein für die Menschen, ihnen Mut zu machen und sie darin zu bestärken, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Mir ist «Brot für die Welt» dabei besonders wichtig; dass wir die nicht vergessen, die es auf dieser Erde besonders schwer haben.
epd: Wie werden Sie dieses Jahr Weihnachten feiern?
Cornelius-Bundschuh: Ich freue mich auf Weihnachten, auf das Atemholen, die Kraft dieses Festes. Wenn meine Familie Lust hat, werden wir auch das Video mit der Weihnachtsgeschichte und Weihnachtsliedern aus dem Stall anschauen, dass ich vor einigen Tagen aufgenommen habe. Am 1. Weihnachtstag werde ich zwei Gottesdienste in der Stadtkirche feiern, wenn die Inzidenzzahlen in Karlsruhe das erlauben.
Das große Familienweihnachten am Abend des 1. Weihnachtstages mit 50 und mehr Verwandten, auf das ich mich jedes Jahr freue, fällt leider aus. Meine Frau und ich feiern mit unseren beiden jüngeren Kindern und wahrscheinlich dem Schwiegervater.
In den Vorjahren haben wir uns am zweiten Feiertag mit der Familie meiner Schwester und meinem älteren Sohn, seiner Frau und den beiden Enkeln mit meiner Mutter getroffen. Das wird dieses Jahr nicht möglich sein; wahrscheinlich werde ich meine Mutter im Altenheim nur allein besuchen können.
Quelle: epd
Hören Sie hier den „Sonntagsspaziergang“ von SWR-Redakteur Jürgen Essig mit Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh: https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/karlsruhe/sospaz-cornelius-bundschuh-online-100.html