„Wir schweigen nicht, wenn Synagogen brennen“
Zum Anschlag auf die Synagoge in Ulm
Karlsruhe, (07.06.2021). Nach einem Brandanschlag auf die Synagoge in Ulm am Samstag fahndet die Polizei nach dem Täter, der Staatsschutz wurde hinzugezogen. Kirche und Landesregierung verurteilen die Tat scharf - jüdische Vertreter warnen vor zunehmenden Antisemitismus.
Klaus Müller, Landeskirchlicher Beauftragter für das christlich-jüdische Gespräche, äußerte sich dazu wie folgt: "Mit großer Bestürzung und Trauer hören wir vom Brandanschlag auf die Synagoge in Ulm. Der Angriff auf ein jüdisches Gotteshaus ist zugleich ein Angriff auf die Gemeinschaft zwischen Juden und Christen und allen Menschen, die guten Willens sind. Mit Ulm sind wir alle getroffen und jeder Ort, wo jüdische Menschen mit uns leben. Nein, wir schweigen nicht, wenn Synagogen brennen! Wir wollen und werden uns nicht damit abfinden und bekräftigen unsere Freundschaft und Verbundenheit miteinander. Der Anschlag in Ulm macht das Band zwischen uns nur noch enger und fester – das sagen wir den jüdischen Gemeinden heute aufs Neue zu."
Lesen Sie dazu auch die folgende epd-Meldung:
Nach dem Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge hat der Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik den Zusammenhalt in der Gesellschaft gelobt. „Die Solidarität und Zivilcourage, die wir in den letzten Stunden erlebt haben, ist enorm und beruhigt uns“, sagte Trebnik am Sonntag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dass ein Passant nicht wegschaue, sondern ohne zu Zögern Polizei und Feuerwehr anrufe und Menschen füreinander einstehen, sei ein wichtiges Signal - auch für seine Gemeinde, die nach der Tat beunruhigt sei und sich Sorgen mache.
Am Samstagabend gab es eine spontane Mahnwache vor der Synagoge mit rund 200 Menschen. In allen Kirchen Ulms ist am Sonntagmorgen für die jüdische Gemeinde in Ulm gebetet worden, anschließend folgte eine Solidaritätsbekundung auf dem Münsterplatz.
Nach Ansicht des Ulmer Rabbiners müssten noch klarer Grenzen gezogen werden, was erlaubt sei, und wo Hass beginne. Denn: „Die Täter ziehen die Grenzen immer weiter.“ In der Nacht zum 13. Mai hätte ein Unbekannter eine Scheibe an der Mannheimer Synagoge zerschlagen: „Ist das ein solch großer Unterschied zu unserer Tat?“, fragte er.
Ein Unbekannter soll nach Polizei-Angaben am Samstagmorgen einen Brandanschlag auf die Synagoge in Ulm verübt haben. Ein Zeuge habe gegen 8 Uhr einen Mann beobachtet, der an der Synagoge eine Flüssigkeit aus einer Flasche auf den Boden goss und anzündete, teilte das Polizeipräsidium Ulm mit. Der Zeuge habe sofort Feuerwehr und Polizei angerufen, Minuten später habe die Feuerwehr die Flammen gelöscht.
Der Sachschaden beschränke sich auf eine verrußte Fassade samt einer Glasscheibe. Die Polizei ermittelt wegen versuchter Brandstiftung, der Staatsschutz wurde hinzugezogen. Wie das Staatsministerium mitteilte, wurden die Schutzmaßnahmen in Ulm hochgefahren. Außerdem werde geprüft, ob dies aufgrund der aktuellen Situation auch bei anderen jüdischen Einrichtungen im Land nötig ist.
Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) verurteilte den Brandanschlag. Der „niederträchtige Anschlag“ zeige „das heimtückische Gesicht des Antisemitismus, dem wir klar und deutlich entgegentreten“, sagte er laut einer Mitteilung des Staatsministeriums in Stuttgart.
Der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July, sagte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Der verabscheuenswürdige Brandanschlag auf die Synagoge in Ulm hat uns tief erschüttert. Das hässliche Gift des Antisemitismus wirkt weiter.“ Es zeige sich erneut, wie wichtig Aufklärung ist.
Laut der Ulmer Prälatin Gabriele Wulz macht der Brandanschlag auf die Synagoge fassungslos und sei doch traurige Realität in Ulm im Jahr 2021. „In den Jahrzehnten des jüdisch-christlichen Gesprächs haben wir gelernt: Wer Israel antastet, der tastet Gottes Augapfel an, “ sagte sie dem epd.
Nach Ansicht des Antisemitismusbeauftragten der baden-württembergischen Landesregierung, Michael Blume, müsse man sich auch in Baden-Württemberg der bitteren Wahrheit stellen: Während die allgemeine Kriminalität sinke, radikalisiere sich der Antisemitismus weiter. „Doch diesmal lassen wir unsere jüdischen Gemeinden nicht alleine“, so Blume gegenüber dem epd.
Das Internationale Auschwitz-Komitee hat vor einer Zerstörung der Demokratie durch Antisemitismus gewarnt. Mit jedem Anschlag auf jüdische Gebäude und jüdisches Leben wachse die Angst der Überlebenden des Holocaust, dass „die Schlacht gegen den aktuellen Antisemitismus in Wirklichkeit längst verloren ist und sie ihren Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen, in der auch ein neues Auschwitz möglich sein kann“, erklärte der geschäftsführende Vizepräsident des Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, am Wochenende in Berlin: „Haben die Menschen verstanden, dass auch ihre Demokratie im Strudel dieses antisemitischen Hasses zerstört wird?“
Der Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland teilte in einer Mitteilung am Sonntag mit: „Es ist absolut schockierend zu sehen, wie immer unverhohlener und hemmungsloser jüdisches Leben in Deutschland attackiert wird - ausgerechnet am heiligen Schabbat - und diese Angriffe nicht nur weiter zunehmen, sondern auch in immer kürzeren Abständen geschehen.“ All diese Einzelfälle summierten sich zu einer Stimmung, die nicht zuletzt durch Corona-bedingte Verschwörungstheorien, digitalen Hass sowie die Präsenz falscher Narrative zum Nahost-Konflikt spürbar antisemitischer und antiisraelischer geworden sei. „Wenn wir alle nicht mit Hand, Kopf und Herz dagegen ankämpfen, droht das Gift des Antisemitismus unsere Gesellschaft zu zerfressen.“
Quelle: epd /
